Kommentar

Die Mär von der Vernunft im Schweizer Eishockey

Es bleibt bei vier Ausländern im Schweizer Eishockey. Die kontrovers diskutierte Erhöhung auf neu sechs Söldner hatte im Hockey-Parlament keine Chance. Um die Klubs zum sparen zu bewegen, gäbe es eine Lösung, die politisch aber nicht durchsetzbar ist: Die 10er-Ligen.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn ausgerechnet Zugs Sportchef Reto Kläy im Vorfeld der Abstimmungs-Diskussionen um die Erhöhung des Ausländer-Kontingents in der höchsten Schweizer Eishockey-Liga davon sprach, dass die Klubs halt generell vernünftiger werden müssten bei ihrer Lohnpolitik. Kläy ist gerade dabei, im Kampf um die beiden Nationalspieler Grégory Hofmann und Enzo Corvi mit der ganz grossen Kelle anzurichten.

700 000 Franken Jahressalär stehen im Raum – pro Spieler wohlgemerkt. Und die alles, nachdem sich die Zuger schon im August die Dienste des besten Goalies im Land, Leonardo Genoni, für fünf (!) Jahre ab der kommenden Saison gesichert hatten. Man kann davon ausgehen, dass auch der aktuelle SCB-Torhüter nicht gerade günstig war in einem sowieso schon masslos überhitzten Markt.

Alle Massnahmen verworfen

Immer wieder ist das Wort „Vernunft“ zu hören im Zusammenhang mit der Kostenexplosion punkto Löhne im Schweizer Eishockey. Über 30 Massnahmen wurden von den Klub-Verantwortlichen offenbar auf der Suche nach möglichen Einsparungen diskutiert. Bis auf eine wurden alle verworfen und als nicht realisierbar eingestuft.

Zuletzt blieb noch die Erhöhung des Ausländer-Kontingents übrig. Und auch dieser Vorstoss, welcher von SC-Bern-Boss Marc Lüthi portiert wurde, wurde an der Nationalliga-Versammlung letztlich deutlich abgelehnt. Nur Bern, Davos und Lausanne stimmten für die Regeländerung. Was einmal mehr eindrücklich aufzeigt. Das Problem ist erkannt. Nur ist keiner willens, wirklich etwas dagegen zu tun.

Am Schluss zucken wieder alle mit der Schulter und schwafeln etwas davon, dass man halt „vernünftig sein muss“. Dass man eben den Forderungen der Spieler und ihrer Agenten nicht mehr um jeden Preis entspricht. Das Problem ist aber, dass sich im Sportbusiness immer wieder einer findet, der die Vernunft nach eigenem Gusto interpretiert und den Rahmen sprengt. Ganz zu schweigen davon, dass die Vernunft sowieso spätestens dann über Bord geworfen wird, wenn die Tabellensituation nicht den Hoffnungen und Erwartungen entspricht.

Billiger oder teurer Ausländer?

Mit diesem Argument haben übrigens auch die Gegner der Ausländer-Initiative gepunktet. Weil absehbar war, dass die an und für sich gute Idee der Initianten, die Söldner Nummer fünf und sechs im Niedriglohnsegment anzusiedeln, im Falle der sportlichen Not sowieso zur Makulatur geworden wäre.

Wieso soll ich auf einen billigen Ausländer setzen, wenn ich kurz vor Transferschluss noch einen Topshot aus der KHL holen kann? Spätestens dann ist die Budgettreue nur noch ein Lippenbekenntnis. Und damit auch die viel zitierte Vernunft.

Aber was tun, damit der unselige Kreislauf durchbrochen wird? Nun, es gäbe eine grundlegende Massnahme, die mehrere Probleme auf einen Schlag lösen würde, politisch aber leider nicht durchsetzbar ist. Die Reduktion der National League und der Swiss League auf jeweils 10 Teams – bei gleichzeitiger Ansiedelung der Farmteams in der drittklassigen Mysports-League. Zwei Profiligen, darunter eine halbprofessionelle, wo die Topklubs ihre Spieler ausbilden können. Es wäre eine Gleichung, die wunderbar aufgehen würde und perfekt für das Schweizer Eishockey wäre.

Chancenlose Reduktion

In der höchsten Spielklasse würde die Anzahl der benötigten Spieler um gut 50 Einheiten reduziert und damit das Problem des überhitzten Transfermarkts gelöst. Und die Swiss League, welche unter der sportlich gut gemeinten, aber finanziell fatalen Integration der Farmteams leidet, würde endlich wieder die Aufwertung und die Perspektiven erhalten, die sie verdienen würde.

Und dies natürlich bei voller Durchlässigkeit mit direktem Auf- und Abstieg zwischen National- und Swiss League, damit man bei einer Relegation – wie aufgrund des riesigen, strukturellen Unterschieds derzeit nötig - nicht gleich die ganze Klub-Organisation auf den Kopf stellen muss.

Doch welcher Boss eines der zwölf aktuellen NL-Klubs würde dafür stimmen, dass die eigene Existenz in der höchsten Spielklasse möglicherweise gefährdet ist? Richtig: Keiner. Genau da liegt eben letztlich wieder der Hund begraben. Im Schweizer Eishockey ist man sich stets selbst am nächsten. Die eigenen Interessen dominieren, statt ganzheitlich zu denken.

Man fragt sich nicht, was ist gut für das Gesamtprodukt, sondern fürchtet den eigenen Verlust. Das ist menschlich, ja. Es soll sich aber ja niemand mehr darüber beklagen, wenn sich die Lohnspirale unaufhörlich nach oben schraubt. Die Vernunft lässt grüssen.

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