Swiss Indoors

Die Linie immer im Visier: Warum gute Linienrichter durch die Hölle gehen müssen

Mathias Giese hat die Linie immer im Blick.

Mathias Giese hat die Linie immer im Blick.

32 Linienrichter sind an den Swiss Indoors im Einsatz. Sie entscheiden innert Sekundenbruchteilen, ob ein Ball drinnen oder draussen ist. Das Hawk-Eye dient auf dem Center Court als Kontrolle, aber ein guter Linienrichter muss vor allem Druck aushalten können.

Spielt Roger Federer auf dem Center Court der St.-Jakobs-Halle, sind die Augen der Zuschauer gebannt auf den Tennisstar gerichtet. Nur die sieben Linienrichter zieht er nicht in seinen Bann. Ihr Fokus gilt einzig und allein den Linien. Unspektakulär in ihrer weissen Farbe, sind sie spielentscheidend. Millimeter können über Sieg oder Niederlage entscheiden. Über Freude oder Frust.

Mathias Giese ist einer dieser Linienrichter, der sekundenschnell entscheidet, ob ein Ball draussen war oder gerade noch an der Linie gekratzt hat. «Kein Mensch kann mir erzählen, dass man auf den Millimeter genau schauen kann», sagt er. Die Anforderungen an ihn und seine Kollegen sind hoch, die Tragweite ihrer Entscheidungen ebenso. Um nicht nur Glück zu beanspruchen, haben sich die insgesamt 32 Linienrichter, die an den Swiss Indoors im Einsatz stehen, bestimmte Techniken angeeignet. Je nach Linie eine andere. «Bei der Grundlinie muss man etwa nicht nur auf die Linie, sondern auch auf das Spielgeschehen achten», sagt Giese. Auch wenn die Entscheidungen teilweise von blossem Auge nicht beurteilt werden können, wird in der Arbeit eines Linienrichters nicht geraten. «Wenn man das macht, geht es meistens in die Hose», sagt Giese und lacht.

Mathias Giese hält nichts davon zu raten.

Mathias Giese hält nichts davon zu raten.

Giese stammt aus Hamburg. Er ist im Jahr 22 Wochen für das Tennis im Einsatz, die meisten davon als Linienrichter. Er war mit seinen zwei Adleraugen bereits an allen vier Grand-Slam-Turnieren mit dabei. «Mir macht es keinen Unterschied, ob ein Federer, ein Qualifikant oder ein Rollstuhlfahrer vor mir Tennis spielt», sagt er. Jeder Spieler verdient den gleichen Respekt. Auch er sei zu Beginn nervös gewesen, vor allem die Spiele mit Boris Becker waren für den Deutschen ein anderes, spezielles Gefühl. «Mit 49 Jahren ist es mir aber jetzt egal, ob ich auf dem Center Court oder auf Platz 25 auf die Linien schaue.»

Die Hawk-Eye-Kontrolle sorgt für Entspannung

Seit einigen Jahren ist ein Fehlentscheid der Linienrichter für alle Zuschauer deutlich sichtbar. Das Hawk-Eye zeigt auf dem Bildschirm, ob zwischen Ball und Linie noch ein Sandkorn passte oder eben nicht. «Die Kontrolle ist für mich eine Entspannung. Die Spieler sind um einiges ruhiger», sagt Giese. Nur wenn man den Ball völlig falsch beurteilt, werden die Spieler auch mal grantig.

Seit über 20 Jahren ist Olivier Hosner in Basel für das Team der 32 Linienrichter, das zur einen Hälfte aus Schweizern und zur anderen aus Ausländern zusammengesetzt ist, verantwortlich. «Wir haben eine sehr hohe Qualität», sagt er. Dank einer Statistik, welche die Trefferquote auswertet, weiss Hosner: Basel zählt zu den besten Hallenturnieren der Welt. Über all die Jahre hat Hosner miterlebt, wie sich die Qualität der Linienrichter veränderte. «Früher wurde man einfach auf den Platz geschickt, um ‹Aus› zu rufen. Heute steckt viel Theorie dahinter», erklärt er. Zudem müssen Linienrichter mental auf der Höhe sein. «Ich sage allen, dass ein Linienrichter mal durch die Hölle gehen muss.» Das bedeutet: 10 000 Zuschauer rufen: «Auswechseln! Auswechseln!» In Basel bestehe diese Gefahr weniger, doch früher waren die Linienrichter diesem Druck vermehrt ausgesetzt.

Am heutigen Donnerstag ist die Anspannung bei den Linienrichtern ebenfalls grösser. Nicht weil sie im Einsatz sind, sondern weil sich entscheidet, wer in der restlichen Turnierwoche noch auf dem Platz sein darf. Und somit nochmals die Möglichkeit erhält, die Linien im Fokus zu haben. Die anderen dürfen ihren Blick endlich auch auf Roger Federer richten.

Simon Leser

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