Es gibt ganz wenige Gründe, mitten in der Nacht freiwillig aufzustehen. Der Sport bringt die Schweizerinnen und Schweizer dazu. In den nächsten zwei Wochen, wenn die Olympischen Spiele in Südkorea stattfinden, wird in manch einer Schweizer Wohnung dann Licht brennen, wenn sonst geträumt wird.

Es gibt Schöneres, als freiwillig am Flughafen zu warten. Wenn aber die Schweizer Medaillengewinnerinnen und -gewinner aus Südkorea heimkehren, werden wieder zahlreiche Fans mit Fahnen und Kuhglocken dort stehen. Der Sport bewegt die Menschen in der Schweiz.

Beat Feuz, Wendy Holdener und Co. sind Lieblinge der Nation. Wenn das Schweizer Publikum die beliebtesten Menschen wählen darf, belegen Sportlerinnen und Sportler stets Spitzenplätze.

Der Sport liegt vielen Schweizerinnen und Schweizern am Herzen und ist damit wichtig für unser Land. Dementsprechend erfreulich ist es, dass so viel Geld in den Schweizer Spitzensport fliesst wie noch nie. So hat beispielsweise Swiss Olympic, die Dachorganisation der Schweizer Sportverbände, im Jahr 2017 über 46 Millionen Franken von der Sport-Toto-Gesellschaft erhalten.

«Ohne diese Unterstützung würden die Schweizer Athletinnen und Athleten weder an den Olympischen Spielen in Pyeongchang noch an anderen Grossanlässen um die Medaillen kämpfen können», sagt Nationalrat und Swiss-Olympic-Präsident Jürg Stahl. Zudem haben im vergangenen Jahr nach den Kantonen auch National- und Ständerat zusätzliche finanzielle Mittel für den Schweizer Nachwuchsleistungssport gesprochen.

Schweizer Wintersportler-Parade an der Eröffnungsfeier

Schweizer Wintersportler-Parade an der Eröffnungsfeier

Angeführt von Dario Cologna marschieren die Schweizer strahlend durch das Olympiastadion im südkoreanischen Pyeongchang. Fast ohne Handys. (Video: SRF)

Mindestens elf Medaillen

Die steigende Förderung zahlt sich aus. So werden die Schweizer Delegationen an Winterspielen seit Jahren grösser. In Südkorea sind 169 Sportlerinnen und Sportler dabei. «95 Prozent von ihnen haben das Potenzial für ein olympisches Diplom, also für ein Top-8-Resultat», sagt Delegationsleiter Ralph Stöckli. Das allein zeigt, dass die Schweiz international konkurrenzfähig ist, ja sogar zu den führenden Nationen zählt.

Mindestens elf Medaillen will Swiss Olympic in Südkorea gewinnen. Das wären gleich viele wie an den Winterspielen 2014 in Sotschi. Es ist ein realistisches Ziel, haben doch weit mehr Athletinnen und Athleten das Zeug für Edelmetall.

Schon am Sonntag kommt es zu zwei Schweizer Highlights: Beat Feuz in der Abfahrt und Langläufer Dario Cologna sollen die Spiele für die Schweiz so richtig und am liebsten goldig lancieren.

Beat Feuz hat noch keine Olympia-Medaille und ist dank grossen Siegen in der populären Sportart Ski alpin so oder so ein Schweizer Sportstar. Dario Cologna, der gestern an der Eröffnungsfeierdie Schweizer Fahne trug, wurde auch dank seinen bisher drei olympischen Goldmedaillen zum Liebling der sportbegeisterten Schweiz.

Olympische Spiele machen Stars. Simon Ammann wurde durch sie zu einem der bekanntesten Sportler der Schweiz. Der doppelte Doppelolympiasieger (2002 und 2010) sorgte dafür, dass plötzlich unzählige Menschen in der Schweiz Skispringen schauten.

Olympische Spiele sind für zahlreiche Athletinnen und Athleten die einzige Chance, in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Kennen Sie zum Beispiel Andri Ragettli? Nein? Bald könnte sich das ändern. Im Ski-Slopestyle gehört er zu den grossen Schweizer Medaillenanwärtern.

Die Schweiz ist als drittgrösste Delegation im Olympiastadion eingelaufen.

Die Schweiz ist als drittgrösste Delegation im Olympiastadion eingelaufen.

Winterspiele sind darum auch immer eine Plattform für alle jene Athletinnen und Athleten, die sonst keine oder kaum TV-Präsenz haben. Vor allem aber sind sie für fast alle Sportlerinnen und Sportler das grösste Ziel überhaupt. Bei aller – oft berechtigten – Kritik an Olympischen Spielen sollte dies nicht vergessen gehen.

Für die Sportlerinnen und Sportler geht es nicht um Politik und Geld, für sie geht es um die Erfüllung eines Traums. Dafür müssen sie weit reisen. In diesem Jahr nach Südkorea und in vier Jahren nach China. Denn in Europa haben es Olympia-Kandidaturen schwer. Weil es dann um Politik und Geld geht.

Spricht man nur mit Sportlerinnen und Sportlern, ist sofort klar: Olympische Spiele in der Schweiz wären quasi der Traum im Traum. Aktuell wird versucht, die Spiele 2026 nach Sion zu holen. Kein einfaches Unterfangen. Damit eine Kandidatur beim Volk eine Chance hat, braucht es gemäss Organisations-Komitee vor allem drei Dinge: schneereiche Winter, positive Tourismus-Zahlen und erfolgreiche Sportlerinnen und Sportler.

Ein Feuz-Effekt?

Die beiden ersten Punkte wurden bereits erfüllt. Der schneereiche Winter hat den Tourismus in den Schweizer Skigebieten angekurbelt. Fehlt also noch der Erfolg. Für diesen sind die Schweizer Olympia-Teilnehmer in den nächsten zwei Wochen verantwortlich. Doch würde Olympia-Gold von Beat Feuz tatsächlich die Abstimmung beeinflussen?

So einfach ist das aber vermutlich nicht. Zu schlecht ist der Ruf von Olympischen Spielen (Stichworte: Gigantismus, Korruption). Goldene Tage in Südkorea würden die Kritikpunkte zwar wohl kurzzeitig in den Hintergrund rücken. Doch schon bald stünden wieder Politik und Geld im Mittelpunkt dieser Diskussion.

Ganz nach dem Motto: Sportlerinnen und Sportler sind zwar die Lieblinge der Nation. Das sind sie aber auch, wenn sie die Medaillen in Südkorea und anderswo gewinnen. Auch wenn die Sportfans in der Schweiz, um live dabei zu sein, mitten in der Nacht aufstehen müssen. Ob das richtig ist? Der Schweizer Sport beantwortet diese Frage mit Nein.