Carlo Janka
Die lang ersehnten Emotionen des Carlo Janka

Bei der Siegerehrung für den olympischen Riesenslalom war auch Österreich vertreten. Leo Wallner hängte mit gequältem Lächeln dem Schweizer Carlo Janka die Goldmedaille um den Hals. Und der «Iceman» hatte erstmals feuchte Augen.

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Carlo Janka

Carlo Janka

Felix Bingesser, Whistler Mountain

Als Carlo Janka vor Jahresfrist in der Schaufel eines Baggers durch seine Heimatgemeinde Obersaxen gefahren wurde, da hat er reichlich missmutig aus der Wäsche geschaut. Nicht wenige der eigenwilligen Bewohner der Bündner Surselva hatten das Gefühl, dieser arrogante Schnösel könne schon ein wenig winken und lachen. Wenn schon die ganze Gemeinde auf den Beinen ist.

Ein wenig Winken und Lachen kostet aber einen wie Janka mehr Überwindung als der Flug über die Mausefalle in Kitzbühel. Und lieber fährt er da dreimal den Zielhang auf der Streif, als dass er solcherlei Festivitäten über sich ergehen lässt. Mit Arroganz hat dies rein gar nichts zu tun. So ist er einfach und so ist er gross geworden, im Restaurant Stein in Obersaxen. Die Mutter hatte nicht endlos Zeit für Diskussionen und Streicheleinheiten, Carlo, Bruder Pirmin und Schwester Fabienne gingen Ski fahren oder spielten auf dem Bauernhof des Onkels nebenan. Man fügt sich ins Schicksal, man arbeitet, man beschäftigt sich selber und macht nicht so ein Tamtam wie die Unterländer.

Keine Zeit für Feste und Empfänge

«Für Feste und Empfänge habe ich keine Zeit und keine Energie. Ich will mich jetzt auf die kommenden Weltcuprennen konzentrieren», sagte Janka kurz nach seinem Triumph. Am Abend musste er dann doch ran. Er schlenderte mit den Händen im Hosensack zum «House of Switzerland». Als die Fans ihn aber erkannten, hoben sie ihn wie Simon Ammann auf eine Sänfte aus zwei Ski und schleppten ihn durch Whistler.

Dass es sein Tag werden würde, damit hat er nicht gerechnet. «Ich bin am Morgen aufgestanden. Es war drückendes Wetter, und bei mir war irgendwie gar keine Spannung vorhanden. Da habe ich gedacht, ich fahre jetzt einfach diesen Riesenslalom und dann ist es vorbei mit Olympia.» Darum war er selber erstaunt, dass er nach dem ersten Durchgang in Führung lag. Und dann, gesteht er, «bin ich in der langen Zeit zwischen Läufen schon etwas nervös geworden. Ich hatte viel Zeit, mir Gedanken zu machen.» Gedanken darüber, dass er sich einen Medaillengewinn zum klaren Ziel gesetzt hat und nun die letzte Chance da ist. «Der Riesenslalom war meine Rettung», sagt Janka.

In dieser Disziplin ist er jetzt Weltmeister und Olympiasieger. Der erste Schweizer Olympiasieger seit Max Julen, der 1984 in Sarajevo in der langjährigen Schweizer Paradedisziplin Olympiagold gewann. «Eine Steigerung im Riesenslalom wird schwierig», sagt Janka und fügt an: «Aber es gibt ja noch andere Disziplinen.» Und wenn er sich vor den Spielen eine Goldmedaille hätte wünschen können, dann «hätte ich Abfahrtsgold genommen. Das ist noch immer die Königsdisziplin. Aber mit Riesenslalom-Gold bin ich auch zufrieden.»

«Er ist mental eine Klasse besser»

Janka hat erneut für magische Schweizer Skimomente gesorgt und er hat ein weiteres Meisterstück abgeliefert. «Er ist mental eine Klasse besser als alle anderen. Typen wie ihn gibt es vielleicht zehn unter hunderttausend», sagt Cheftrainer Martin Rufener. Woher kommt das? Aus dem Elternhaus? «Das hat man oder man hat es nicht. Zu viel Harmonie im Elternhaus kann auch hinderlich sein. Dann will man es den Eltern immer recht machen und verkrampft sich dabei», sagt Rufener. Wie auch immer: Janka ist nicht nur ein genialer Skifahrer, er ist auch ein mentaler Champion. Und wie er jubelt und sich freut, ist schliesslich seine ganz persönliche Sache. Lieber diskret und authentisch als aufgesetzt übermütig.

Bereits heute landet Janka im 16.35 Uhr in Kloten. Nach dem Empfang durch die Fans wird er sich in seine Wohnung in Obersaxen schleichen, die Füsse hochlegen und seine Batterien aufladen. «Mein Leben ändert sich nicht. Nur die Leute drum herum werden anders und wollen alle etwas von mir. Aber der Rest bleibt gleich.» Gold hin oder her. So ist er halt, der in sich selber ruhende Bündner Ski-Wunderknabe.