Auf den ersten Blick denken wir: was, «nur» Platz vier für Tom Lüthi (32)! Immerhin hat er ja den letzten GP in Texas gewonnen. Aber auf den zweiten Blick sehen wir, dass auch dieser 4. Rang beim GP von Spanien in Jerez eine aussergewöhnliche Leistung ist. Der Emmentaler erkennt sofort, dass er ganz vorne nicht mithalten kann. Dass Lorenzo Baldassarri einfach schneller ist.

Aber er verliert die Nerven nicht. Er holt mit der Ruhe eines Champions ein Maximum aus den diesmal begrenzten Möglichkeiten und lässt sich nicht dazu verführen, jenseits des Limits zu fahren. Was notwendig gewesen wäre, um eine Podestchance zu haben. Das Rennen musste nach einem spektakulären Sturz von Remy Gardner in der ersten Runde abgebrochen und neu gestartet werden. Der Australier kam mit einem Schock davon.

Nach vollbrachter Tat sitzt Ton Lüthi nachdenklich und ein wenig erschöpft in seiner Box. Er sagt: «Natürlich wäre es schöner, auf dem Podest zu stehen. Aber diesen 4. Platz nehme ich unter diesen Umständen gerne. Mehr war nicht drin.» Das Problem war die fehlende Balance. Stark vereinfacht gesagt: Zu wenig Gripp beim Vorderrad und in der Schlussphase zu wenig Bodenhaftung beim Hinterrad. Er sei gegen Ende des Rennens beinahe noch gestürzt.

Die gebrochenen Zehen

Sein Teamkollege Marcel Schrötter war ihm bei der Abstimmung diesmal auch keine Hilfe: der Deutsche startete nur aus der 5. Reihe, wurde im Rennen lediglich 15. und auch von Dominique Aegerter (13.) besiegt. Er humpelte das ganze Wochenende bloss durchs Fahrerlager. Weil er letzte Woche beim Training mit der Trial-Höllenmaschine zwei Zehen gebrochen hat.

Der Titelkampf bekommt nun Profil: Lorenzo Baldassarri ist mit drei Siegen und einem «Nuller» (in Texas) WM-Leader und Titelkandidat Nummer 1. Und der aussichtsreichste Herausforderer ist auf dem zweiten Zwischenrang der zehn Jahre ältere Tom Lüthi. Die Frage, die uns nun in den nächsten Wochen beschäftigen wird: Ist der Italiener mental so robust wie Johann Zarco 2016 und Franco Morbidelli 2017?

Damals blieb Tom Lüthi am Ende zweimal «nur» der zweite WM-Platz. Lorenzo Baldassarri macht nicht einen ganz so stabilen Eindruck. Tom Lüthi wirkt hingegen eher ruhiger, stärker, abgeklärter als 2016 und 2017. Gerade die Art und Weise, wie er in Jerez ein durchzogenes Wochenende (Start aus der 3. Reihe) souverän über die Runden gebracht hat, spricht für ihn. Die Kunst, die Nerven nicht zu verlieren, wird im langen, aufreibenden Titelkampf (noch 15 Rennen) die Differenz machen.