Wortreiches Schweigen

Die Kunst des Nichts-Sagens – wieso Hockey-Spieler mehr reden und doch nichts sagen

Fertig lustig: SCB-Goalie Leonardo Genoni machte seine Berner Bären-Höhle im Hallenstadion zu.

Fertig lustig: SCB-Goalie Leonardo Genoni machte seine Berner Bären-Höhle im Hallenstadion zu.

Die ZSC Lions haben ein Problem: SCB-Torhüter Leonardo Genoni ist kein Lottergoalie mehr. Er hat entschieden, wieder Meister zu werden.

Einst war es nach einen Playoffspiel schwierig, zu entscheiden, welche Helden befragt werden sollten. Die Sieger oder die Verlierer? Heute ist das einerlei. Die Aussagen der Sieger und der Verlierer unterscheiden sich kaum noch: Spiel abhaken, vorwärtsschauen. Gut erholen, Energie tanken fürs nächste Spiel. Spiel für Spiel nehmen. Noch ist nichts entschieden. Nach dem Grundsatz: nur ja nicht anecken! Nur ja nicht provozieren! Noch nie ist so viel über die Playoffs geschrieben und gesendet und doch so wenig gesagt worden.

Das war früher anders. Unvergessen bleibt, wie sich HCD-Manager Gérard Scheidegger im Frühjahr 2003 stolz wie ein Pfau mit dem Logo «HCD Meister 2003» abbilden liess. Als umsichtiger Manager hatte er, als der HCD im Final gegen Lugano mit 2:0 Siegen führte, bereits die Meister-T-Shirts und Baseball-Mützen herstellen lassen. Trainer Larry Huras heftete die Zeitungsausschnittean die Kabinenwand. Lugano wurde Meister.

Messiers Ankündigung

Worte sind zwar nur Luft. Aber die Luft wird zum Wind, und der Wind macht die Schiffe segeln (frei nach Arthur Koestler). Am 25. Mai 1994 verspricht Mark Messier, der Captain der New York Rangers, den Sieg. Die Rangers liegen im Halbfinal gegen New Jersey 2:3 zurück und müssen auswärts antreten. Mark Messier hält Wort. Zum 4:2 der Rangers steuert er drei Treffer bei. Der Stanley Cup kommt schliesslich erstmals seit 54 Jahren wieder nach Manhattan. Der Mut zu dieser Ankündigung hat Mark Messier ewigen Ruhm beschert.

Solch griffige Aussagen sind undenkbar geworden. Zumal mit HCD-Trainer Arno Del Curto der letzte unberechenbare Kommunikator bereits im Viertelfinal ausgeschieden ist. Die Spieler werden geschult und trainiert und ermahnt, ja nichts zu sagen, was für Aufsehen sorgen könnte.

Die Vorträge der Spieler

Das beredte, wortreiche Schweigen der Männer. Selbst ein Scouting Report von Thomas Rüfenacht über Luganos vierten Block hat im vergangenen Herbst für Aufruhr gesorgt. Seither wird gerade beim SCB darauf geachtet, dass viel geredet und nichts mehr gesagt wird. Es war ein besonderes Schauspiel, wie selbst ein verbaler Nonkonformist wie SCB-Leitwolf Tristan Scherwey am Donnerstagabend nach dem Sieg im Hallenstadion (4:3 n.V.) seine Sprüchlein wie auswendig gelernt fehlerfrei vorgetragen hat.

Die Aussagen der Verlierer und Sieger lassen sich also kaum mehr zu sportlicher Literatur verarbeiten. Dramen lösen sich in nichtssagende Floskeln auf. Und damit kehrt die Spielbeobachtung zu ihren Ursprüngen zurück. Einfach sehen, was passiert. Es gibt auch eine Körpersprache. Sie verrät manchmal mehr als alle Erklärungen im Kabinengang.

Nonverbal und doch unmissverständlich

Die wichtigste Aussage im letzten Spiel zwischen den ZSC Lions und dem SC Bern ist eine nonverbale: Die Art und Weise, wie der sonst so coole Leonardo Genoni auf den zweiten Gegentreffer nach nicht einmal neun Minuten reagiert hat (zur zwischenzeitlichen 2:0-Führung der Zürcher) vermittelte eine unmissverständliche Botschaft: So, aber jetzt ist Schluss mit dummen Gegentoren! Wir wollen Meister werden!

Der SCB-Goalie hatte ja bereits die 2:3-Niederlage im ersten Spiel mit einem haltbaren Treffer zu verantworten. Seine Körpersprache nach diesem 2:0 lässt nur einen Schluss zu: Das sind keine guten Aussichten für die ZSC Lions.

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