Die Katerstimmung nach dem totalen Debakel

Nach dem sechsten Platz im Vierer-Wettbewerb blieben die Schweizer Bobfahrer erstmals seit 1964 wieder ohne olympische Medaille. Das Schweizer Bob-Quartett um Pilot Ivo Rüegg stürzte nach einer miserablen Vorstellung auf den sechsten Schlussrang ab. Doch nicht nur das schlechte Ergebnis gab zu denken.

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Die Katerstimmung nach dem totalen Debakel

Die Katerstimmung nach dem totalen Debakel

Carsten Meyer, Whistler

Das Einzige, was die Schweizer Bobfahrer aus Whistler mit nach Hause nehmen, sind eine Menge Sorgen und Probleme. In der Bilanz stehen ein vierter Platz von Ivo Rüegg im Zweier und der sechste Platz des 38-Jährigen im Vierer. Man muss kein Miesmacher sein, um zu analysieren: So hatte man sich das Ganze nicht vorgestellt – vor allem nicht im Vierer, in dem die Schweizer zu den grossen Favoriten zählten. «Unser Ziel war ganz klar eine Medaille», sagte ein völlig frustrierter Rüegg, «deshalb bin ich einfach nur enttäuscht.»

Und natürlich warf dieses Abschneiden eine Menge Fragen auf. Aber Teamchef Markus Wasser hatte keine sehr plausiblen Antworten. Im Gegenteil. Er offerierte seinen zunehmend verdutzter blickenden Zuhörern eine Analyse, die leicht abenteuerlich anmutete. «Es ist ja nicht so, dass wir hier untergegangen wären», sagte Wasser also, «im Zweier haben wir einen sehr guten vierten Platz belegt. Und auch Rang sechs im Vierer ist ein gutes Ergebnis.» Das sagte er tatsächlich. Und es ist zu hoffen, dass diese Erkenntnis dem ersten Moment geschuldet war und in der genaueren Analyse noch überarbeitet wird. Denn im Gegensatz zum Weltcup, wo die Schweizer in diesem Winter brillieren, ging beim wichtigsten Anlass des Jahres so ziemlich alles schief – und das nicht nur auf sportlicher Ebene.

Noch bedenklicher als die Ergebnisse stimmen die Begleiterscheinungen des Olympiaauftritts. Besonders die Anschieber-Schieberei, die dazu führte, dass Hefti seinen Startverzicht als Pilot erklärte und als Anschieber zu Rüegg in den Bob stieg, war eine Posse erster Güte. Und sie fand ihren Höhepunkt zwei Tage vor dem Rennen bei einer Medienkonferenz, als sich eine Mannschaft präsentierte, die wie eine zufällige Ansammlung von Einzelsportlern wirkte. Die Atmosphäre innerhalb des Teams war jedenfalls so frostig, dass man schon meinte, das Aufziehen der nächsten Eiszeit zu spüren. Und von Westschweizer Kollegen ist das Zitat eines übel gelaunten Anschiebers Cédric Grand überliefert, der geknurrt haben soll: «Es wird Zeit, dass Ivo die Bahn in den Griff bekommt.»

Ein Vorhaben, das dem Tuggener leider während all seiner Läufe misslang. Aber er stellte sich der Kritik und räumte ein: «Da gibt es keine Ausreden: Ich habe es einfach nicht hingebracht.» Und als er gefragt wurde, was er beim nächsten Mal anders machen würde, zuckte er nur mit den Schultern und antwortete: «Schneller fahren.»

Das wäre ganz im Sinn seiner Anschieber, die sich nach dem Wettbewerb mit Kritik allerdings zurückhielten. Selbst Hefti, sonst nie um ein offenes Wort verlegen, biss sich mit bewundernswerter Hartnäckigkeit auf die Zunge. Seine Strategie war schnell durchschaut. Er sagte einfach immer: «Wir haben gekämpft und alles gegeben.»

Das hat dieses Mal nicht gereicht – und zwar mit 1:25 Sekunden Rückstand auf Sieger USA I derart deutlich, dass die Ohrfeige so laut war, dass sie auch von Peter Schmid nicht überhört werden konnte. Der Präsident des Schweizer Verbandes befand: «Das müssen wir genau analysieren. Aber ich bin der Meinung, dass man aus Niederlagen lernt.» Aber Grund zu übertriebener Panik bestehe nicht. Denn erstens würden die guten Ergebnisse im Weltcup zeigen, dass es ganz so schlecht nicht stehe. Und zweitens stimmte ihn der Blick in die Geschichtsbücher optimistisch. «Der Schweizer Bobsport ist jetzt 100 Jahre alt», sagte Schmid, «da wird er wegen dieses Ergebnisses nicht untergehen.»