Reportage

Die Jugendspiele in Lausanne: Wo Olympia noch unschuldig ist

Der Olympische Geist entzückt Lausanne und die Westschweiz. Ein 15-stündiges Eintauchen in eine Sportwelt, wie wir sie uns wünschen.

Der Katari Thawab Al-Subaey spielt dem Schweden Lukas Svedin beim Eishockey den Puck zu. Die 14-jährige Russin Anna Frolowa bedient sich im Olympischen Dorf in 20 Minuten viermal bei der Schweizer Schokolade. Die Westschweizer Eiskunstläuferin Anais Coraducci erklärt aufgeregt, sie sei noch nie in ihrem Leben vor so vielen Leuten aufgetreten. Das türkische Curlingteam bejubelt frenetisch den Sieg gegen die Schotten. Und eine 68-jährige Prinzessin aus Liechtenstein verrät im 2.-Klasse-Abteil des Regionalzugs, wie es sich anfühlt, in einem Bob den Eiskanal runter zu sausen.

Was für ein Kontrast zur Olympischen Welt, wie sie uns im letzten Jahrzehnt immer wieder vor Augen geführt wird. Korruption bei der Vergabe der Spiele, Gigantismus beim Bau von Sportstätten, Doping beim Kampf um Medaillen und maximaler Profit beim Vermarkten von Rechten.

So schön Sport sein kann, so kritisch wurde das Gebaren des Internationalen Olympischen Komitees zuletzt von Medien und Öffentlichkeit begleitet. Eine Welt mit eigenen Gesetzen und Regeln, geführt von einer Garde alter Männer. Die Sportler als Mittel zum Zweck. Die fünf Olympischen Ringe als Symbol für eine aus dem Ruder gelaufene Entwicklung.

Eine Zugfahrt mit dem IOC

Wer für einige Stunden in die Welt der Olympischen Jugendspiele in Lausanne eintaucht, bekommt von all dem nichts mit. Hier korrespondiert der Eindruck mit den gepriesenen Olympischen Werten Höchstleistung, Freundschaft und Respekt.

Die Begeisterung der jungen Sportlerinnen und Sportler schwappt über – auf die Betreuer, auf die Zuschauer und selbst auf die in die Jahre gekommenen IOC-Mitglieder. Für manch einen entpuppen sich die Jugendspiele als Jungbrunnen. Und es gibt sogar hoch dekorierte Funktionäre, die sich die Nachhaltigkeitsziele der Organisatoren zu Herzen nehmen und die Wettkämpfe ebenso mit den öffentlichen Verkehrsmitteln besuchen wie die Athleten und Zuschauer. Fährt zwischendurch eine schwarze Limousine vor, dann gilt sie hier schon beinahe als Zeichen von Dekadenz.

Das olympische Dorf im neuen Vortex-Gebäude ist der Treffpunkt für die Athleten aus 79 Nationen. Bild: Jed Leicester/IOC (Dorigny, 7. Januar 2020)

Das olympische Dorf im neuen Vortex-Gebäude ist der Treffpunkt für die Athleten aus 79 Nationen. Bild: Jed Leicester/IOC (Dorigny, 7. Januar 2020)

Der öffentliche Verkehr macht es aber auch zur Herausforderung, das Vorhaben umzusetzen und an einem Tag möglichst viel Sport zu sehen. Morgendliches Curling in Champéry funktioniert nur dank dem penetranten Klingelton des Weckers. Dafür entschädigt bereits die erste Fahrt in die Westschweizer Berge mit dem, was das Transportkonzept dieser Jugendspiele ebenfalls ausmacht: Man kommt miteinander in Kontakt. Der Betreuer aus Neuseeland erklärt, dass es im ganzen Land nur eine Curlinghalle gibt. Dies hindert das gemischte Team aus seiner Heimat nicht, einen Sieg gegen Frankreich einzufahren. Derweil fertigt die Türkei das schottische Team mit 5:1 ab. Und auch Spanien feiert einen Kantersieg. Offensichtlich liegt den Curling-Exoten das Aufstehen um 6 Uhr früh.

Eine Medaille für die Ski-Exoten

Im Alter zwischen 14 und 18 Jahren fallen die Unterschiede der verschiedenartigen Fördermöglichkeiten noch nicht derart ins Gewicht wie bei der Elite. Das macht die Sportwelt der Jugendolympiade bunter, vielfältiger, interessanter. Unterwegs zur zweiten Station, der alpinen Kombination in Les Diablerets, wird dies offensichtlich. Im bis auf den letzten Platz gefüllten Zug sieht man die Ländersymbole von Portugal, Kosovo und Israel. Nationen, die im Weltcupzirkus fehlen.

Und die ungewohnten Skiathleten sind mittendrin statt nur dabei. Die Israelin Noa Szollos holt sich noch vor der Schweizerin Amélie Klopfenstein Silber. Doch auch die 17-jährige Neuenburgerin schreibt ein Sportmärchen. Erst durch die Verletzung einer Teamkollegin nachgerückt, gewinnt sie Gold im Super G und Bronze in der Kombination. Nur beim Jubeln fehlt der schüchternen jungen Frau die Erfahrung. Das übernehmen für sie die vielen Zuschauer im Ziel. Dass grosse Interesse der Westschweizer an den Jugendspielen beeindruckt. Das Eiskunstlaufen in Malley gilt sogar als ausverkauft und auch beim Eishockey sind die Tribünen gut gefüllt.

Diese zwei Stationen stehen als nächstes an. Zurück nach Lausanne, gemütlich in zwei Stunden mit den Regionalzügen. Nebenan sitzt Prinzessin Norberta Elisabeth Maria Assunta Josefine Georgine von und zu Liechtenstein, Gräfin zu Rietberg, Marquesa de Mariño. Die 69-Jährige ist seit 1984 Mitglied des IOC und die Schwester des Liechtensteiner Landesfürsten Hans-Adam.

Einen Knicks verlangt sie nicht. Man denkt sich bald: Wären alle im IOC so wie Nora, es käme gut. Sie verrät, wie sie anlässlich der Olympischen Spiele 2002 in Salt Lake City die Gelegenheit nutzte, mit einem Bob den Eiskanal zu bezwingen. Und wie sie nach einer Minute Fahrt dachte: «Jetzt, wo es langsam lustig wird, ist es schon wieder vorbei.»

Die Halle bebt, das Hockey fegt

Das gilt zum Glück noch nicht für den 15-stündigen Abstecher ins Wettkampfgeschehen der Lausanner Spiele. Beim Eiskunstlaufen erlebt man einen Gänsehaut-Moment. Als die Westschweizerin Anais Coraducci für das Kurzprogramm aufgerufen wird, bebt die Halle. Drei Stunden später treffen wir die 16-jährige noch einmal im Olympischen Dorf. Noch immer aufgewühlt, erklärt sie, dass sie nie auch nur annähernd vor so vielen Zuschauern gelaufen ist.

Gleich nebenan, im neuen Stadion des HC Lausanne, wird Eishockey gespielt. Auf eine Art, wie sie die Welt noch nie gesehen hat und wie sie beim Hockey-Puristen für ein Nasenrümpfen sorgt. Mit drei gegen drei Spielern auf dem halben Feld in gemischten Länderteams, dreimal 16 Minuten ohne Unterbrechung. Die Teams werden nach Gesichtspunkten der individuellen Fertigkeiten ausgelost. In jeder Mannschaft hat es Exoten, beim Team Grau etwa Thawab Al-Subaey aus Katar oder Fermin Javier aus Mexiko. So ein Seich, sagt das eigene Vorurteil. So geil sagt der Augenschein in der Halle.

Ein zweistündiger Besuch im Olympischen Dorf klingt den Tag aus. Das imposante Vortex-Gebäude, das später den Studenten der beiden Lausanner Hochschulen als Wohnheim dienen wird, ist das Herz der Spiele. Hier begegnet man sich, hier verbringt man gemeinsam die Freizeit, hier passiert das, was der kanadische Eiskunstlauf-Olympiasieger Patrick Chan bei seinem Talk mit den Jugendlichen als «Erinnerungen fürs Leben» bezeichnet.

Schon die Fahrt dorthin hat bleibenden Charakter. Die russische Stabhochsprung-Weltrekordhalterin Jelena Issinbajewa, die in der Athletenkommission des IOC mitwirkt, steht vis-à-vis und erzählt, dass sie im Souvenirshop des Olympischen Dorfs Geschenke für die Kinder ihrer Verwandtschaft kaufen will. Zusammen mit anderen Olympioniken amtet die Russin am Anlass als Vorbild und Ansprechperson für die Nachwuchssportler. Für einen Moment vergisst man sogar, dass Russland wegen seiner Dopinggeschichten für eine Weile aus der Olympischen Welt ausgeschlossen werden soll.

Fairness will gelernt sein

Um Doping geht es auch im Ausbildungsprogramm «Athlete365». Neben ihren sportlichen Aktivitäten drücken die jungen Sportler quasi noch die Schulbank – freiwillig und auf spielerische Art. Etwa beim Quiz der Welt-Antidoping-Agentur oder beim manipulierten Töggeli-Kasten der Abteilung für Sportbetrug. Was ist ethisch korrektes Verhalten lautet die Aufgabenstellung. Auf ihrer Tour zu den verschiedenen Stationen sammeln die Nachwuchssportler elektronische Punkte, die sie im Café des Olympischen Dorfes gegen verschiedenste Pins eintauschen können. Das Geschäft läuft.

Im Café klingt der Abend mit dem ersten «Chat with Champions» aus. Das Interesse ist gross, Japaner sitzen neben Russen, Amerikanern und Chinesen. Hinten links steht eine grosse Glasschale mit Schweizer Schokolade. Die 14-jährige Russin Anna Frolowa und ihre ein Jahr ältere Kollegin kommen in den nächsten Minuten gleich viermal vorbei und füllen sich die Jackentasche mit Schweizer Schoggi. Vor drei Stunden noch beendeten sie das Kurzprogramm im Eiskunstlaufen auf den Rängen zwei und drei.

Als Anna Frolowa bemerkt, dass sie beobachtet wird, errötet sie und kommt fortan an diesem Abend nicht mehr beim Topf mit der süssen Versuchung vorbei. Aber es verbleiben ja noch elf Wettkampftage.

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