Eishockey
Die Hymnen in Ambris neuem Stadion tönen besser denn je

Der Mythos Ambri lebt auch in der neuen Valascia. Noch nie kamen so viele Zuschauer zu den Heimspielen.

Klaus Zaugg
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Soviele Fans wie nie zuvor jubeln der Mannschaft von Ambri-Piotta zu.

Soviele Fans wie nie zuvor jubeln der Mannschaft von Ambri-Piotta zu.

Michela Locatelli/ Freshfocus (19. Oktober 2021)

Ein Wunder! Ja, es ist ein Wunder. 5482 Männer, Frauen und Kinder sind am Dienstag, an einem Werktag, nach Ambri geeilt, um den Tabellenletzten Ajoie zu sehen. Und wer die Reise nach Ambri unternimmt, versteht erst recht, was diese Zahl bedeutet. Die Fahrt hinauf ins Kerngebirge der Eidgenossenschaft und durch einen der längsten Tunnel der Welt hat gerade an einem dunklen Novemberabend etwas Mythisches. Diese Reise freiwillig unternehmen? Eher nicht. Und doch sind es mehr als 5000 (!) die hinauffahren, vom Süden und vom Norden her.

Und am Ziel wähnt sich der Reisende wie in der Kulisse eines Science-Fiction-Filmes. Still, verlassen, ja gespenstisch liegt das Dorf Ambri da. Alle Wirtshäuser geschlossen. Die Fensterläden verriegelt. Und auf einmal öffnet sich neben dem Dorf das enge Tal der Leventina für den alten Militärflugplatz. Unversehens rollen wir auf den grössten Parkplatz der Schweiz. Nirgendwo sonst ist das Parkieren so bequem. Wie ein Raumschiff – oder wer es mystischer mag: wie eine Arche Noah – steht der hell erleuchtete Hockeytempel auf dem alten Flugfeld unserer Luftwaffe.

Ambris Talent allein reicht nicht, um Ajoie zu besiegen

Dass es beim ersten Spiel in dieser nigelnagelneuen Hockey-Kultstätte am 11. September, an einem freundlichen Samstagabend gegen Gottéron rockte, war zu erwarten. Eine rauschende Party. Aber nun ist der November ins Tal gezogen. Der Gegner heisst Ajoie. Der Tabellenletzte. Eine Pflichtübung. Ruhm ist keiner zu ernten. Und trotzdem begehren 5482 Einlass. Im Schnitt sind bisher 6053 gekommen. Ambri hat mit 89,34 Prozent nach dem meisterlichen Zug (92,14) die zweithöchste Stadionauslastung der Liga. Noch nie in seiner ganzen Geschichte hat Ambri so viel Publikum mobilisiert. Die bisherige Rekordmarke steht bei 5631 pro Partie (2013/14).

Trainer Luca Cereda hatte sich Sorgen gemacht, ob es wohl gelingen werde, den Geist aus der alten Valascia hinüber in die neue zu retten.

«Denn hier ist alles grösser, breiter, einfacher, bequemer und wärmer. Gerade vor dem Spiel gegen Ajoie bin ich vom Parkplatz hinüber zum Stadion gelaufen und ich spürte für einen kurzen Moment den eiskalten Wind. Früher wehte dieser Wind durchs ganze Stadion.»

Nun ist er froh, dass Ambri so geblieben ist, wie es vorher war. Das Spiel gegen Ajoie zeigt es. Ambri feiert einen «Arbeitssieg» (2:0). Das Talent hätte nicht für drei Punkte gereicht. Luca Cereda sagt: «Wir können nur bestehen, wenn wir in jedem Training und in jedem Spiel an unsere Grenzen gehen. Und manchmal darüber hinaus.» Er lebt diese Einstellung vor. Er ist kein charismatischer Trainer mit einem Auftreten, das einen Raum füllt. Er wirkt, wenn er durch den Kabinengang schreitet, eher unscheinbar. Aber wenn er spricht, dann verwandelt er sich. Wirkt überzeugend. Die Wortwahl ist einfach, geradlinig und überzeugend.

Den Geist haben auch die Fans aus der alten in die neue Arena gebracht. Die alten Hymnen und Schmähgesänge tönen besser denn je. Am Samstag ist Derby in Lugano. Schon wird fleissig geübt. «Lugano Merda» echot es immer wieder durch die Arena und einen mitreissenden Gesang während des Schlussdrittels kann ich nicht verstehen. Ein Kollege übersetzt: «Sie singen, dass wir ganz Lugano niederbrennen werden.» Da gefällt mir die Siegeshymne «La Montanara» denn schon besser.

Der Lärm im Tessiner Derby: «Unbeschreiblich»

Nach 13 Heimspielen dürfen wir wohl sagen: Die Investitionen in die neue Arena (rund 50 Millionen) haben sich gelohnt. Sie ist ein Schmelztiegel zwischen Moderne und Vergangenheit, Kommerz und Romantik, Geist und Geld. Einerseits die hochmoderne Infrastruktur, der Komfort fürs Publikum. Und andererseits die Pflege des alten Brauchtums. Der Mythos Ambri lebt. Und bringt nun auch mehr Geld.

Yanik Burren hat mit dem SCB Derbys in Langnau und Biel gespielt. Nun steht er mit Ambri bereits vor dem vierten Derby. Er sagt:

«Wer einmal ein Derby in Ambri oder in Lugano erlebt hat, kann kein anderes Spiel mehr als Derby bezeichnen.»

Der Lärm während des Spieles sei unbeschreiblich. «Wir kommunizieren während des Spiels auf dem Eis laufend untereinander. Aber wenn du in Lugano oder Ambri vor der Fankurve stehst, ist das unmöglich. Du verstehst kein Wort mehr. Es ist einfach zu laut…» Das Tessiner Derby ist das einzige, das wahre Derby.

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