Super League

Die Handschrift des Architekten Pierluigi Tami

Pierluigi Tami steht für Ruhe und Ordnung.

Pierluigi Tami steht für Ruhe und Ordnung.

Pierluigi Tami ist verantwortlich für die sportliche Reanimation der Grasshoppers. Der ehemalige Inhaber eines Architekturbüros bewährt sich auf Klubebene als Meister des Umbruchs.

In Zeiten des schnellen Erfolgs glauben Aussenstehende oft, im Spiel einer Mannschaft die Handschrift des neuen Trainers zu erkennen. Gegenwärtig ist der Umgang mit dieser Behauptung aber schlampig. Damit der Einfluss wirklich sichtbar wird, benötigt ein Trainingsleiter jene Ressource, die im schnelllebigen Fussball Existenzängste bekundet: die Zeit.

Tami, der Diamantenschleifer

Einer, der die Handhabung dieses kostbaren Gutes beherrscht, ist Pierluigi Tami. Bevor sich der 53-Jährige für ein Klubengagement entschied, war er es, der alle zwei Jahre einen Umbruch zu meistern hatte. Als Trainer der Schweizer U21-Auswahl selektionierte er aus der Talentenflut, adaptierte ständig sein System, feierte Erfolge und verabschiedete die Rohdiamanten in die A-Nationalmannschaften. Jahr für Jahr. Tami als Meister des Umbruchs.

Auch deshalb wurde Tami zum Rekordmeister geholt, wo er nun seit mehr als sieben Monaten wirkt – und ja, seine Handschrift nimmt langsam Konturen an. Als Tami im vergangenen Januar vorgestellt wurde, konstatierte er, dass man in Zürich nicht mehr über das Sportliche diskutiere. Wirren um Trainer, Spieler und Funktionäre fütterten die Zeitungsspalten. Das wolle er ändern, versicherte er damals. Und spätestens jetzt hat Tami jenen Zustand auf dem Campus etabliert, der in der jüngeren Vereinsgeschichte nie Einzug hielt: die Ruhe.

Der Einstieg ist geglückt

Ein äusserst geglückter Saisonstart trägt dazu bei. Nach sechs Ligaspielen grüsst GC vom zweiten Tabellenrang. Dies, obwohl vor der Saison niemand von den Ambitionen des Rekordmeisters sprach. Aufräumarbeiten wurden getätigt. Fünfzehn Abgänge stehen sieben Zuzügen gegenüber. Eine notwendige Schlankheitskur. Den 22 Spielern, die zusammen das dünnste Kader der Liga bilden, impfte Tami den Offensivdrang ein.

Mit 21 Toren stellen die Zürcher in Sachen Tore das potenteste Team der Liga. Dass die Öffentlichkeit nun auf das Defizit in der Abwehr (12 Gegentore) hinweist, stört Tami nicht. Er wird auch nicht müde, in Sousa’scher Manier darauf hinzuweisen, dass sich GC in einem Prozess befinde.

Tami und die Jungtalente

Im Sommer hat Tami das defensivorientierte System der Vorsaison ausgemustert. In der 4-2-3-1-Formation weiss er sein Spielermaterial besser einzusetzen. «Man muss sein System immer an die verfügbaren Spieler anpassen», sagt er. Darin Platz findet jüngst auch der eigene Nachwuchs. In sieben Pflichtspielen ermöglichte er fünf GC-Talenten das Profidebüt.

Dass Tami den Umgang mit dem Nachwuchs versteht, liegt auf der Hand. Dennoch mahnt er, die positive Entwicklung des Nachwuchses nur auf seine Person zu relativieren: «Übt ein erfahrener Spieler Druck auf den Jungen auf, dann geht gar nichts.»

Aber auch die Ausbildung unter seinen Fittichen sei kein Selbstläufer: «Die Jungen spüren mein Vertrauen, aber ich bin auch sehr hart. Vielleicht bin ich gar härter als andere Trainer.» Eine Härte, mit welcher die Spieler vor allem in seinen äusserst präzisen Analysen konfrontiert werden. Die Arbeit fruchtet. Und Tami will ihn in jeder Trainingseinheit sehen, den nächsten Schritt.

Furchtlos in die Saison

Dass Pierluigi Tami kein Freund des Konjunktivs ist, zeigt er, als ihm drohende Schwierigkeiten mit diesem dünnen Kader aufgezeigt werden. Er beschäftigt sich nicht mit möglichen Ausfällen. Er habe auch keine Angst, diese nicht ganz risikofreie Strategie zu fahren, weil diese vereinsintern beschlossen wurde. Es spricht für die pragmatische Art des 53-Jährigen, dass er diesen Entscheid akzeptiert.

Das Jungsein darf keine Ausrede sein

Dennoch soll diese Strategie nicht als Ausrede gelten: «Ich habe immer gesagt, dass ich bei Niederlagen nicht hören will, dass wir eine junge Mannschaft sind.» Das Problem sei, dass man manchmal nicht genug Geduld für die Jugend aufbringen kann, weil die Leistung jetzt erwartet wird. Einerseits muss man Resultate liefern, und andererseits will man Talente eingliedern. Bis jetzt ist das dem GC-Architekten ansprechend gelungen. Doch er fordert kollektive Aufmerksamkeit. Denn Pierluigi Tami weiss, wie schnelllebig das Fussballgeschäft ist, selbst wenn er die Ruhe in Person ist.

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