Doping
Die grösste Doping-Kontrollaktion der Geschichte spielt Russland in die Hände

Das Internationale Olympische Komitee hat vor den Winterspielen in Pyeongchang die grösste Doping-Kontrollaktion der Sportgeschichte durchgeführt – etliche russische Athleten sind durchgefallen.

Rainer Sommerhalder
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Langlaufstar Sergej Ustjugow – hier während der Tour de Ski auf der Lenzerheide – wurde vom IOC zurückgewiesen.

Langlaufstar Sergej Ustjugow – hier während der Tour de Ski auf der Lenzerheide – wurde vom IOC zurückgewiesen.

Keystone

Böse Zungen behaupten, dies alles gehöre zu einem gerissenen Masterplan von IOC-Präsident Thomas Bach. Dem Deutschen würde es nur darum gehen, trotz vordergründig harten Sanktionen gegen Russland wegen seines Staatsdoping-Programms möglichst viele russische Athleten in drei Wochen in Pyeongchang am Start zu haben.

In der Tat spielt die grösste Doping-Kontrollaktion der Geschichte Russland in die Hände. Die vor den Olympischen Spielen 2016 in Rio gemeinsam gegründete Taskforce des Internationalen Olympischen Komitees und der WADA für die vorolympischen Antidoping-Tests hat in den letzten neun Monaten mehr als 14 000 Dopingproben bei rund 6000 Wintersportlern aus 61 Ländern organisiert.

Langläufer Ustjugow durchgefallen

Das Augenmerk lag auf den russischen Sportlern. Diese seien in den Monaten November und Dezember mehr als doppelt so oft getestet worden wie Athleten aus anderen Ländern. Insgesamt gab es seit April 2492 Dopingproben von russischen Sportlern. IOC-Medizindirektor Richard Budgett erklärte, dass man nach einem «intelligenten Testsystem» vorgegangen sei, das auf spezifische Disziplinen und Athleten fokussiere. Erfolgreiche Sportler und solche mit auffälligen Leistungsentwicklungen seien im Vordergrund gestanden. Ob und wie viele Dopingvergehen mit den Tests aufgedeckt wurden, hat das IOC nicht mitgeteilt. Gesperrt wurde auf jeden Fall bislang kein prominenter Wintersportler.

Sergej Ustjugow ist beim Test durchgefallen.

Sergej Ustjugow ist beim Test durchgefallen.

KEYSTONE/EPA/ANGELIKA WARMUTH

Für die getesteten russischen Sportler bedeutet diese Aktion auf jeden Fall so etwas wie das Ticket nach Pyeongchang. Das IOC hatte bei der Verkündung des Olympia-Banns gegen den russischen Sport am 5. Dezember mitgeteilt, dass in Südkorea nur Athleten unter neutraler Flagge an den Start gehen dürfen, welche neben anderen Kriterien lückenlose Dopingtests in den letzten Monaten vorweisen
können.

Das russische Olympische Komitee hat der zuständigen IOC-Kommission entsprechend eine Liste von genau 500 potenziellen Olympioniken gemeldet. Davon sind bei der Prüfung 111 Athleten durchgefallen, dazu auch 51 Trainer. Bisher befinden sich darunter die drei prominentesten Athleten: Biathlet und Olympiasieger von 2014 Anton Schipulin, der Langlaufstar und Cologna-Konkurrent Sergej Ustjugow wurden vom IOC genauso zurückgewiesen wie der sechsfache Shorttrack-Olympiasieger Viktor Ahn.

Man rechnet damit, dass letztlich rund 200 russische Sportler unter neutraler Flagge starten können, was nur unwesentlich weniger wären als bei den letzten Winterspielen in Sotschi (214). Insgesamt stünden den Russen gemäss sportlichen Qualifikationskriterien in den einzelnen Sportarten 213 Quotenplätze zur Verfügung.

Angst vor russischen Hackern

Das als intransparent kritisierte Verfahren zum Ermitteln der «neutralen Athleten aus Russland» mag zwar die russischen Sportler zu besänftigen, nicht aber die russische Seele. Den erzwungenen Verzicht auf eigene Flagge und Hymne empfindet man nach wie vor als tiefe Schmach. Eine Schmach, die gerächt werden will. So geht bei den internationalen Verbänden die Angst um, dass russische Hacker während den Winterspielen als Reaktion auf den Teilausschluss weltweit Anti-Doping-Agenturen lahmlegen könnten.

Eine amerikanische Internet-Sicherheitsfirma hat eine auffällige Steigerung von Aktivitäten russischer Hacker in den letzten Wochen gemeldet. So gab es Angriffe auf die Server der Welt-Antidoping-Agentur, die US-Antidoping-Agentur und die Homepage der Olympia-Organisatoren. Auch das gehört in Zeiten von «Fancy Bears» zur Sportpolitik.