Ski alpin

Die Geschwister Michelle und Dominique Gisin haben ein Buch geschrieben und erzählen die Geschichte vom Olympiasieg in Pyeongchang

Michelle und Dominique Gisin (r.) sind seit ihrer Kindheit Leseratten. Jetzt veröffentlichen die beiden ihr erstes Buch.

Michelle und Dominique Gisin (r.) sind seit ihrer Kindheit Leseratten. Jetzt veröffentlichen die beiden ihr erstes Buch.

Nach der Verletzung im vergangenen Winter strebt Michelle Gisin diese Saison den Sieg in der Abfahrtswertung an.

Die Leidenschaft für Bücher war bei den Gisins früh vorhanden. Dazu gibt es rührende Anekdoten aus der Kindheit. Damals wurden in der Engelberger Bi­bliothek Abzeichen für die Anzahl gelesener Seiten vergeben. Doch Michelle Gisin las so viel, dass man für sie eine neue Kategorie schaffen musste. Auch für ihre ältere Schwester galt offenbar: mehr ist mehr. Auf dem Nachhauseweg von der Schule vergass Dominique Gisin öfters die Zeit, weil sie beim Eindunkeln unter dem Laternenlicht stehen blieb, um zu lesen – bis den Eltern per Telefon gemeldet wurde, das Kind trödle mal wieder. Es ist nicht erstaunlich, dass die beiden in diesen Tagen ihr erstes gemeinsames Buch veröffentlichen. Neben den Skifahrerinnen kommt auch der Leistungspsychologe Christian Marcolli zu Wort, der mit den Gisins schon länger zusammenarbeitet. Sie erzählen die Geschichte von Pyeongchang 2018.

Dominique war bei den Olympischen Winterspielen als Betreuerin von Michelle vor Ort. Michelle galt bereits als Allrounderin, mindestens in Abfahrt und Kombination gehörte sie zu den Medaillenkandidatinnen. In der Abfahrt fuhr sie Trainingsbestzeit, in der Kombination gewann sie im Vorjahr WM-Silber. Doch dann schienen sich die Ambitionen kurzzeitig in Luft aufzulösen. Sie stürzte in der Abfahrt im Zielraum, weil ihr Ski kaputt war. Wäre der Sturz etwas weiter oben passiert, wären die Folgen verheerender und die Winterspiele vorbei gewesen. Sie hatte Glück, sie kassierte nur einen heftigen Schlag auf den Kopf. In den Stunden danach schlüpfte Dominique in die Mutterrolle. Sie spedierte Michelle ins Hotelzimmer, machte sämtliche Schotten dicht und verordnete Bettruhe. Einen Tag später wurde die kleine Schwester wie durch wundersame Weise Olympiasiegerin in der Kombination.

Nach dem Sturz des Bruders ging nichts mehr

Auch die vergangene Saison hätte Stoff für einen dramatischen Plot hergegeben. Michelle Gisin war dabei, sich weiter in den Speed-Disziplinen zu etablieren und in der Gesamtwertung vorne mitzureden, als ihr Bruder Marc in Gröden einen heftigen Sturz erlebte. Er erholte sich erstaunlich schnell. Ob er bereits beim Speed-Auftakt der Männer nächste Woche in Lake Louise sein Comeback geben kann, ist fraglich. Sein Unfall zapfte im vergangenen Winter die Energiereserven der ganzen Familie an. Zuerst liess Michelle Gisin einige Rennen aus, dann verletzte sie sich gut eine Woche vor der WM in Åre. Einige Schläge aufs Knie im Super-G von Garmisch reichten für eine Zerrung des Kreuzbandes.

Gisin versuchte sich trotz des Sturzes ihres Bruders auf die Wettkämpfe zu fokussieren. Sie nahm dieselben Rituale zur ­Hilfe wie zwischen den Olympia-Rennen 2018. Die Situationen waren sich nicht unähnlich. Doch die Voraussetzungen eben doch ganz anders. Während der schlimme Sturz des Bruders auf einen Schlag alle Energie zunichte machte, raubte ihr eigener Sturz bei Olympia nur ein kleines Quantum. «Eigentlich trainieren wir den ganzen Sommer, um einen riesigen Rucksack voller Energie zu haben, um durch den Winter zu kommen», sagt sie.

Weihnachtsmänner und Rentiere

Zwischen der Verletzung in Garmisch und dem Weltcup-Auftakt von Sölden Ende Oktober vergingen zehn Monate. Eine längere Wettkampfpause hatte sie noch nie. «Für den Kopf war das enorm wertvoll», sagt sie. Sie hat sich in dieser Saison erneut zum Ziel gesetzt, möglichst in allen Disziplinen präsent zu sein. Der Start verlief gut, Gisin wurde in Sölden Neunte, ihr erstes Top-Ten-Ergebnis im Riesenslalom. In den letzten Jahren fehlten ihr die Resultate in dieser Disziplin. Dass ihr die Sparte aber grundsätzlich liegt, zeigen ihre beiden Schweizer-Meister-­Titel als Juniorin. Sie sagt: «Ich wusste, dass es im Riesenslalom eine Frage der Zeit ist, bis die Ergebnisse kommen.»

Einen Monat nach dem Weltcup-Auftakt nimmt nun am Wochenende in Levi, im finnischen Lappland, die Saison richtig Fahrt auf. Die Slaloms von Levi (Frauen am Samstag/Männer am Sonntag) gehören zu den Lieblingsrennen vieler Athleten. Der Rummel ist um ein vielfaches kleiner als in Sölden, es fehlt die Hektik der Übersee-­Rennen. «Es geht nur um dich und deinen Sport», sagt Michelle Gisin. Die Sieger kriegen nicht nur Preisgeld, sondern auch die Patenschaft eines Rentiers geschenkt. Besinnlich wird es spätestens, wenn der Weihnachtsmann bei der Siegerehrung im Zielraum aufkreuzt.

Doch bis Weihnachten ist es dennoch ein weiter Weg: Killington, Lake Louise, St.Moritz, Courchevel, Val d’Isère. Zehn Rennen in rund drei Wochen. Vor allem die Speed-Rennen von Lake Louise werden für Gisin von Bedeutung sein. «Es geht um die Kugel», sagt sie. Sie will die Abfahrtswertung gewinnen. «Und in der Gesamtwertung schauen wir mal, wie weit es reicht.» Der Rucksack ist wieder voll. Sie wird ihn benötigen, um ihre Ziele erreichen zu können.

Meistgesehen

Artboard 1