Fussball
Die Geschichte des Wandervogels Innocent Emeghara: Eine fröhliche Rakete - auch bei Minus 123 Grad

Innocent Emeghara war einmal ein hoffnungsvoller Stürmer. Selbst der frühere Fussball-Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld adelte ihn als starken Individualisten. Nach Engagements in Frankreich, Italien, Aserbaidschan, USA, Zypern und der Türkei spielt er wieder in der Schweiz.

François Schmid-Bechtel
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Hat vieles gesehen: Innocent Emeghara.

Hat vieles gesehen: Innocent Emeghara.

Keystone

Es gab mal eine Zeit, da wurde Innocent Emeghara eine grosse Karriere prophezeit. «Chelsea! Du hast das Zeug, um mal für Chelsea zu spielen», sagte ihm Christian Gourcuff, sein Trainer in Lorient. Das ist neun Jahre her. Statt für Chelsea spielte er für Siena, Livorno und später für Klubs, die man nicht mal vom Hörensagen kennt. Der Traum von London platzte. Auch, weil ihn ausgerechnet Gourcuff fallen liess.

Zehn Jahre auf Wanderschaft. Häufig fremdbestimmt. Mal isoliert wie im konservativen Baku. Mal überglücklich im reizüberfluteten Kalifornien. Mit 31 ist Emeghara wieder dort, wo alles begann: In Winterthur. Seine Heimat, seit er als 13-Jähriger mit seiner Mutter die nigerianische Hauptstadt Lagos verliess. «Ich weiss, ich hätte mehr erreichen können.» Er sagt es ohne Groll und Resignation. Stattdessen huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Wie das häufig der Fall ist bei Emeghara. Ein Lächeln, das nicht in Arroganz gründet, sondern schlicht seine positive Grundhaltung, seine Dankbarkeit ausdrückt.

Sommer 2011. Emeghara hat eine formidable erste Saison mit GC hinter sich.

Sein Wechsel nach Frankreich zu Lorient ist der logische nächste Schritt. Ebenso wie das Debüt im Nationalteam. Wie Granit Xhaka darf er am 4. Juni 2011 erstmals für die «grosse Nati» auflaufen. Im Wembley. Vor über 84000 Zuschauern. «Auf der anderen Seite stehen die ganz Grossen. Terry, Ferdinand und Lampard. Ich kenne sie nur aus dem Fernsehen. Und nun sind sie meine Gegner. Ein Wahnsinn. Das hätte ich nie für möglich gehalten.»

Emeghara ist schnell und wendig. Unberechenbar, auch für sich selbst Denn auf den Strassen von Lagos ist keiner, der mit ihm Technik oder Taktik trainiert. Sein Spielverständnis? Verbesserungswürdig. Aber eben: Er ist eine Rakete. Fröhlich und lernwillig dazu.

Als er in die Schweiz kommt, malt er sich aus, wie sein Leben später aussehen soll: natürlich Fussballprofi. Aber er sieht auch seine Defizite. Also trainiert er, während die Kollegen ins Schwimmbad oder ins Kino gehen. «Talent ist ein Vorteil, weil man viele Werkzeuge zur Verfügung hat», sagt Emeghara. «Wer aber weniger Werkzeuge hat, muss mehr tun. Der Talentierte gibt sich häufig schneller zufrieden. Und wenn das zur Gewohnheit wird, bleibt das Talent auf der Strecke. Ich habe sehr viele Fussballer gesehen, die talentierter waren als ich, aber nie einen Profivertrag unterschrieben haben.»

Olympia oder Lorient

Nach der ersten Saison in Frankreich stellt ihn sein Trainer Gourcuff vor die Wahl: Entweder Olympia oder Lorient. Emeghara denkt sich: Meine Leistungen sind zu gut, der Trainer steht auf mich, was sollen ein paar Wochen Absenz wegen der Olympiateilnahme schon ausmachen? Also reist er mit Schär, Benaglio und Rodriguez nach London. Und spielt danach bei Lorient keine Rolle mehr.

Sauer auf Courcuff? «Nein, er ist ein super Ausbildner. Ich fühlte mich zu sicher. Mit dem gleichen Hunger, den ich bei GC hatte, hätte ich den Olympia-Traum wahrscheinlich geopfert.» Nach einem halben Jahr als Reservist wird Emeghara zu Siena ausgeliehen. Er reüssiert, schiesst sieben Tore in 17 Spielen, kann den Abstieg aus der Serie A aber nicht verhindern.

Wir besuchen Stürmer Innocent Emeghara 2013 für eine Reportage.

Wir besuchen Stürmer Innocent Emeghara 2013 für eine Reportage.

Emanuel Per Freudiger / DIV (Siena, 14. März 2013

Trotzdem: Die Toskaner ziehen die Kaufoption. Nicht, um ihn in der Serie B einzusetzen. Nein, für sie ist der Stürmer eine Kapitalanlage. Doch dafür muss Emeghara weiter in der Serie A kicken. Entscheiden kann er jetzt nicht mehr. Siena einigt sich mit Livorno auf einen Deal. Aber auch mit dem neuen Klub steigt er nach einer Saison aus der Serie A ab.

Millionär in Kalifornien

Sommer 2014. Emeghara hat keinen Klub und es dauert drei Monate, ehe die Reise weitergeht. Er wechselt nach Aserbaidschan, weil das Geld stimmt und Qarabag Agdam im Europacup spielt. Kurz darauf zieht er das ganz grosse Los. Die San José Earthquakes verpflichten ihn als «designated player». Deren Gehalt läuft ausserhalb der Gehaltsobergrenze. Emeghara kassiert 1,3 Millionen Franken pro Jahr. So viel wie nie zuvor.

«Sonne, Meer, offene Menschen und ein guter Lohn: San José war für mich wie das Paradies.» Aber nicht die Erfüllung eines Traums. «Um zu träumen musst du schlafen. Aber wenn du wach bist, siehst du, dass viele Menschen drei Jobs haben, um sich über Wasser halten zu können.» Auch Emeghara selbst lernt in Kalifornien die dunklen Seiten kennen.

Gleich in seinem ersten Einsatz das «Tor des Monats».

Kurz darauf verletzt er sich erst an der Schulter, später schwer am Knie und fällt zehn Monate aus. Der Vertrag wird nicht verlängert und er findet keinen anderer US-Klub, der sein festgeschriebenes Gehalt übernehmen will. Nach zwei Jahren muss Emeghara die Staaten wieder verlassen. Pech? Emeghara lacht und sagt: «Von wegen. Ich bin nicht schicksalsgläubig. Es ist meine Schuld. Durch den grossen Vertrag wurde ich etwas nachlässig, habe nicht mit der nötigen Ernsthaftigkeit trainiert. Verletzungen im Fussball, die man sich wie in meinem Fall nicht in einem Zweikampf zuzieht, kann man in jedem Fall verhindern, wenn man nur für den Fussball lebt.»

Zu grosse Versprechen in der Türkei

San José stuft er als Karriereknick ein. Nach Ermis Aradippou (Zypern) und einem zweiten Engagement in Baku heuerte Emeghara im Sommer 2019 in Istanbul an. Karagümrük, ein Zweitdivisionär mit Aufstiegsambitionen. Auch hier stimmt der Lohn, wenn er denn vollumfänglich bezahlt würde. «Istanbul ist eine geniale Stadt. Aber im Fussball wird viel versprochen und nur wenig gehalten. Der Klub schuldet mir immer noch Geld. Diese Unkorrektheit stört mich.» Also streckt er nach einem Jahr, an dessen Ende er mit Kargümrük tatsächlich aufgestiegen ist, seine Fühler nach Winterthur aus.

Emeghara ist zurück auf der Schützenwiese. Er will geniessen und geben, was er noch geben kann. Sicher zwei Jahre, vielleicht aber noch ein drittes und ein viertes. Zum Geldverdienen sei er nicht gekommen. Davon habe er genug. Aber er will hier die Karriere als Fussballer beenden und jene als Geschäftsmann starten. Begonnen hat er bereits damit. Als Investor von Swiss Ice Box. Therapie bei Minus 123 Grad. «Coole Sache», findet er.