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Die Genugtuung des Lamar Jackson

Hat seine Kritiker Lügen gestraft: Lamar Jackson.

Hat seine Kritiker Lügen gestraft: Lamar Jackson.

Drei Wochen vor der Superbowl gelten die Baltimore Ravens als Favorit auf den Titel. Der Quarterback-Wunderknabe Lamar Jackson hat die Organisation wiederbelebt – obwohl ihm das kaum jemand zugetraut hatte.

Es gibt auf Twitter den wunderbaren Account «Freezing Cold Takes», mit dem jemand in mühevoller Kleinarbeit Aussagen von Athleten, Journalisten und Fans wiedergibt, die besonders schlecht gealtert sind. Es ist ein grosses Amüsement und immer wieder eine wertvolle Lektion in Doppelmoral. Am Mittwoch etwa war ein Tweet zu lesen, wie Matt Rhule, der Coach des College-Football-Teams Baylor, 2015 sagte, er «trainiere viel lieber diese Kids als für vier Millionen Dollar meine Seele zu verkaufen.» Diese Woche wurde er als Cheftrainer der Carolina Panthers eingestellt mit einem Vertrag über sieben Jahre und 62 Millionen Dollar.

Mit Tweets zu Lamar Jackson liesse sich der Twitter-Account tagelang füttern. Jackson, 23, ist die Entdeckung der NFL-Saison, dank ihm gelten die Baltimore Ravens als Favorit, um die Superbowl vom 2. Februar in Miami zu gewinnen. Es ist ein kometenhafter Aufstieg, der den Ravens und insbesondere Jackson noch vor kurzem nicht viele zugetraut hätten. Bevor er 2018 an 32. und letzter Stelle der ersten Runde gedraftet wurde, als erst fünfter Quarterback, hatten Analysten ihm geraten, er solle doch die Position wechseln und Running Back werden, oder Wide Receiver. Der Narrativ: Jackson sei laufstark, physisch mit allen Anlagen gesegnet, aber es mangele ihm an Spielintelligenz und Wurfkraft. In Jacksons Debütsaison schien sich das teilweise zu bestätigen: bei der 17:23-Heimniederlage im Playoff wurde er vom eigenen Publikum ausgebuht.

«Er lässt NFL-Profis wie High-School-Spieler aussehen»

Doch es waren nicht mehr als die beim Sprung vom Universitäts- zum Profisport üblichen Startschwierigkeiten eines Talents. Inzwischen hat der Wind längst gedreht, Jackson hat diverse Rekorde gebrochen, unabhängig vom Ausgang der Playoffs ist er der wertvollste Spieler der Saison. Er ist ein «Dual Threat», weil er gegnerische Defensiven sowohl mit Pass- als auch mit Laufspiel düpieren kann. Der Ravens-Offensivspieler Mark Andrews sagt: «Er lässt NFL-Profis wie High-School-Spieler aussehen. Sie heben ihre Hände, sagen: ‘Was soll ich denn machen’, und schauen zu ihrem Coach rüber.» Und Pete Carroll, der Coach der Seattle Seahawks, sagt nur: «Er ist phänomenal.»

Bisher hat niemand es geschafft, Jackson zu stoppen. In der Nacht auf Sonntag versuchen sich die Tennessee Titans an dieser Aufgabe. Die Titans schalteten vor Wochenfrist den Titelhalter New England Patriots aus, sie waren in jener Partie so krasser Aussenseiter, dass jemand tweetete: «Eher kriege ich eine lebenslängliche Haftstrafe, als dass Ryan Tannehill ein Playoff-Spiel in New England gewinnt.» Es war eines dieser Freezing Cold Takes, an denen es auch in der Divisional Round dieser NFL-Playoffs nicht mangeln wird.

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