Und am Ende ist es doch der einzelne Mann, der entscheidet. Nicht die Taktik. Nicht das System. Langnau und Lausanne gehören zu den taktisch besten Teams der Liga. Heinz Ehlers hat mit Fleiss, Akribie, Hartnäckigkeit, Geduld und Strenge in einem unberechenbaren Sport auf rutschiger Unterlage ein Höchstmass an Berechenbarkeit erreicht. Er hat seit Oktober 2016 ein System eingeschult, das die Tiger im Kollektiv weit über ihr spielerisches Sozialprodukt hinauswachsen lässt.

Lausannes Ville Peltonen, der Zauberlehrling von Berns Kari Jalonen, ist auch so ein System- und Disziplin-Spezialist. Aber er steht erst in seiner ersten Saison. Weil er aber die besseren Einzelspieler zur Verfügung hat, gibt es in dieser Serie im Bereich Taktik und System doch eine Pattsituation.

Vater des Ungehorsams

So obliegt es einem Einzelspieler, die Differenz zu machen. Das gegnerische System zu knacken wie Arnold von Winkelried das eigentlich undurchdringliche Defensivsystem der Österreicher («ich will euch eine Gasse machen»). Nicht ganz unerwartet sorgt Chris DiDomenico für diese Differenz. Er hat seinen Trainer mit seinen Ausrastern und Aussetzern in den letzten Wochen zur Weissglut getrieben.

Aber Heinz Ehlers ist nicht nur ein «harter Hund». Er ist auch ein kluger Psychologe und hat längst erkannt, dass die Disziplinlosigkeiten seines Kanadiers nicht das Produkt von Ungehorsam oder einer ungenügenden Einstellung sind. Auf die Fragen, warum er sich die Eskapaden seines Topskorers bieten lasse, sagte Heinz Ehlers noch im Laufe dieser Serie, er wolle nicht darüber reden.

Um dann doch anzufügen: «….aber er ist sooo ehrgeizig». Das ist es: der Vater des Ungehorsams ist bei Chris DiDomenico der unbändige Siegeswille. Die Früchte seines kontrollierten Zornes sind Rushes, die im gegnerischen System die Wirkung von Nadelstichen haben.

Sein Treffer zum 1:0 lenkt das Spiel bereits nach 42 Sekunden in die für ein System-Team günstige Bahnen. Der Gegner rennt fortan immer einem Rückstand nach und ist gezwungen, die Deckung zu lockern.

Wie der Hamster im Rad

Die Räume öffnen sich, vor allem auf den Aussenbahnen. Genau dort stürmt Alexei Dostoinow ins gegnerische Drittel und bezwingt Sandro Zurkirchen zum 2:0 (12. Minute). Mit dem wahrscheinlich besten ersten Drittel dieser Saison legen die Langnauer mit der 2:0-Führung den Grundstein zum Sieg. Lausanne wird es zwar gelingen, auf 2:1 und in der 56. Minute auf 3:2 zu verkürzen.

Aber sie können das Layout dieses dramatischen Spiels nicht ändern, sie sind dazu verurteilt einen Rückstand aufzuholen und rennen wie der Hamster im Rad. Die Langnauer biegen sich unter dem gewaltigen Druck, den die Lausanner «Hockey-Maschine» zu entwickeln vermag (insgesamt 33:25 Torschüsse für Lausanne). Aber sie brechen nicht. Auch nicht unter dem finalen, verzweifelten Ansturm des Gegners.

Harri Pesonen trifft 61 Sekunden vor Schluss zum 4:2 ins Netz. In der zweiten Hälfte ist Damiano Ciaccio zum wichtigsten Mann geworden. Der beste Torhüter unserer Hockeygeschichte ohne Länderspiel erreicht die famose Fangquote von 93,44 Prozent. Er ist klar besser als Sandro Zurkirchen (87,50 Prozent) und wird richtigerweise zum besten Spieler der Partie gewählt.

Nun entscheide morgen Spiel sieben wer ins Halbfinale kommt. Langnau braucht wieder einen «Systembrecher» und die grosse Frage ist, wer nach dem gestrigen Ringen frischer sein wird. Ville Peltonen hat seine besten Kräfte über Gebühr forciert. Wohl wissen, dass er mit einem Sieg die Serie beenden und zwei zusätzliche Ruhetage hätte gewinnen können. Gestern hat sich die Energie des Publikums auf die Spieler übertragen. In Lausanne wird es umgekehrt sein.