Brian Cookson ist nicht zu beneiden. Als UCI-Präsident trat der Brite im Herbst 2013 an, den Radsport zu reformieren, nachdem er sich in einer Kampfwahl gegen den damaligen Amtsinhaber Pat McQuaid durchgesetzt hatte. Zweieinhalb Jahre später ist seine Bilanz durchzogen. Der Wille zu Reformen ist zwar erkennbar, doch deren Umsetzung verläuft schleppend.

Vor allem der anhaltende Machtkampf mit dem einflussreichen Tour-de-France-Veranstalter ASO scheint einen grossen Teil der Energie im Weltverband zu absorbieren. Die ASO hat ihre Stellung im Radsport in den letzten beiden Jahrzehnten ausgebaut und kontrolliert neben der Frankreich-Rundfahrt eine ganze Reihe von Rennen wie den Pavé-Klassiker Paris–Roubaix oder die Vuelta. Das Kräftemessen gipfelte zuletzt in der Ankündigung der ASO, ihre Männer-Rennen per 2017 aus der höchsten UCI-Wettkampfserie World Tour zurückzuziehen.

Das Versprechen des Präsidenten

Punkten kann Cookson dafür beim weiblichen Geschlecht. Mit der Einführung einer Frauen-World-Tour knüpft die UCI an sein Wahlversprechen an, den Strassen-Radsport der Frauen stärker zu fördern als in der Vergangenheit. Die Rennserie, die heute in der Toskana mit dem Eintagesrennen Strade Bianche lanciert wird, löst den bisherigen Weltcup ab und umfasst 17 Etappen- und Einzelrennen in Europa, China und den Vereinigten Staaten. «Ich bin überzeugt, dass die neue Struktur einen Meilenstein in der Entwicklung des Frauen-Radsports darstellt», sagt Cookson. «So können wir die besten Fahrerinnen in einem kohärenten Wettkampfkalender zusammenbringen.»

Das primäre Ziel der neuen Serie liegt in der breiteren Vermarktung und Übertragung der Rennen über TV oder Live-Streaming, womit dem Frauen-Radsport zusätzlicher Schwung verliehen werden soll. Dabei hat sich dieser bereits in den letzten Jahren stark entwickelt. «Es ist ein massiver Wandel geschehen», sagt die schwedische Olympia- und WM-Medaillengewinnerin Emma Johansson, welche seit rund zehn Jahren an der Spitze mitfährt. «Damals gab es vier oder fünf Fahrerinnen, die ein Weltcuprennen gewinnen konnten», sagt Johansson. «Heute kommen viele als Siegerinnen infrage und die Teams arbeiten viel professioneller.»

In der Schweiz allerdings hat der Strassenradsport der Frauen eine schwierige Zeit hinter sich, Weltklassefahrerinnen fehlten. Als der Verband Swiss Cycling im letzten Jahr zu Sparmassnahmen gezwungen war, wurden daher aufgrund von Leistungskriterien insbesondere beim Frauen-Nationalteam Abstriche gemacht – wobei die besten Fahrerinnen in Profi-Teams engagiert sind. Mit Cervélo-Bigla mischt auch ein Schweizer Team im Frauen-Radsport mit, das mit der Zürcherin Nicole Hanselmann eine einheimische Fahrerin in seinen Reihen hat.

Neffs Doppelspiel – mit Brändli

Für einen Schub im Schweizer Frauen-Team könnte Jolanda Neff sorgen. Die zweifache Gesamtweltcupsiegerin im Mountainbike plant bei den Olympischen Spielen in Rio einen Doppelstart auf Strasse und Bike. Die 23-Jährige deutete ihr Potenzial im vergangenen Jahr bei Abstechern auf die Strasse mehrfach an. Vor Beginn der Mountainbike-Saison wird Neff, die im Wintertraining mit dem Handbruch im Dezember einen Rückschlag zu verkraften hatte, in den kommenden Wochen für das italienische Team Servetto-Footon neben Strade Bianche noch weitere World-Tour-Rennen bestreiten. Für die Rheintalerin geht es dabei auch darum, die Olympia-Qualifikation sicherzustellen. Die Chancen stehen gut, dass sich die Schweiz über das Nationenranking der UCI zwei Quotenplätze für das Frauen-Strassenrennen sichern kann.

Unterstützung und Konkurrenz bekommt Neff dabei von der mehrfachen WM-Medaillengewinnerin Nicole Brändli. Die 36-jährige wagt fünf Jahre nach ihrem Rücktritt vom Spitzensport ein Comeback im Hinblick auf die Olympischen Spiele. Wie Neff tritt Brändli auf der World Tour für Servetto-Footon an, während die Solothurnerin Doris Schweizer auf diese Saison hin von Cervélo-Bigla zum amerikanischen Cylance Pro Cycling Team gewechselt hat.

Rennspirit aus der Sicht von Jolanda Neff:

Livingo - Jolanda Neff

Livingo - Jolanda Neff