Es ist eine fast unglaubliche Geschichte. Es ist einer dieser Tage im Leben, die man nie vergisst. Auch Madeleine Boll nicht. Man schrieb den 15. September 1965. Es war ein Mittwoch, an dem der FC Sion im Europacup der Cupsieger das grosse Galatasaray Istanbul mit 5:1 besiegte – und doch war es nicht das, was weltweit für Schlagzeilen sorgte.

Schnitt. Bahnhof Olten. Es ist der Tag des letzten Länderspiels des Schweizer Frauennationalteams vor der Abreise zur Weltmeisterschaft in Kanada. Wieder ist es ein Mittwoch und rund 60 Minuten lang sieht es gar nach einer Sensation aus – aber dazu später mehr. Madeleine Boll steigt zu uns ins Auto. Weil ihr Zug aus dem Wallis ein wenig Verspätung hat, stehen wir bei unserer Fahrt nach Baden ins Stadion Esp etwas unter Zeitdruck. Die heute 61-Jährige erzählt aus ihrem Leben, entschuldigt sich, dass sie kaum Neues zu bieten habe. «Ich kann ja nicht einfach meine Lebensgeschichte neu erfinden», sagt sie und muss selber etwas lachen. Das ist aber auch gar nicht nötig, spannend ist ihr Leben auch so.

Ausriss aus dem «Blick» vom 22. September 1965: Die erste Lizenz von Madeleine Boll.

Ausriss aus dem «Blick» vom 22. September 1965: Die erste Lizenz von Madeleine Boll.

Sie war es nämlich, die bei besagtem Europacup-Erfolg des FC Sion im Jahr 1965 dem stolzen Walliser Klub die Show stahl. Ein damals zwölfjähriges Mädchen aus dem nahen 300-Seelen-Dorf Granges. Dies, weil sie in einem Vorspiel des Nachwuchses vor dem grossen Spiel zum Einsatz kam. Als erstes Mädchen in einem offiziellen Fussballspiel. Zeitungen und Radios in aller Welt berichteten über diese Ungeheuerlichkeit. Schon in frühester Kindheit entdeckte Boll ihre Liebe zum Fussball. «Ich habe mir das nicht ausgewählt, sondern einfach immer schon gespielt. Kommt hinzu, dass es für die Mädchen nur zwei Angebote gab: Man konnte singen oder etwas in der Kirche machen», sagt sie.

Also spielte sie einfach mit den Jungen Fussball, die sie als gute Mitspielerin problemlos akzeptierten. Als ihr Kamerad Gilbert 1964 dem FC Sion beitrat, nahm er sie kurzerhand mit ins Training. Der Trainer willigte ein. Nur wenige Wochen später entsprach der Schweizerische Fussballverband SFV dem eingereichten Antrag und stellte eine Lizenz auf Madeleine Boll aus – der zuständige Sachbearbeiter hielt sie für einen Jungen. Nach dem grossen Medienrummel zog der Verband die Lizenz allerdings gleich wieder zurück. Die Statuten schlossen Frauen vom Fussball aus, wobei medizinische Gründe genannt wurden.

Stau und das verpasste 1:0

Es war ein herber Rückschlag für das fussballbegeisterte Mädchen. Sie fand zwar bald wieder Unterschlupf in einem Team, durfte als unlizenzierte Spielerin aber nur im Training mitmachen. «Da fehlte mir der Wettkampfcharakter», sagt Boll, als wir die Autobahn 1 vor dem Barregg-Tunnel verlassen wollen. Stau. Ausgerechnet. Die Zeit läuft uns davon. Boll ärgert sich. Sie will den Anpfiff des Länderspiels der Schweizerinnen gegen Deutschland nicht verpassen. «Ich mag die Nationalhymne vor den Spielen sehr. Das gehört für mich einfach dazu.» Wir werden den Schweizer Psalm verpassen. Ebenso das Führungstor der Schweizerinnen in der 2. Minute.

Nach dem Lizenzentzug suchte Boll zusammen Ende der 1960er-Jahre mit ihren Eltern – die die Fussball-Leidenschaft ihrer Tochter bedingungslos unterstützten – nach einer Lösung. Fündig wurde sie in Italien, wobei eher sie von den Italienern gefunden wurde. Ein Tessiner Anwalt unterbreitete ihr ein paar Jahre nach ihrer Premiere ein Angebot eines Mailänder Frauenfussballklubs. Fortan reiste sie am frühen Sonntagmorgen mit dem Zug nach Mailand, absolvierte eine Partie – an Auswärtsspiele wurde das Team jeweils geflogen – und kehrte am späten Abend wieder auf Schienen ins Wallis zurück. Ihr Training bestritt sie in ihrer Heimatgemeinde Granges.

Das Länderspiel in Baden ist mittlerweile beendet. Die Schweizerinnen haben die Sensation verpasst und sind Deutschland letztlich 1:3 unterlegen. Trotzdem ist Boll guter Laune. Sie ist eine beliebte Gesprächspartnerin. Man kennt sie hier im Umfeld des Nationalteams. Sie trifft viele alte Bekannte. Die Partie hat sie – wie immer bei Spielen des Frauennationalteams als Ehrengast geladen – im VIP-Bereich verfolgt. Stolz präsentiert sie auf dem kleinen Display ihrer Digitalkamera ein Foto, das sie zusammen mit dem ehemaligen Nationalmannschafts-Spieler Jean-Paul Brigger zeigt.

Bolls Kreis schliesst sich mit WM

1975 wechselte Boll zurück in ihre Heimat – zum DFC Sion. Mittlerweile waren auch in der Schweiz Frauenteams entstanden. 1976 und 1977 wurde sie Schweizer Meisterin, 1977 auch noch Cupsiegerin. Im 1972 gegründeten Nationalteam gehörte sie zu den Spielerinnen der ersten Stunde.

Erst viele Jahre nach dem Ende ihrer Karriere wurde Boll bewusst, dass sie es war, die das Terrain für Frauen in der Männerdomäne Fussball bereitet hatte. «Ich bin schon stolz. Das alles war aber nie meine Absicht, ich wollte einfach nur Fussball spielen», sagt sie auf der wiederum gemeinsamen Rückfahrt aus Baden im Auto. Dann kommen wir in Aarau an. Bald fährt ihr Zug in Richtung Wallis. Boll verschwindet im Gebäude des Aarauer Bahnhofs. Turbulente Stunden mit der rüstigen Walliserin nehmen so ihr Ende.

Zu Ende geht in wenigen Wochen auch die Arbeitskarriere der bald 62-Jährigen. Zu ihrer Pension hat sie sich selber ein ganz besonderes Geschenk gemacht: Sie wird noch einmal Ferien beziehen und in Kanada im Stadion mitfiebern, wenn die Schweizerinnen ihre WM-Partien austragen. So auch in der Nacht auf Dienstag (4 Uhr MEZ, live SRF 2), wenn das erste Spiel von Lara Dickenmann und Co. gegen Weltmeister Japan in Vancouver ansteht. Mit der erstmaligen WM-Qualifikation der Frauen schliesst sich für sie der Kreis – und das will sie sich nicht entgehen lassen.