Kommentar

Die Formel 1 hat ihren Zauber längst verloren

Was würde Michael Schumacher wohl über die Entwicklungen in der Formel 1 sagen?

Was würde Michael Schumacher wohl über die Entwicklungen in der Formel 1 sagen?

Am Sonntag steigt in Dubai das Saisonfinal der Formel 1. Unser Redaktor Marcel Kuchta wägt sich dabei in alten Erinnerungen, die heute jedoch längst verflogen sind. Ein Kommentar über die guten alten Zeiten und die Tatsache, dass auch in der Formel 1 das Geld die Tradition verdrängt.

Man sollte sich ja stets hüten, allzu sehr in der Erinnerungskiste zu kramen und von den guten alten Zeiten zu schwärmen. Wenn ich an die Formel 1 denke, komme ich jedoch nicht darum herum, mich an meine Kindheit zu erinnern. Daran, dass ich jeden zweiten Sonntag der magischen Startzeit 14.00 Uhr entgegenfieberte. Daran, dass ich zwei Stunden lang gebannt vor dem Fernseher sass und zusah, wie die Boliden ihre Runden drehten. Daran, dass ich genau wusste, welcher Fahrer in welchem Team fährt. Daran, dass ich mich unbändig freute, wenn mein Lieblingsrennstall Renault eine gute Saison hatte. Daran, dass ich zu Tode betrübt war, wenn meine Favoriten früh die Segel streichen mussten.

Daran, dass es zwischendurch mal kräftig knallte auf der Strecke und man um Leben und Gesundheit der Fahrer bangen musste. Daran, dass Persönlichkeiten und Superstars wie Ayrton Senna, Michael Schumacher oder Alain Prost kraft ihres Könnens die Konkurrenz in Grund und Boden fuhren. Später daran, dass das Schweizer Sauber-Team immer
mal wieder für einen Exploit gut war und dank seiner Bodenständigkeit und der Verkörperung von Schweizer Qualität ein wohltuender Kontrast war in dieser schnelllebigen Welt.

Und letztlich daran, dass es damals kein Problem war, mit dem Vater mal ein Rennen in Hockenheim oder in Monza, gleich ennet der Landesgrenze, zu besuchen – zusammen mit Hunderttausenden Gleichgesinnten, die die Faszination der Formel 1 vor Ort erleben wollten. Und das zu erschwinglichen Preisen.

Der ganze Zauber ist inzwischen verflogen. Am Sonntagnachmittag um 14.00 Uhr kommt es zum grossen Formel-1-Showdown in Abu Dhabi. Nico Rosberg und Lewis Hamilton duellieren sich im letzten Rennen der Saison um den WM-Titel. Aber ich verspüre kein Bedürfnis, mir das Ganze anzusehen. Weshalb?

Nun, die Formel 1 ist der Basis sprichwörtlich entwachsen. Die Technik ist inzwischen ein derart dominierender Faktor, dass nicht mehr zwingend der beste Pilot obenaus schwingt, sondern mit allergrösster Wahrscheinlichkeit derjenige, der das schnellste und zuverlässigste Auto unter dem Hintern hat. Nichts gegen Hamilton und Rosberg, aber die Dominanz der Mercedes ist derart erdrückend, dass dem ganzen Spassfaktor sprichwörtlich der Sauerstoff entzogen wird. Vorher fuhr Sebastian Vettel mit dem Red Bull in einer eigenen Liga.

Gut, es gab auch in den guten alten Zeiten immer wieder dominierende Teams und Fahrer. Aber die Piloten hatten einen viel grösseren Einfluss auf die Performance als mit den heutigen High-Tech-Boliden, die mehr fahrenden Computern gleichen, bei denen die Renningenieure vor ihren tausend Bildschirmen mittlerweile ungefähr denselben Einfluss haben wie die Rennfahrer im Cockpit.

Die Zeit, als Sebastian Vettel die Formel 1 dominierte, sind vorbei.

Die Zeit, als Sebastian Vettel die Formel 1 dominierte, sind vorbei.

Ein Symptom für die fortgeschrittene Entwurzelung der Formel 1 ist auch die Tatsache, dass das Geld die Tradition zunehmend verdrängt. Am Freitag wurde bekannt, dass der GP von Deutschland in Hockenheim nach 2015 auch 2017 nicht durchgeführt wird.

Die finanziellen Forderungen von Formel-1-Zampano Bernie Ecclestone sind zu hoch. Die Veranstalter, die entsprechend immer höhere Eintrittspreise verlangen müssen, verhungern. Aber in diesem Milliardenbusiness hat es keinen Platz mehr für Romantik. Die Rennen veranstaltet man lieber in China, Katar, Singapur, Russland oder Bahrain. Da zahlen der Staat oder Sponsoren. Zuschauer braucht niemand mehr. Hauptsache, der Rubel rollt.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1