EM 2016

Die Fanmeilen stehen im Fadenkreuz

Gefahr droht in den Fanmeilen, 100000 Besucher finden am Eiffelturm Platz. key

Gefahr droht in den Fanmeilen, 100000 Besucher finden am Eiffelturm Platz. key

Fussball Die zehn Stadien der Europameisterschaft in Frankreich werden zu Hochsicherheitszonen. Doch das grösste Problem sehen Antiterrorexperten anderswo.

Zwei Wochen vor dem EM-Startschuss am 10. Juni ist das Stade de France in der nördlichen Banlieue von Paris bereits eine Festung. Nach dem französischen Cupfinal von Ende Mai kommt niemand mehr ohne Spezialbadge in die Arena – weder Bauarbeiter, Reinigungsequipen noch Sportjournalisten. Zum EM-Eröffnungsspiel Frankreich - Rumänien werden die 80 000 Besucher gleich durch zwei Sperren geschleust. Bei beiden müssen sie sich kontrollieren, abtasten und in die Taschen schauen lassen.

Das Stade de France, Schauplatz der Terroranschläge des 13. November anlässlich des Freundschaftsspiels Frankreich - Deutschland, ist kein Sonderfall. Die zehn über ganz Frankreich verteilten Stadien – von Nizza und Marseille über Lyon und Saint-Etienne bis nach Lille und Lens – sehen für die 2,5 Millionen Besucher der 51 EM-Spiele den gleichen Sicherheitsmarathon vor. Es sei denn, «ihr» Spiel findet gar nicht statt: Die Organisatoren behalten sich vor, eine Partie kurzfristig vor leeren Tribünen anzusetzen.

Der Flughafen Roissy in Paris wird streng bewacht. Christophe Ena/keystone

Der Flughafen Roissy in Paris wird streng bewacht. Christophe Ena/keystone

Eine Geisterpartie mag eine schreckliche Vorstellung für ein Fussballfest sein. Aber sie ist immer noch weniger schrecklich als ein mörderisches Attentat. Laut offiziellen Angaben werden über 90 000 Polizisten, Rettungskräfte und private Sicherheitsleute die Spiele schützen. Der Chef des EM-Organisationskomitees, Jacques Lambert, ist deshalb guter Dinge.

Schon kurz nach den Attentaten in Paris hatte er erklärt, es sei all diesen Sicherheitskontrollen zu verdanken, dass die Kamikaze-Täter nicht in das Stadion gelangen und dort ein Blutbad anrichten konnten – während die drei auf dem Vorplatz explodierten Bomben einen Passanten töteten.

Rauchbomben beim Cupfinal

Beim jüngsten Cupfinal gelang es Fans aus Paris und Marseille allerdings, Rauchbomben und Leuchtkörper ins Stadion zu schmuggeln und Glasflaschen zu werfen. Die Polizei musste zugeben, das dies nicht hätte passieren dürfen.

In mehreren Stadien, darunter auch dem Stade de France, haben schon gross angelegte Notfallübungen mit jeweils Hunderten von Freiwilligen stattgefunden. Geprobt wurden sogar Terrorangriffe mit Chemiewaffen. Sehr beruhigend klingt das nicht. Doch die Behörden scheuen keine Anstrengung, die weit gereisten EM-Besucher zu schützen: Die Tourismusdestination Frankreich, die noch heute unter gesunkenen Übernachtungszahlen infolge des «13. November» leidet, will wirklich keine Terrorschlagzeilen mehr.

Eine Sorge treibt die Veranstalter aber weiter um – die Fanmeilen. Sie stehen den Stadien umfangmässig nicht nach: Die kleinste ist für 10 000 Schlachtenbummler gedacht, die umfangreichste beim Eiffelturm in Paris soll gar 100 000 Besuchern Platz bieten. Während des Turniers werden an die sieben Millionen Fans vor den Grossleinwänden erwartet.

Taschenkontrollen – wie hier vor der Kathedrale Notre Dame in Paris – sind an der Tagesordnung. Die Franzosen nehmen es gelassen.Etienne Laurent/EPA/Keystone

Taschenkontrollen – wie hier vor der Kathedrale Notre Dame in Paris – sind an der Tagesordnung. Die Franzosen nehmen es gelassen.Etienne Laurent/EPA/Keystone

Diese Zonen sind zwar von der Uefa in den Austragungsorten vorgeschrieben, die Organisation obliegt aber den zehn Städten. Die Herausforderung ist gewaltig: An sich soll die Sicherheit bei diesen Live-Übertragungen gleich hoch sein wie im Stadion. Doch das ist eigentlich schon bautechnisch unmöglich. Nach den Anschlägen des 13. November verlangten französische Abgeordnete der Rechtsopposition, ganz auf diese Fanmeilen zu verzichten.

Abgesehen von den kommerziellen Einbussen – die einst spontanen Fanhappenings sind heute organisierte Sportanlässe mit Grillbuden, Souvenir- und Accessoire-Ständen – hiesse das aber auch, der Terrorangst zu weichen. Und wie der sozialistische Premierminister Manuel Valls immer wieder klarmacht, kommt das für die französische Regierung nicht infrage. Immerhin schliesst er jetzt nicht mehr aus, die Fanmeilen kurzfristig dichtzumachen, wenn es nur die geringsten Indizien gebe, dass die Sicherheit bedroht sein könnte.

Die Vereinigung der zehn Austragungsstädte, die unter dem Vorsitz von Alain Juppé, Bürgermeister von Bordeaux, steht, hat in Absprache mit der Uefa einschneidende Schutzmassnahmen in diesen Fanzonen beschlossen. Hohe Zäune und Abschrankungen umgeben sie; wie am Flughafen müssen die Besucher durch Schranken mit Metalldetektoren eintreten. Videokameras überwachen die ganze Szenerie.

3500 Privatwächter

Dazu kommen – von der Uefa verlangt – 350 Ordnungshüter pro Fanmeile. Sie werden von Privatfirmen gestellt oder vermittelt. Denn die französische Polizei ist anderweitig im Einsatz. Schliesslich befindet sich Frankreich immer noch und bis zur Tour de France im Juli im verfassungsrechtlichen Ausnahmezustand. Experten fragen, ob das Auswahlverfahren für die insgesamt 3500 Privatwächter öffentlichen Kriterien genüge.

Schon jetzt haben sich die Kosten für die Kontrolle der Fanmeilen auf 24 Millionen Euro verdoppelt. Der französische Staat legt acht Millionen Euro nach, die Uefa deren vier.

Dieser gewaltige Aufwand wirft seinerseits Fragezeichen auf: Droht sich das Sicherheitsproblem nicht bloss zu verlagern, wenn die Fanmeilen wie Fussballstadien geschützt werden? Könnten sich Terroristen nicht auf weniger kontrollierte EM-Treffpunkte wie überfüllte Pubs mit Live-Übertragung verlegen? Oder auf die Warteschlangen vor den Zugangsschranken der Fanmeilen, bei denen nicht die Polizei präsent ist, sondern unbewaffnetes Privatpersonal? Wie auch immer ein sportlicher Grossanlass aufgezogen wird: «Ein Nullrisiko», machte OK-Chef Lambert klar, «gibt es nicht.»

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