«Das Alter ist nur eine Zahl.» Dieses Bonmot hört man häufig aus dem Mund von Sportlern, die auch in fortgeschrittenem Alter immer noch Bestleistungen zeigen. Michael Albasini, der im Dezember 37 Jahre alt wird, gehört ebenfalls zu dieser Kategorie. Der Thurgauer ist in der laufenden Saison der erfolgreichste Schweizer Radprofi.

Mehr noch: Fährt er in der zweiten Hälfte der Kampagne ähnlich erfolgreich wie in der ersten, dann könnte es die beste Saison seiner inzwischen schon 16 Jahre dauernden Profi-Karriere werden. Die Bilanz ist eindrücklich: An der Baskenland-Rundfahrt und an der Tour de Romandie feierte er je einen Etappensieg. Dazu beendete er drei Klassiker in Serie in den Top-ten: Amstel Gold Race (3.), Flèche-Wallonne (5.) und Lüttich-Bastogne-Lüttich (7.).

«Ich komme nicht, um einfach ein wenig zu trainieren. Ich möchte gut fahren. Wir Schweizer Profis sind das den Veranstaltern auch schuldig.»

Michael Albasini:

«Ich komme nicht, um einfach ein wenig zu trainieren. Ich möchte gut fahren. Wir Schweizer Profis sind das den Veranstaltern auch schuldig.»

«Wer rastet, der rostet»

Das Geheimnis seines Erfolgs? Der Routinier, der für das australische Orica-Scott-Team fährt, liebt es, immer wieder neue Reize zu setzen. Aus den gewohnten Bahnen auszubrechen. «Wer rastet, der rostet. Ich versuche eigentlich jedes Jahr, etwas Neues einzubauen. Das ist ein Hauptgrund, dass ich immer noch so gerne Rennen fahre. Wenn ich Jahr für Jahr dasselbe machen würde, hätte ich schnell keine Lust mehr», sagt Albasini, der keineswegs überrascht ist über die guten Resultate: «Ich habe im Winter meine Arbeit gemacht», betont er und fügt an: «Der Vorteil des Alters ist, dass man weiss, wie man seinen Job zu erledigen hat. Was es braucht, um in Form zu kommen.»

Im Vorfeld der verlängerten Schweizer Woche, welche am Donnerstag mit dem «Grossen Preis des Kantons Aargau» in Gippingen beginnt und mit der Tour de Suisse (Start am Samstag in Cham) fortgesetzt wird, hat Albasini wieder einen dieser neuen Reizpunkte gesetzt. Statt, wie bisher, nach der Pause im Anschluss an die Tour de Romandie, gleich mit dem Höhentrainingslager zu beginnen, bestritt er als Einstieg die Norwegen-Rundfahrt, bevor er sich in die Berge begab, um an seiner Form zu feilen. «So musste ich in der Höhe nicht erst einen kompletten Neuaufbau machen, sondern konnte auf einem höheren Niveau beginnen. Jetzt bin ich gespannt, wie es läuft.»

Die Chance auf den Rekord

In Gippingen wird Michael Albasini also einen ersten Anhaltspunkt erhalten, wie es um seine körperliche Verfassung steht. «Ich fühle mich sehr gut», sagt er. Für seine Konkurrenz kein gutes Zeichen. Denn den «GP des Kantons Aargaus» hat der Thurgauer schon zweimal gewonnen. Würde er ihn ein drittes Mal gewinnen, wäre er alleiniger Rekordhalter.

Michael Albasini könnte Gippingen neuer Rekordsieger werden.

Michael Albasini könnte Gippingen neuer Rekordsieger werden.

Der Rekord an sich würde ihm nichts bedeuten, sagt Albasini, umso mehr aber der Sieg in seiner näheren Heimat: «Gippingen ist das grösste Eintagesrennen in der Schweiz. Da möchte ich mich als Einheimischer sowieso zeigen. Es gibt ja nicht mehr allzu viele Gelegenheiten, vor eigenem Publikum zu fahren. Ich komme nicht, um einfach ein wenig zu trainieren. Ich möchte gut fahren. Ich tue das auch für die Veranstalter, die jedes Jahr grosse Mühen auf sich nehmen, solche Rennen über die Bühne zu bringen», macht Michael Albasini deutlich, wie sehr ihm der Wettkampf im Norden des Kantons Aargau am Herzen liegt und fügt an: «Wir Schweizer Profis sind das den Veranstaltern auch schuldig. Jeder ist schon als Junior nach Gippingen gekommen und ist dort Rennen gefahren.»

Klar ist, dass Michael Albasini heuer kaum zum letzten Mal in Gippingen am Start sein wird. Er hat in den ersten Monaten der Saison 2017 bereits zahlreiche Argumente für eine Vertragsverlängerung bei seinem aktuellen Team gesammelt. «Sie wollen, dass ich bleibe. Ich möchte für zwei weitere Jahre unterschreiben. Deshalb sollte einer weiteren Zusammenarbeit nichts im Weg stehen», sagt Albasini zum Thema. Es ist so: 36 ist wirklich nur eine Zahl.