Jeder weiss, welche sportlichen Heldentaten ein Roger Federer im zu Ende gehenden Sportjahr vollbracht hat. Die Chance ist sehr gross, dass der inzwischen 19-fache Grand-Slam-Sieger morgen Abend im TV-Studio in Leutschenbach zum Schweizer Sportler des Jahres gewählt wird. Bei den Frauen ist das Rennen wesentlich offener. Wird Martina Hinglis für ihr «Lebenswerk» geehrt? Oder kommt Ski-Ass Wendy Holdener zum Zug?

Die Sportredaktion der «Schweiz am Wochenende» hat sich auf die Suche nach Sport-Persönlichkeiten gemacht, die das Schweizer Sportjahr auf andere Art und Weise geprägt haben. Nicht unbedingt im grellen Rampenlicht der Öffentlichkeit, sondern mit speziellen Erlebnissen, Leistungen und Taten.

Entstanden ist ein buntes Sammelsurium von Momentaufnahmen, die angesichts des Glanzes der morgigen, glamourösen Preisverleihung im Schatten der Vergessenheit zu landen drohen. Und das wäre schade. (ku)

Belinda Bencic: Die Zweifler zum Schweigen gebracht

von Simon Häring

Sie hätte nach ihrer Operation am linken Handgelenk noch länger trainieren und das geschützte Ranking in Anspruch nehmen können. Sie hätte in Tokio zurückkehren können, wo die Spielerinnen in Limousinen herumgefahren werden und eine Startniederlage 8000 Dollar Preisgeld einbringt. Doch das alles wollte Belinda Bencic (20) nicht. Sie wollte nur eines: Wieder Tennis spielen.

Erst viel Frust, am Ende dann wieder Lust: Belinda Bencic.

Erst viel Frust, am Ende dann wieder Lust: Belinda Bencic.

Und wählte den schwierigen Weg: Clermont-Ferrand, Poitiers, Hua Hin und Singapur. Sie gewann drei Turniere und beendet das Jahr in den Top 100. Die Zahlen sind das eine, der Reifungsprozess das andere. Bencic trainiert nun regelmässig in der Slowakei. Ian Hughes ist ein erfahrener Trainer. Das Kapitel mit Melanie Molitor ist beendet.

Ivan Bencic ist nur noch Vater. Wie die beiden diese Loslösung gemeistert haben, verdient Respekt. Ob sie wieder an die Weltspitze vorstösst, ist schwer zu beantworten. Sicher ist, dass sie jedem Zweifler bewiesen hat, was sie selber immer gesagt hat: Dass sie dieses Leben selber gewählt hat. Selbstbestimmt und resolut. Das macht sie zur Siegerin.

Ancillo Canepa: Ohne ihn wäre unser Fussball ärmer

von François Schmid-Bechtel

Als FCZ-Präsident hat es Ancillo Canepa nicht immer einfach. Sicher, er ist vermögend und in seinem Tätigkeitsfeld einflussreich. Aber auch machtlos den Launen der anderen ausgeliefert. Beispielsweise, wenn die Angestellten grottig kicken. Oder wenn Eltern von talentierten Jungs meinen, ihr Junge sei so gut wie Messi.

Bringt Emotionen in den Schweizer Fussball: Ancillo Canepa.

Bringt Emotionen in den Schweizer Fussball: Ancillo Canepa.

Oder wenn die Engländer aus Brighton finden, sie wollen nun doch nicht 15 Millionen für FCZ-Spieler Dwamena ausgeben, weil dieser die medizinischen Checks nicht bestanden habe. Canepa reagiert in solchen Situationen auch mal wie ein beleidigter Fan. Beispielsweise, wenn er wutentbrannt aus dem Stadion flüchtet und somit die atemberaubende Aufholjagd seiner Kicker vom 1:3 zum 4:3 verpasst.

Oder er schickt einen Dimitri Oberlin für 2 Millionen nach Salzburg, im Wissen, dass der Stürmer Jahre später ein Vielfaches wert ist. Oder er kanzelt die Engländer als «amateurhaft und unprofessionell» ab. Aber das ist alles grosse Klasse. Und ich sage: Weiter so, Herr Canepa! Denn konturlose Diplomaten gibt es mehr als genug im Schweizer Fussball.

Matthias Glarner: Das zweite Leben des Königs

von Rainer Sommerhalder

Schwingerkönig Matthias Glarner löste 2017 das grössere Medienecho aus als beim Sieg am Eidgenössischen ein Jahr zuvor. Verständlich, denn wer kann schon behaupten, einen Zwölf-Meter-Sturz von der Seilbahngondel überlebt zu haben. Fehlendes Charisma kreidete man ihm nach seinem Sieg im August 2016 in Estavayer an. In der mächtigen Berner Fraktion irgendwie immer die zweite Geige spielend. Im Schatten von Stucki, Sempach oder Wenger.

Mit Krücken, Gips und Charisma: Matthias Glarner an der Medienkonferenz.

Mit Krücken, Gips und Charisma: Matthias Glarner an der Medienkonferenz.

Im Auftritt aber doch farblos und hausbacken. Und nun also doch ein Held. Nicht, weil er seine Gegner ins Sägemehl stürzte. Sondern, weil er selber zu Boden fiel. Vom Dach einer Gondel der Hasliberg-Bahn.

Dort sollte er in die Kamera eines Hochglanz-Magazins lächeln. Ein schrecklicher Zufall führte zum Sturz. Glarner überlebt, kommt mit einer Beckenringsprengung und einer Sprunggelenkverletzung relativ glimpflich davon. Nur zehn Tage nach dem Unfall gab Matthias Glarner im Berner Inselspital eine beeindruckende Medienkonferenz. Und da war es auf einmal, das Charisma.

Tom Lüthi: Die Krönung seiner Karriere

von Klaus Zaugg

Gross war das mediale Geschrei. Ein Bub, noch nicht einmal 19 Jahre alt, Sportler des Jahres 2005 vor Roger Federer! Dabei war Tom Lüthi «nur» bei den 125er Töff-Weltmeister geworden. Der kleinsten Klasse. Also nicht in der «Königsklasse» MotoGP, dort wo die echten Männer fahren.

Der Berner Motorradrennfahrer Tom Lüthi hat sich seit seinen Anfängen als Teenager nicht verändert, findet er. Normalerweise ist er ein freundlicher Mensch, aber nachdem er das Visier runtergeklappt hat, wird er zum "aggressiven Cheib". (Archivbild)

Der Berner Motorradrennfahrer Tom Lüthi hat sich seit seinen Anfängen als Teenager nicht verändert, findet er. Normalerweise ist er ein freundlicher Mensch, aber nachdem er das Visier runtergeklappt hat, wird er zum "aggressiven Cheib". (Archivbild)

Zwölf Jahre sind seither vergangen, und nun ist Tom Lüthi töfftechnisch konfirmiert worden: er darf nächste Saison zum ersten Mal ganz oben antreten und die MotoGP-WM 2018 bestreiten. Es ist die Krönung seiner Karriere, die alleine eine Wahl zum Sportler des Jahres rechtfertigen würde. Eine Nomination verdient er darüber hinaus für seinen grossartigen Kampf um den Moto2-Titel 2017.

Seine Wahl zum Sportler des Jahres könnte erst noch zum formidablen TV-Spektakel geraten: er fährt auf einer echten MotoGP-Höllenmaschine ins Studio und produziert vor laufenden TV-Kameras live zum Lärm von mehr als hundert Pferdestärken ein «Burnout». Das wäre mal was anderes als die langweiligen Lobreden und würde internationales Aufsehen erregen.

Dimitri Oberlin: Der Teufelskerl hinterlässt verbrannte Erde

von Sébastian Lavoyer

Gerüchten zu Folge musste im Joggeli der neue Rasen nicht wegen der Beackerung durch die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft ersetzt werden, sondern wegen Dimitri Oberlin. Marc Studach, Chef des heiligen Rasens zu St. Jakob, soll in vertrautem Kreise gesagt haben: «Wegen der paar Furchen hätten wir nicht aufgegeben, aber es hatte eine schwarze Linie quer über den Platz.

Auf den Spuren von Usain Bolt: Teufelskerl Dimitri Oberlin.

Auf den Spuren von Usain Bolt: Teufelskerl Dimitri Oberlin.

Da waren wir chancenlos.» Verbrannte Erde. Von «Air Oberlin». Es muss mit dem Teufel zu- und hergegangen sein, dass das niemandem aufgefallen ist zwischen Ende September und Anfang November. Auf jeden Fall war Oberlin an seinem 20. Geburtstag (27. September 2017) «on fire». Zwei Tore und zwei Assists verbuchte er beim 5:0 gegen Benfica.

Vor allem sein erstes Tor war wie von einem anderen Stern. Erst klärt Oberlin einen Eckball per Kopf. Der Ball landet bei Gehilfe Renato Steffen. Und Oberlin spurtet los. Im Stile von Supersprinter Usain Bolt. Und dann netzt er ein. Was geblieben ist? Die verbrannte Erde, eben. Dimitri Oberlin, dieser Teufelskerl.

Alex Wilson: Das Interview des Jahres

von Céline Feller

«Ich habe fast in die Hosen gemacht, wenn ich ehrlich bin!» Völlig verschwitzt, mit kaum Luft und Kraft, sich auf den Beinen zu halten, spricht Alex Wilson diese Worte. Eben hat er an der Leichtathletik-WM in London den Einzug in den Halbfinal über 200 Meter geschafft.

Schlappe im Londoner Regen: Alex Wilson nach seinem 200-Meter-Halbfinal-Out.

Schlappe im Londoner Regen: Alex Wilson nach seinem 200-Meter-Halbfinal-Out.

«Gopferdeckel, ich bin mega, mega nervös gewesen!» Der 26-jährige gebürtige Jamaikaner redet sich in die Herzen der Schweizer Sportfans. Unverblümt und erfrischend sagt er, was er denkt. Dabei: «Ich kann kaum schnuure», japst er. Als er dann im Halbfinale ausscheidet, setzt er einen drauf. «Ich hab dreingeschissen! Ou, ups, das darf ich gar nicht sagen im Fernsehen.»

Alex Wilson: «Fast in die Hosen gemacht!»

Alex Wilson: «Fast in die Hosen gemacht!»

Übel nimmt es ihm niemand. Denn keiner erklärt Niederlagen schöner als Alex Wilson. Dass er mit dem Ziel, so schnell wie noch nie in seinem Leben zu laufen, an die WM gereist war? Es scheint vergessen. Dass er keine Chance hatte? Egal. Dass er weit unter seinen Möglichkeiten blieb? Wen interessiert’s. Denn immerhin hat er für das Interview des Jahres gesorgt.

Lara Jenzer: Der Hoffnungsschimmer in der Nebelsuppe

von Sebastian Wendel

Nein, der FC Aarau hat erneut kein gutes Jahr hinter sich. Sportliche Tristesse, schrumpfende Zuschauerzahlen und das Drama um das neue Stadion. Doch es gibt ihn, den Hoffnungsschimmer in der Aarauer Nebelsuppe, die Figur, die weit über die Stadtgrenzen hinaus positive Werbung macht für den einst so stolzen Klub im Rüebliland: Lara Jenzer.

(archiv)

Auf Augenhöhe mit den Besten: Lara Jenzer (Mitte) spielte sich in den Fokus.

(archiv)

Erst zarte 19 Jahre alt, aber schon heute den alten FCA-Kempen um Längen voraus: Und zwar als einzige FCA-Vertreterin in der Schweizer A-Nationalmannschaft. Der letzte Aarauer vor ihr auf dieser Flughöhe war Sandro Burki, der 2008 von Ottmar Hitzfeld ein Aufgebot erhielt.

Umso bemerkenswerter ist Jenzers Aufstieg in die Beletage, weil sie im Alltag hartes, sehr hartes Brot isst: Nach der riesigen Euphorie nach dem NLA-Aufstieg ist bei den FCA-Frauen Ernüchterung eingekehrt: Nach 11 Spielen warten sie immer noch auf den ersten Sieg, der direkte Wiederabstieg ist kaum noch abzuwenden. Wer unter diesen Umständen für die Nati aufgeboten wird, der ist gut. Bald zu gut für Aarau?

Andri Ragettli: Ein Video als Augenöffner

von Etienne Wuillemin

Wer Andri Ragettli zuschaut, wie er auf seinen Skis über hohe Schanzen rast und durch die Luft wirbelt, spürt eine Mischung aus Faszination und Schock. Diese Körperbeherrschung, dieser Mut, diese Präzision. Man staunt. Besonders, als Ragettli zum Ende der Saison als erster Mensch überhaupt den «Quad Cork 1800» springt.

Weltpremiere: Andri Ragettli schafft vier Rückwärtssalti samt fünf Drehungen um die eigene Achse.

Weltpremiere: Andri Ragettli schafft vier Rückwärtssalti samt fünf Drehungen um die eigene Achse.

Der Sprung besteht aus vier Saltos und fünf Schrauben. Die Welt im Schnee und in der Sonne. Das ist die Seite eines Free-skiers, die vielleicht manchmal etwas Neid erzeugt. Oder wie der 19-Jährige schon sagte: «Wir haben den Ruf, etwas Larifari zu sein.» Doch es gibt auch eine andere Seite. Lange Stunden harte Arbeit in schummrigen Kellern. An dieser Welt hat uns Ragettli teilhaben haben lassen.

Akrobat an der Arbeit: Andri Ragettli.

Akrobat an der Arbeit: Andri Ragettli.

Seine Videos der Trainings-Runs über Barren, Slackline, Rollen, Mini-Trampolin und Bälle sind eine Sensation. Kann ein Mensch über so viel Gleichgewichtssinn verfügen? Kein Wunder, wurden die Videos Welthits. Wir wagen die Behauptung: So spektakulär waren nicht einmal Roger Federers schönste Punkte des Jahres.

Mark Streit: Leiser Abschied nach dem Höhepunkt

von Marcel Kuchta

Es waren schöne Momente, die Mark Streit am 2. August in seiner Heimatstadt Bern erleben durfte. Es war sein Tag mit dem Stanley Cup, mit der begehrtesten Eishockey-Trophäe der Welt. Als erster Schweizer Feldspieler hatte er den NHL-Titel gewonnen. Bei den Pittsburgh Penguins spielte der Mann, der als eigentlicher Schweizer NHL-Pionier gilt, allerdings nur eine Nebenrolle.

Ein Kuss für das Objekt der Begierde: Mark Streit und der Stanley Cup.

Ein Kuss für das Objekt der Begierde: Mark Streit und der Stanley Cup.

Lediglich in einer Handvoll Partien war Streit auf dem Weg zum Titelgewinn zum Einsatz gekommen. An diesem Tag in Bern war das aber alles egal. Den Gewinn des Stanley Cups zusammen mit seinen Freunden und seiner Familie feiern zu dürfen, entschädigte für alles. Und auch für die weniger schönen Momente, die Mark Streit zwei Monate später erleben sollte.

Bei den Montreal Canadiens wollte der bald 40-Jährige seine letzte NHL-Saison in Angriff nehmen. Nach nur zwei Spielen war aber dann Ende Feuer. Der Vertrag wurde im Oktober aufgelöst. Nach kurzer Bedenkzeit gab Mark Streit seinen Rücktritt bekannt. Eine grosse Karriere ging leise zu Ende.

Niels Hintermann: Der Tag, an dem alles zusammenpasste

von Martin Probst

Da stand er zuoberst auf dem Podest vor den zahlreichen Skifans in Wengen und Niels Hintermann konnte es sich nicht verkneifen. Schelmisch grinsend sagte er: «Ich repräsentiere den Kanton Zürich.» Ein Flachländer gewinnt die Kombination an einer der traditionsreichsten Weltcupstationen überhaupt. Und ein wenig wollte Hintermann die Oberländer foppen.

(archiv)

Plötzlich im Rampenlicht: Niels Hintermann wird als Sieger gefeiert.

(archiv)

Denn als er als kleiner Bub in die Berge kam und den «Berglern» erklärte, dass er Skiprofi werden will, musste er viel Spott ertragen. «Darum fand ich, eine kleine Retourkutsche war angebracht», sagt er und lacht. Natürlich hatte Hintermann an diesem Tag Wettkampfglück, natürlich war das Wetter bei seiner Fahrt in der Abfahrt besser als bei allen, die nach ihm starteten. Aber man muss die Gelegenheit dann packen, wenn sie sich bietet.

Sieben Fahrern vor Hintermann gelang dies nicht. Der Zürcher reüssierte. Die aktuelle Saison verpasst der 22-Jährige mit Schulterproblemen. Bis er es den «Berglern» ein nächstes Mal zeigen kann, muss er sich also gedulden.