Der Rotsee bedeutet für sie ein Stück Heimat. Dieses Gefühl ist für Jeannine Gmelin wichtiger denn je. Nach den Unstimmigkeiten mit dem Schweizer Ruderverband während des Winters trainiert die 28-Jährige nicht nur ganz allein, sie weicht vom nationalen Leistungssportzentrum auf dem Sarnersee auch konsequent auf ausländische Gewässer aus. Vier Wochen war sie zur Saisonvorbereitung in Spanien, zuletzt zehn Tage in Norditalien, um sich für die Heim-Europameisterschaften in Luzern den letzten Schliff zu holen.

Die Zürcherin fühlt sich auf Anhieb geborgen, als sie am Dienstag von Italien her an das kultige Rudergewässer vor den Toren der Stadt anreist. «Ich vermisse die Schweiz, wenn ich längere Zeit im Ausland weile», sagt Gmelin. Und mit dem Rotsee verknüpft sie besondere Momente. 2017 gewann sie hier erstmals im Rahmen des Weltcups, im Vorjahr machte sie in Luzern alles klar im Kampf um den Gesamtweltcup. Und in diesem Jahr?

Es sei Standortbestimmung und Tag der Wahrheit in einem, sagt Jeannine Gmelin. Sie ist EM-Titelverteidigerin, wurde seit den Olympischen Spielen 2016 in Rio nur zweimal bezwungen und definiert sich als Sportlerin primär über Siege. Dennoch sieht die Zeitsoldatin der Schweizer Armee die Goldmedaille diesmal nicht als die einzige gültige Währung.

Gmelin hat in ihren ersten Wochen als selbstständige Unternehmerin lernen müssen, auch andere Dinge denn Podestplätze als Erfolg zu verbuchen. «Es war ein Kompromiss, den ich mit mir selber finden musste», sagt Gmelin. So nimmt sie die Heim-EM nicht mit einem Rangziel in Angriff, sondern mit der Vorgabe: «Ich will mein momentanes Potenzial abrufen».

Freude kommt langsam zurück

Wie vielversprechend dieses ist, weiss sie selbst nicht genau. Es sei trotz vorhandenen Leistungsdaten schwierig einzuschätzen, da «in diesem Jahr doch vieles anders ist als bisher». Und Jeannine Gmelin hat zum Saisonauftakt vor zwei Wochen in Duisburg gegen die Österreicherin Magdalena Lobnig eine klare Niederlage eingefahren.

Dies habe sie aufgeweckt, bot ihr aber durchaus auch Raum für positive Erkenntnisse. «Ich hatte relativ viel Mühe, aber es kommt auch im Wettkampf immer mehr zurück», sagt die Weltmeisterin von 2017. Sie weiss, dass sie bis zur WM Ende August in Österreich fähig ist, «sportlich nochmals einen grossen Schritt zu machen».

Optimistisch stimmt Gmelin die Tatsache, dass sie die Angewöhnungsphase an ihr neues Sportlerleben im Privatteam mit Trainer Robin Dowell langsam, aber sicher hinter sich lassen kann. Dank dem Einstieg der Baustofffirma Kibag AG als zusätzlicher Sponsor ist das Budget in sechsstelliger Höhe seit neustem definitiv gesichert. «Eine grosse Sorge weniger», sagt sie.

Es reduziert die Ungewissheit zu einem beträchtlichen Teil. «Ich bin sehr froh, dass mein Unternehmen nun auf sicheren Beinen steht.» Auch organisatorisch breitet sich bei der Jeannine Gmelin GmbH allmählich Routine aus. «Es entsteht ein gewisser Alltag. Ich spüre, wie endlich Ruhe einkehrt.» Davon profitiert sie auch als Athletin.

Die Ustemerin gibt zu, «dass die Auseinandersetzung mit dem Verband Spuren hinterlassen hat, die nicht von einem Tag auf den anderen zu überwinden sind». Dass nun die Freude am Rudersport immer mehr zurückkehrt, ist für Gmelin ein wichtiger Puzzlestein. «Der Faktor Freude macht in meinem Erfolgssystem viel aus», sagt die in Sarnen lebende Zürcherin.

Dazu trägt bei, dass inzwischen auch in der Zusammenarbeit mit Swiss Rowing Vertrauen wieder auf- und Ängste abgebaut wurden. Während Jeannine Gmelin ihr Training alleine stemmt, ist sie bei Regatten Teil des Schweizer Teams. Vor dem Saisonauftakt in Duisburg stellten sich Fragen: Gibt es Spannungen zwischen ihr und der Delegation? Und wie wird es, wenn ihr vom Verband entlassener Trainer Robin Dowell an den Rennen wieder auf seinen ehemaligen Vorgesetzten Edouard Blanc trifft, den Cheftrainer von Swiss Rowing? Jeannine Gmelin zieht ein positives erstes Fazit: «Ich habe viel Wohlwollen vonseiten des Verbandes gespürt. Und auch der Austausch unter den Trainern war sehr produktiv.»

Das Duell mit dem Senior

Ungewohnt und nicht optimal war die Situation für Gmelin im mehrwöchigen Trainingslager in Spanien, Tag für Tag alleine auf dem Gewässer unterwegs zu sein, obwohl sie die Vorteile der grösseren Flexibilität durchaus auch schätzt. Für die EM-Vorbereitung hat man reagiert. «In Italien hatte ich einen britischen Master-Ruderer als Sparringpartner. Er war durchaus kompetitiv», sagt Gmelin schmunzelnd. Damit soll die in Duisburg noch vermisste Rennhärte wieder zurückkehren.

Noch immer steckt Jeannine Gmelins Unterfangen, sich als Einzelkämpferin für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio auf Medaillenkurs zu bringen, in den Kinderschuhen. «Bis alles optimiert ist, braucht es sicher noch Zeit», sagt sie. Nichtsdestotrotz ist ihr die Rückmeldung wichtig, auf dem richtigen Weg zu sein.

Die EM an diesem Wochenende auf dem Rotsee wird zwar nicht die ganze Wahrheit liefern, aber immerhin dafür sorgen, dass Jeannine Gmelin ein ehrliches Feedback auf die eingeschlagene Richtung erhält. Stimmen die Antworten, dann gibt das viel Selbstvertrauen. Stimmen sie nicht, dann bleibt zumindest genügend Zeit, um Fehler zu korrigieren.