Europameisterschaften
Die ersten «European Championships» sind zu Ende – warum der Multi-Sportevent grosse Zukunftschancen hat

Mit dem Reckfinal der Kunstturner gingen am Sonntag die Wettkämpfe in Glasgow im Rahmen der ersten European Championships zu Ende. Der Multi-Event war ein Erfolg und hat gute Perspektiven, sich zu etablieren.

Christian Finkbeiner, Glasgow
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Das Risiko, das die Organisatoren der European Championships eingegangen sind, hat sich gelohnt.

Das Risiko, das die Organisatoren der European Championships eingegangen sind, hat sich gelohnt.

Keystone

«Für uns war es ein grosses Abenteuer, das mit Herausforderungen und Risiken verbunden war», sagte Marc Jörg. Der 52-jährige Solothurner ist zusammen mit seinem britischen Geschäftspartner Paul Bristow der Macher des zwölftägigen Multi-Sportevents, bei dem sieben Verbände in Berlin und Glasgow gleichzeitig ihre kontinentalen Meisterschaften austrugen.

Vor sieben Jahren haben die beiden das Projekt lanciert. «Es war eine sportliche Challenge. Wir wussten nicht, ob es funktioniert», so Jörg, der zuvor bei der Uefa und der European Broadcast Union (EBU) gearbeitet hatte. «Aber wir konnten unsere Visionen weitgehend realisieren.» Die einzelnen Verbände und die EBU hätten Mut bewiesen, «sie haben etwas für den Sport getan».

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Auch wenn organisatorisch nicht alles klappte und in einigen Sportarten einige der besten Sportler fehlten, war die erste Austragung der European Championships auch sportlich ein Erfolg. Im Rudern und Mountainbike steht der Saisonhöhepunkt mit den Weltmeisterschaften noch bevor, bei anderen überwog womöglich die Skepsis gegenüber dem Neuen.

Dass der Event in vier Jahren eine Fortsetzung erleben wird, ist klar – wann, wo und welcher Grösse ist offen. «Es gibt viele Sachen, die zu verbessern sind. Aber jetzt wissen wir, was in der Praxis funktioniert und was nicht», so Jörg. Interessen gibt es einige. «Konkret ist aber noch nichts.»

Eine der grössten Herausforderungen wird sein, ein gemeinsames Datum zu finden, zumal die Fussball-WM 2022 erst im November beginnen wird. Der Termin war auch einer der Knackpunkte im Vorfeld von Glasgow und Berlin und mit ein Grund, warum keine Mannschaftssportart Teil der Veranstaltung war.

Gewinn für Verbände und Sportler

Die Verbände reagierten positiv auf das neu geschaffene Format. «Der Event ist aus medialer Sicht eine gelungene Sache und hilft, dass unsere Sportart eine grössere Aufmerksamkeit bekommt», sagte Philippe Walter, der Sportdirektor von Swiss Swimming. «Wir spürten das anhand der zahlreichen Feedbacks aus der Heimat, weil insbesondere die SRG grossen Aufwand betrieb und dem Schwimmsport deutlich mehr Platz einräumte als in anderen Jahren.»

Die grosse Anzahl an Wettkämpfen führte aber auch zu mehr Konkurrenz. «Wir verloren im Vergleich zu anderen Jahren wohl etwas an Aufmerksamkeit – vor allem wenn es keine Medaille gab», sagte Felix Stingelin, der Chef Leistungssport des Schweizerischen Turnverbands.

Der STV ist es sich gewohnt, dass seine internationalen Titelkämpfe live im Fernsehen zu sehen sind. In anderen Märkten wie Deutschland, wo das Kunstturnen quasi von der Bildfläche verschwunden war, erlebte die Sportart eine TV-Renaissance.

Am letzten Tag profitierte aber auch der STV von dem allgemeinen Interesse. Den Reckfinal mit dem Sieg von Oliver Hegi verfolgten bei SRF bis zu knapp 350'000 Zuschauer (39,2 Prozent Marktanteil).

Die höchsten Einschaltquoten generierte wenige Stunden später die 4x100-m-Staffel der Frauen mit 441'000 Zuschauern (29,9 Prozent Marktanteil). «Wenn der Sport als Ganzes gewinnt, dann ist es eine positive Sache», so Stingelin.

Auch die Sportler spürten das erhöhte Interesse. Am Ablauf selbst änderte sich für sie im Vergleich zu anderen Titelkämpfen allerdings nichts. Die meisten flogen für ihre Wettkämpfe ein, von den anderen Sportarten bekamen sie vor Ort kaum etwas mit. «Dass es ein Multi-Event ist, habe ich zuhause gespürt, weil im Fernsehen der ganze Tag Sport lief», sagte Triathlon-Europameisterin Nicola Spirig.

Oberstes Ziel Nachhaltigkeit

Ziel der Macher ist es, dass in Zukunft für die Athleten mehr Begegnungsstätten geschaffen werden. «Es gibt aber intelligentere Lösungen als ein gemeinsames Athleten-Dorf», sagte Jörg. Ein solches bedeute, zusätzliche Infrastruktur zu bauen, was nicht in seinem Sinn sei. Jörg schwebt auch vor, die Zuschauer vor Ort noch mehr einzubeziehen und sogenannte "Participating-Events" durchzuführen. Auf ein Volksradrennen in Glasgow wurde aus logistischen Gründen verzichtet.

Dass auch die Leichtathletik in derselben Stadt wie die anderen Sportarten stattfinden soll, sei zwar ein Wunsch, «aber nicht um jeden Preis», so Jörg. Die Organisatoren profitierten bei der Premiere sowohl von der Sportbegeisterung der Briten in Glasgow als auch von der Leichtathletik-Affinität der Menschen in Berlin. Die Kosten für die Events beliefen sich auf rund 150 Millionen Franken.

Für Jörg ist klar, die Qualität kommt vor der Quantität. «Es ist nicht zwingend, dass mehr Sportarten dazukommen. Wir wollen keinen Event schaffen, der nur noch wenige Städte durchführen können.»

Es gehe nicht um Grösse, sondern darum, nachhaltig zu sein. «Denn niemand will eine Milliarde für einen solchen Event bezahlen – und das ist auch richtig so.»