Sport? Das Wort haben die Gralshüter des Schwingens bis in die 1990er-Jahre gemieden wie der Teufel die geweihten Wasser. Heute ist Schwingen ganz offiziell ein Spitzensport und der Eidgenössische Schwingerverband (ESV) seit 2017 offiziell Mitglied von Swiss Olympic, dem Dachverband des helvetischen Sportes.

Schwingen galt lange Zeit sozusagen als Fortsetzung des beschwerlichen Alltags mit anderen, spielerischen Mitteln. Die tägliche Arbeit auf dem Bauernhof, in der Käserei, auf dem Bau oder im Wald stärkte die Muskeln. Im Schwingkeller wurden Griffe geübt, weiteres Training war nicht zwingend erforderlich.

Die Finten, Züge, Schwünge und Kombinationen, die im ESV-Lehrbuch auf über 100 Seiten erklärt werden, zeigten schon die Grossväter der heutigen Generation. Aber es wurde geübt, nicht trainiert. Diese ursprüngliche Einstellung zu Arbeit und Spiel lebt in einem verbalen Kuriosum fort: Der Speaker beim Schwingrest sagt heute noch, auf Platz so und so «sind an der Arbeit».

Der Revolutionär: Dr. Ernst Schläpfer

Ironie der Geschichte: Je stärker der vaterländische Charakter des Schwingens, die Beschwörung des Brauchtums, die Folklore und die kommerzielle Entwicklung ab den 1990er-Jahren in den Vordergrund tritt, desto mehr wird Schwingen zum ganz normalen Spitzensport mit allen Licht- und Schattenseiten, Dopingkontrollen und Kommerz inklusive.

Diese Entwicklung hat keiner so stark geprägt wie ein Doktor der Agrarwissenschaft. Dr. Ernst Schläpfer, der König von 1980 und 1983, war der erste bekennende Spitzensportler in Zwilchhosen.

Ein Revolutionär, der sein Training über den Schwingkeller hinaus konsequent nach allen Erkenntnissen des Spitzensportes seiner Zeit optimierte und offen sein Ziel formuliert, König zu werden.

Der letzte Tag der «Belle Epoque»

Als er Ende der 1970er-Jahre in der Fachzeitung «Sport» seinen Trainingsaufwand pro Woche mit 15 Stunden offenlegte, waren die Berner und Innerschweizer ob des knorrigen Ehrgeizes des Appenzellers irritiert.

Nicht nur für Puritaner gilt daher der 12. August 1979 als letzter Tag der «Belle Epoque». Im Schlussgang des Berner Kantonalen kontert Hansueli Mühlethaler blitzschnell Ernst Schläpfers Kurz und wirft den himmelhohen Favoriten mit Spalt- und Nackengriff platt ins Sägemehl.

Im Rückblick wirkt dieser Sieg wie ein letzter Triumph der Technik, des Instinktes, der Unbeschwertheit über gezielt trainierte Kraft, Taktik und professionelle Vorbereitung. Der nur 170 cm grosse Hansueli Mühlethaler gilt bis heute als einer der technisch besten Schwinger aller Zeiten.

Heute knackt die Hälfte der Schwinger die 100-kg-Grenze

Ist das Schwingen besser geworden? Nein. Aber anders. Jörg Abderhalden, der König von 1998, 2004 und 2007 bringt es in seiner Biografie («Winkelried im Sägemehl») auf den Punkt: «Das individuelle Krafttraining hat während der letzten Jahre auf Kosten der technischen Schulung im Schwingkeller stetig zugenommen.»

Die populäre Vorstellung, aus massigen, durchs Sägemehl schnaufenden Riesen seien flinke Modellathleten geworden, trifft nur bedingt zu. Früher waren die «Bösen» (im Schwingen sind die Guten böse) eindeutig kleiner, leichter und schwächer, aber technisch dürften sie mindestens so versiert gewesen sein.

Das waren die Schlussgänge der fünf letzten Eidgenössischen:

Eine Entwicklung, die ein wenig an die Spielsportarten Eishockey und Fussball mahnt, die einst mehr Raum für Technik und Kreativität liessen und heute stärker durch Kraft, Disziplin, Tempo und Intensität geprägt sind.

1980 erreichten beim Eidgenössischen in St. Gallen gut 25 Prozent der «Bösen» die 100-Kilo-Grenze, 1992 in Olten waren es bereits 34 Prozent und inzwischen bringen mehr als 50 Prozent der Besten 100 Kilo und mehr auf die Waage.

Grössere Kraft im gleichen Körper

Die durchschnittliche Grösse der «Bösesten» ist seit 1970 von 180 cm auf über 190 cm angewachsen. Diese Zahlen, die der Ostschweizer Chronist Urs Huwyler publiziert hat, belegen die Entwicklung zum intensiveren, dynamischeren, wuchtigeren Schwingen.

Die Gewichtszunahme ist dem Muskelaufbau durch gezieltes Training geschuldet, die Sägemehltitanen sind heute kräftig, gross, schwer und daher böse wie nie. Und zerbrechlicher. Die Kraft wird grösser, der Körper bleibt gleich, Gelenke, Bänder, Muskeln und Sehnen werden immer stärker strapaziert und müssen gewaltigen, explosiv entladenen Kräften standhalten.

Knie und Schulter sind die Schwachstellen. Schwingen als Sport mit Risiken und Nebenwirkungen. Über das Reglement wird dem Rechnung getragen: Der Ring muss eine 15 cm hohe gewalzte und gewässerte Sägemehlunterlage aufweisen. Der Kampf wird sofort unterbrochen, wenn die «Bösen» den Rand erreichen oder beim Bodenkampf den Ring vollständig verlassen haben.