«Geht’s raus und spielt’s Fussball.» So einfach ist es, wenn der Trainer ein Glückskind ist. Überhaupt ist Franz Beckenbauer alles beneidenswert einfach von der Hand, vom Fuss oder vom Mund gegangen. Natürlich haben auch Glückskinder Probleme. Doch diese hat der Kaiser jeweils locker lässig weggefranzelt. Früher aus dem Fussgelenk, später aus dem Bauch heraus.

Beckenbauers Charisma ist so stark, dass er selbst im Dunkeln leuchtet. Doch nun, mit 70, scheint sich das Glück von Beckenbauer abzuwenden. Über der Lichtgestalt des deutschen Fussballs, nach dem Brasilianer Mario Zagallo der zweite Mann, der als Spieler und Trainer Weltmeister geworden ist, brauen sich dunkle Wolken zusammen. Beckenbauer wird mit versuchtem Stimmenkauf bei der Vergabe der WM 2006 in Verbindung gebracht.

Als Popstar in die USA

Schon der junge Beckenbauer zog die Republik in seinen Bann. Weil er anders war. Weil er Fussball nicht wie ein Deutscher arbeitete, sondern Fussball wie ein Brasilianer spielte. Immer leichtfüssig, locker in der Hüfte, mit durchgestrecktem Rücken und aufreizender Lässigkeit. Nie hektisch, stets abgeklärt und magistral. So wurde Beckenbauer der erste Popstar des deutschen Fussballs.

«Wenn man ihn mal irgendwo sieht, in der Allianz-Arena oder in der Umgebung eines Fernsehsenders, sieht man ihn zugleich auch immer autogrammeschreibend», schrieb die «Süddeutsche Zeitung». In der Aussendarstellung war Beckenbauer schon immer kaiserlich. Warum? Egal, wie hoch der Kaiser schwebt, seinem Volk gegenüber ist er nie herablassend. Worauf ihm das Volk grosszügig verzeiht. Besser noch. Mit jedem Fehltritt nährt er seinen Mythos.

1977 wechselt Beckenbauer nicht nur der Abenteuerlust wegen in die amerikanische Operettenliga zu New York Cosmos. Er flüchtet ausgerechnet vor der «Bild»-Zeitung, in der später seine Kolumnen erscheinen und die wacker Denkmalschutz betreibt. Doch Beckenbauer flüchtet, weil die «Bild» seine damalige Ehekrise und die Beziehung zur Sportfotografin Diana Sandmann ausschlachtete.

Mit Mick Jagger im Club

Auch wenn er durch den Wechsel nach Amerika mit 32 seinen Platz in der Nationalmannschaft verlor: In New York stieg er gleichwohl in eine andere Liga auf. In einem kürzlich ausgestrahlten Dok-Film sehen wir Beckenbauer mit Geld und Frauen und allem, was einem Mann von Weltruhm so vor die Füsse fällt.

Beispielsweise die Vorzugsbehandlung im Studio 54, dem berühmtesten und berüchtigtsten Nachtclub der späten Siebziger. Einem Club, wo Mick Jagger, Andy Warhol, John Travolta oder Sylvester Stallone quasi zur Grundausstattung zählen.

Und mittendrin der Beckenbauer Franz aus München-Giesing. Vater Postobersekretär. Mutter Hausfrau. Der Beckenbauer Franz, der als 13-Jähriger vom SC 1906 München zum TSV 1860 München, den Löwen, wechseln wollte. Der aber seine Pläne änderte und zum FC Bayern München ging, nachdem ihm während einer Partie ein Löwen-Spieler eine Ohrfeige verpasst hatte. Der Beckenbauer Franz, der in Deutschland mit «Kraft in den Teller, Knorr auf den Tisch» die Werbetrommel rührte.

Aber auch das ist Beckenbauer: Steuerschulden in Deutschland. Ein uneheliches Kind mit einer Sekretärin des FC Bayern. «Ja mei, der Franz ...» Alles halb so wild. Wer kann diesem Charmeur schon böse sein? Schliesslich ist Beckenbauer die gelebte Sozialgeschichte des deutschen Fussballs.

Am Geldhahn der Russen

Deshalb verzeiht ihm Deutschland, ja die ganze Fussball-Welt, selbst die Eigentore. «Wir werden über Jahre unbesiegbar bleiben», posaunt der Kaiser nach dem WM-Titel von 1990. Der Druck auf seinen Nachfolger, den unprätentiösen Berti Vogts, wurde dadurch nicht kleiner. Oder: «Ich habe noch nicht einen einzigen Sklaven in Katar gesehen, also die laufen alle frei rum, weder in Ketten gefesselt und auch nicht mit irgendwelcher Büsserkappe am Kopf, also das habe ich noch nicht gesehen.»

Oder: Als er kurz nach der Wahl von Russland als Gastgeber der WM 2018 ein hoch dotiertes Engagement als Lobbyist der russischen Gasproduzenten einging. Oder: Als er als Klub-Präsident bei einer Jahreshauptversammlung seines FC Bayern, wo wieder mal Theater herrschte, sagte: «Ich danke dem lieben Gott, dass er uns in diesen Breitengraden hat aufwachsen lassen. Es hätte ja auch irgendwo in der Wüste in Afrika sein können.»

Dann mach mer’s halt

Mit seiner Aura, seinem Charisma, seinem gewinnenden Wesen hat er vieles überstrahlt. Und vielleicht weiss er über den Zweck der ominösen Zahlung von 10,3 Millionen Franken im Zusammenhang mit der WM 2006 in Deutschland tatsächlich nicht so viel, wie er als OK-Chef wissen sollte. Schliesslich ist Beckenbauer der Fussball-Kanzler und kein Buchhalter. Aber ob Stimmen gekauft worden sind, sollte er schon wissen.

Mag sein, dass er sich damals gesagt hat: Ja mei, wenn’s denn sein muss, dann mach mer’s halt. Und es kann sein, dass er heute sagt: Ja mei, was wollt’s denn? So läuft’s. Es würde passen.

Rom, 8. Juli, 1990. «Geht’s raus und spielt’s Fussball.» Es ist die letzte Anweisung, die die deutschen Fussballer von ihrem Trainer erhalten, bevor sie den WM-Final gegen Argentinien gewinnen. Und als sich die Mannschaft feiern lässt, sehen wir Beckenbauer abseits des Trubels mit leerem Blick durchs Stadio Olimpico schlurfen. Niemand hätte gedacht, dass ihn diese Momentaufnahme der Einsamkeit 25 Jahre später einholen wird.