Die Schweiz und der Profi-Dartsport, Beziehungsstatus: Es ist kompliziert. Obwohl Qualität vorhanden ist, spielen Schweizer so gut wie niemals an den grossen Turnieren des PDC-Verbandes, nie vor tobenden Fans, nie vor Kameras. Der einstige Kneipensport erfährt darum hierzulande selten die Beachtung, die ihm zusteht und kann sich darum schlecht weiterentwickeln. Ein Dilemma, aus dem es keinen Auswegen zu geben schien. Bis heute.

Denn heute Abend darf die Schweiz gegen Brasilien erstmals am grössten Team-Event, dem mit 300‘000 Pfund dotierten World Cup of Darts in Frankfurt, antreten. Der TV-Sender Sport1 überträgt live.

Der Krienser Patrick Rey und der in Frauenfeld wohnhafte Philipp Ruckstuhl werden die ersten sein, die für die Schweiz im Scheinwerferlicht der PDC ihre Pfeile fliegen lassen. Die historische Chance ist das Resultat einer Geschichte, wie sie nur der Dartsport schreibt.

Der World Cup of Darts

Am Einladungsturnier in Frankfurt nehmen Zweierteams aus 32 Nationen teil. Mit dabei sind jeweils die zwei besten Spieler der teilnehmenden Nationen. Das Turnier wird im K.O.-System ausgetragen und dauert vom 1. bis zum 4. Juni und wird von Sport1 im Free-TV übertragen. Ausgeschüttet werden insgesamt 300‘000 Pfund an Preisgeldern. Die Schweiz greift am zweiten Turniertag mit ihrem Duell gegen Brasilien ins Spielgeschehen ein. In der Favoritenrolle sind die Titelverteidiger aus England (ohne Rekordweltmeister Phil Taylor) und die starken Niederländer. In der ersten Runde wird ein Doppel über die Distanz Best-of-nine gespielt, ab den Achtelfinals treten die Spieler auch im Einzel gegeneinander an. (juf)

Lettische Hochzeit

Denn nur weil Lettland, das ebenfalls debütiert hätte, drei Wochen vor Turnierbeginn absagt, da ein Spieler des Teams heiratet, rückt die Schweiz ins Startfeld. Nationaltrainer Thomas Gerock erinnert sich: „Nach der Absage wurden im Hintergrund Abklärungen getroffen. Als mögliche Nachfolger standen die Schweiz und Kroatien im Raum. Über den deutschen Caller (Darts-Schiedsrichter, Anm. d. Red.) Gordon Shumway wurde dann der Kontakt zu Sven Gut, unserem Manager für das Schweizer PDC-Team, hergestellt und so kam die Sache ins Rollen.“

Der beste Schweizer bleibt daheim

Es blieben nur drei Wochen, um ein schlagkräftiges Duo auf die Beine zu stellen. Doch dann die Hiobsbotschaft: Thomas Junghans, der beste Schweizer Dartsspieler und der einzige Schweizer mit PDC-Bühnenerfahrung, erhält vom Arbeitgeber keinen Urlaub und fällt aus. Mit Ruckstuhl und Rey treten dennoch zwei Aushängeschilder des Schweizer Dartsports an.

Die Umstände für die erste Schweizer Teilnahme könnten definitiv günstiger sein. Trotzdem ist man, laut Gerock, bereit, die unverhoffte Chance beim Schopf zu packen: „Wir sind der grösste Aussenseiter des Turniers. Dabei entstand aber kein Medien-Hype um uns, wie um die Brasilianer. Wir sind eher das „Beigemüse“ – das ist für uns eine riesige Chance.“

Trainiert haben die beiden Spieler in den letzten Wochen intensiv, aber meist allein, obwohl die erste Runde im Doppel ausgetragen wird. Seine Spieler seien heiss auf das Spiel und in Topform, man wolle nicht als Kanonenfutter antreten, so der Nationaltrainer.

Duell der Exoten

Dass der heutige Gegner ausgerechnet Brasilien heisst, rundet die skurrile Geschichte perfekt ab. Denn auch die Südamerikaner spielen erstmals am World Cup. Auch Brasilien ist ein Darts-Entwicklungsland und kommt, wie die Schweiz, in erster Linie ans Turnier, um Eindrücke und Erfahrungen zu sammeln.

Den Brasilianern steht mit Diogo Portela ein etwas grösserer Name zur Verfügung. Portela versucht sich seit zwei Jahren auf der Profitour und ist, im Vergleich zu den Schweizern, Vollzeit-Dartspieler. Alexandre Sattin, der sich gemeinsam mit ihm das grüngelbe Shirt überstreifen wird, spielt hingegen erst seit November und über zwanzigjähriger Abstinenz wieder Darts. Sattin, der sein Geld als Forensiker bei der Kriminalpolizei verdient und 1995 noch mit Portelas Vater im Doppel antrat, ist die Wundertüte des Turniers.

Die Brasilianer: Alexandre Sattin (links) und Diogo Portela.

Die Brasilianer: Alexandre Sattin (links) und Diogo Portela.

Imagepolitur im Vordergrund

Gerock hält einen Vorstoss in die nächste Runde nicht für unmöglich: „Wir sind absolut auf Augenhöhe mit den Brasilianern. Ob es dann im Spiel aufgeht, ist die andere Frage. Gerade beim ersten Auftritt auf einer solchen Bühne sind Prognosen schwer.“ Die Kulisse könnte in der Tat entscheidend sein. Dreitausend Fans grölten im letzten Jahr jeden Abend im Rücken der Spieler. Ein Effekt, der selbst einen gestandenen Profi einschüchtern kann.

Sollte ein Sieg gegen die Brasilianer gelingen, bekäme es die Schweiz im Achtelfinal am Samstag entweder mit Gastgeber Deutschland oder den starken Nordiren zu tun. Spätestens dort dürfte Endstation sein für die Pfeilgenossen. Über die 4000 Pfund Achtelfinal-Preisgeld pro Kopf würde man sich dennoch freuen. Auch von der TV-Präsenz erhofft man sich viel: „Einerseits können die Spieler sich für Sponsoren attraktiv machen, andererseits werden Schweizer Dartstalente animiert, ihren Traum nicht aufzugeben, einmal vor einer solchen Kulisse aufzutreten“, sagt Gerock.

Für die Schweiz ist bereits die Teilnahme ein grosser Erfolg. Hauptziel wird es sein, sich für einen Startplatz im nächsten Jahr zu empfehlen. Dann wird, mit längerer Vorbereitung und den gesammelten Erfahrungen, vielleicht die eine oder andere Überraschung gelingen. Trotzdem sind auch heuer die Hotelzimmer bis zum Final am Sonntag gebucht.