FC Basel
Die Bilanz nach einem halben Jahr Urs Fischer: Wer ist top? Wer ein Flop?

Vor sechs Monaten kam Urs Fischer zum FC Basel. Die Basler waren begeistert, was der Ur-Zürcher im Berner Oberland beim FC Thun auf die Beine gestellt hatte. Wir wagen einen Blick, wer sich im FCB-Kader als Gewinner und Verlierer geoutet hat.

Sebastian Wendel
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Urs Fischer konnte bisher beim FCB überzeugen - besonders mutig war er aber noch nicht.

Urs Fischer konnte bisher beim FCB überzeugen - besonders mutig war er aber noch nicht.

Keystone

In der Super League gegen Luzern und in Thun, in der Europa League die sportlich bedeutungslose Reise nach Posen und zum Schluss der Cup-Kracher in Sion: Noch vier Spiele, dann ist Urs Fischers erstes Halbjahr als FCB-Trainer bereits Geschichte. Vier Spiele, die das Vorrunden-Zeugnis beeinflussen werden. Jedoch nicht entscheidend.

Die wichtigsten Ziele sind erreicht: Rot-Blau wird in der Liga als Tabellenführer überwintern, im Europacup ist die Qualifikation für die K.-o-Phase nach dem 2:2 am Donnerstag gegen die Fiorentina gesichert. «Damit ist der ganz grosse Druck weg», sagt ein sichtlich entspannter Urs Fischer am Tag danach.

Mitten in der Revolution

Im November sorgten die negativen Resultate in der Super League, die spielerische Stagnation und die nicht enden wollende Flut an Muskelverletzungen dafür, dass der 49-Jährige – passend zum Kälteeinbruch – erstmals Gegenwind verspürte im Basler Fussballkosmos.

Als Fischer den FCB im Sommer übernahm, tat er dies mitten im grössten Umbruch seit 2012. Insgesamt hat der FCB sechs Profis verloren und diese mit acht Neuzugängen ersetzt. Grösstes Problem: Mit Streller, Frei und Schär brach das Führungstrio weg. Jahrelang war das Team geprägt von lokal verankerten Spielern, nun bilden Ausländer die Achse.

Klare Hierarchie wie früher gibt es in der Kabine zwar bis heute nicht. Doch nach sechs Monaten unter Urs Fischer haben sich erste Gewinner und Verlierer des «neuen» FC Basel herauskristallisiert. Die «Schweiz am Sonntag» sagt, für wen der Daumen nach oben zeigt und für wen nach unten.

Daumen hoch

Breel Embolo: Es gibt Stimmen, die sagen: Embolo ist so gut, er hätte sich unter jedem Trainer in Rekordzeit zum besten Stürmer der Super League und zu einem der begehrtesten Spieler Europas entwickelt. Sagen wir es so: Gewagt ist diese These nicht. Embolo hat in dieser Saison den Sprung vom Supertalent zum Stammspieler geschafft. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er diesen Status auch in der Nationalmannschaft hat. Zwar unterlaufen ihm noch zu viele technische Fehler, doch diese sind normal für einen 18-Jährigen – und vor allem: Er macht sie in praktisch jedem Spiel mit einem entscheidenden Pass oder Tor wett. Er wird den FCB voraussichtlich im Sommer 2016 verlassen – für eine Schweizer Rekordsumme von rund 30 Millionen Franken. Möglich, dass der Deal bereits im Winter eingetütet wird, Embolo die Saison aber in Basel zu Ende spielt.

Urs Fischer: Auch er gehört zu den Gewinnern. Trotz verpasster Champions-League-Qualifikation, trotz zuletzt wenig berauschenden Auftritten. Aber Fischer hat es geschafft, den FCB-Siegeszug im Basisgeschäft Super League nahtlos weiterzuführen – trotz der grossen Personalrochade in der Sommerpause und obwohl nicht jeder Neuzugang eine Verstärkung ist. Keine Selbstverständlichkeit. In den sechs Meistersaisons zuvor stand Rot-Blau nach 16 Spieltagen nie besser da als jetzt (37 Punkte). Zudem hat Fischer dem Team seine Handschrift verliehen. Ebendiese Handschrift aber birgt Diskussionsstoff: Ein mutiger Trainer ist Fischer bislang nicht. Er weicht nicht – und wenn, nur marginal – ab vom 4-2-3-1-System. Fischers Aufstellungen im Voraus zu erahnen, ist bis auf ein, zwei Positionen einfach. Ganz anders seine Vorgänger Sousa und Yakin, die regelmässig tief in die Trickkiste griffen und so den FCB zu grossen Siegen in der Champions League führten. Ob Fischer das auch kann?

Marc Janko: 11 Tore in 12 Ligaspielen – eine phänomenale Bilanz. Und der Grund, warum der FCB den Österreicher aus der australischen Versenkung holte. Volltreffer! Doch nicht nur wegen seiner Tore ist Janko ein Gewinn: Genauso positiv wirkt sich seine besonnene Art auf das Team aus. Und auf Embolo, der auch nach Strellers Abgang teamintern eine Schulter zum Anlehnen hat.

Mohamed Elneny: Vier Treffer sind so viele wie in den zweieinhalb Saisons davor. Der Ägypter hält im Zentrum den selbst ernannten Anführer Kuzmanovic in Schach. Aber wohl nicht mehr lange: Elneny sagt klar, dass er den FCB in Richtung einer grösseren Liga verlassen möchte.

Manuel Akanji: Damit, dass der Neuzugang vom FC Winterthur in der Vorrunde überhaupt zum Einsatz kommt, hat nicht einmal er selber gerechnet. Kam zum Zug, als Samuel und Hoegh verletzt waren und war drauf und dran, sich in der Hierarchie der Innenverteidiger am Dänen vorbeizuschieben. Ist jetzt selber verletzt, was nichts daran ändert, dass er Gewinner ist.

Verletzungshexe: Auch sie hatte – zum Leidwesen des FCB – ein erfolgreiches Halbjahr in Basel – und noch ist die Vorrunde nicht vorbei. 14 (!) Spieler sind oder waren bislang verletzt. Die Gründe sind laut Fischer eruiert. Jetzt hoffe man auf Besserung.

Daumen runter

Zdravko Kuzmanovic: Der frühere FCB-Junior wurde zurückgeholt, um nach den Abgängen von Streller und Frei das entstandene Führungsvakuum zu füllen. Und um die Sehnsucht des Publikums nach Lokalkolorit zu stillen. Besitzt einen hoch dotierten Vertrag bis 2020. «Kuz» begann trotz verkürzter Saisonvorbereitung vielversprechend, fiel dann aber in ein tiefes Loch und verletzte sich. Symptomatisch: Vier Mal hat der FCB bislang verloren, jedes Mal stand Kuzmanovic in der Startelf. Er führt sich auf und neben dem Platz auf wie ein Anführer, nur beisst sich das mit seinen schwachen Leistungen. Grosse Worte, kaum Taten – das kommt bei den Mitspielern gar nicht gut an. Fischer verlangt viel mehr Geduld von Kuzmanovic, doch diese zählt nicht zu den Stärken des 28-Jährigen. Was eine Aussprache zwischen den beiden nach sich zog. Die vergangenen sechs Monate waren eine Bruchlandung. Doch dass Kuzmanovic kicken kann, bleibt unbestritten. Aber er muss sich nun besser einfügen in die Mannschaft. Wenn er das schafft und im Januar eine saubere Vorbereitung absolviert, spricht nicht viel dagegen, dass Ende Saison der Daumen nach oben zeigt.

Shkelzen Gashi: Paulo Sousa stellte ihn am linken Flügel auf, was aber eine Notlösung war, da sonst kein Platz für Gashi war. Eine Notlösung, die funktionierte, weil Gashi Treffer an Treffer reihte. Mit Bjarnason spielt nun wieder ein gelernter Flügel auf links, der Gashi spielerisch weit voraus und zudem torgefährlich ist. Und wenn Gashi dann einmal eine Chance erhielt, verwertete er beste Chancen nicht. Womit ihm die Argumente für weitere Einsätze fehlen. Warum trifft er nicht mehr? Ein Grund ist, dass es Gashi und Trainer Fischer nicht gut miteinander können. Was schon zu früheren gemeinsamen Zeiten beim FCZ so war. Spürt Gashi kein Vertrauen, kann er nicht liefern. So kühl er sich nach aussen gibt, so sensibel ist sein Innenleben. Wird Basel im Winter verlassen, wenn Ablöse- und Lohnofferte stimmen.

Yoichiro Kakitani: War schon unter Sousa nicht mehr gefragt, erhoffte sich Besserung durch den Trainerwechsel. Aber auch «Kumpeltyp» Urs Fischer findet keinen Draht zum verschlossenen Japaner. Dabei, so wissen es in Basel alle, schlummert in Kakitani grosses Potenzial. «Fragen Sie beim Sportchef nach», sagt Fischer, angesprochen auf Kakitani. Und seufzt. Wahnsinn ist Kakitanis Abstieg vom gefeierten Supertransfer im Sommer 2014 zum Abgangskandidat Nummer 1 18 Monate später. Etwas hat man beim FCB gelernt: Einen Dolmetscher, der den Spieler auf Schritt und Tritt begleitet, würde man dem nächsten Neuzugang aus einer fremden Kultur wohl nicht mehr zur Verfügung stellen. Auch aus diesem Grund ist Kakitanis Integration gescheitert.

Jean-Paul Boëtius: Beim Holländer waren die sportlichen Erwartungen ähnlich hoch wie bei Kakitani. Auch er ist weit entfernt davon, diese zu erfüllen. Zu seiner Verteidigung sei erwähnt, dass er a) zum FCB stiess, als die Saison bereits lief und b) er über einen Monat wegen einer Hüftverletzung ausfiel, die er sich noch in Rotterdam zugezogen hatte. Für ihn gilt das Gleiche wie für Kuzmanovic: Steigerung in der Rückrunde sehr gut möglich.