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Die Bieridee eines Hausmanns: Er will im Jahr, in dem er 42 wird, 42 Marathons laufen – und schenkt damit Menschen das Augenlicht

Marathon-Läufer Maarten Hendriks vor seinem Bed-and-Breakfast in Flums, im Hintergrund die Churfirsten.

Marathon-Läufer Maarten Hendriks vor seinem Bed-and-Breakfast in Flums, im Hintergrund die Churfirsten.

Am 23. Dezember wird Maarten Hendriks 42. Bis dahin will er innerhalb eines Jahres 42 Marathons laufen. Mit jedem Kilometer sammelt er Geld für eine Blindenstiftung. Hausbesuch bei einem Laufverrückten.

Ideen, die nach dem dritten oder vierten Bier entstehen, sind meistens nicht die besten, oder bei näherer Betrachtung unrealistisch. Nicht so im Fall des Holländers Maarten Hendriks. Wie üblich verbringt er die Tage rund um Weihnachten, in die auch sein Geburtstag fällt, mit seiner Familie in seiner alten Heimat Holland. Er ist seit Jahren ein passionierter Läufer und läuft wöchentlich zwischen 80 und 100 Kilometern. Seinen ersten Marathon lief er im Alter von 25 Jahren und sammelte dabei Geld für eine Einrichtung in Tansania, wo er bei einem Auslandseinsatz als Informatiker ein Computerzentrum aufbaute. Einen, maximal zwei Marathons lief er seither immer, in seinem Rekordjahr einmal 8 innerhalb von 12 Monaten.

Nun hat Maarten Hendriks sich vorgenommen, im Jahr, in dem er seinen 42. Geburtstag feiert, am 23. Dezember, gleich 42 Marathons zu laufen.

Eine echte Bieridee? «Das kann man schon so sagen», sagt Hendriks am Küchentisch der Familie in Flums SG. Ein Freund habe ihn gefragt, was er sich für das neue Jahr vorgenommen habe, und er habe geantwortet, dass er gerne herausfinden würde, wie viele Marathons er laufen könne. 42 Mal die gut 42 Kilometer laufen, im Jahr, in dem er den 42. Geburtstag feiert. Die Idee war geboren – und sie liess Hendriks nicht mehr loss.

Achillessehne gereizt, Schlüsselbein gebrochen

Doch es war ihm dabei auch ein Anliegen, damit Gutes zu tun. Und weil er im Sommer 2019 mit dem Blinden Kenianer Henry Wanyoike in Zürich den Marathon gelaufen war, fiel seine Wahl auf die Stiftung «Licht für die Welt». Das Prinzip ist einfach: Auf seiner Webseite können sich Sponsoren und Gönner für einen geplanten Marathon eintragen und einen Betrag ihrer Wahl spenden. Ursprünglich habe er darauf gehofft, 42 Franken - logisch - pro Marathon sammeln zu können, sagt Hendriks. So viel kostet die operative Beseitigung von Katarakten, auch grauer Star genannt.

Heisst: Mit jedem Marathon schenkt Hendriks jemandem das Augenlicht.

Inzwischen steht Hendriks nach 28 Läufen bereits bei 2500 Franken. Seine Planung hat er im vergangenen Jahr immer wieder umstellen müssen. Im April stürzte er auf sein Steissbein, und konnte einen Lauf nicht beenden. «Ich musste anschliessend drei Wochen lang pausieren.» Zudem machte ihm die rechte Achillessehne immer wieder zu schaffen. Und derzeit liegt sein linker Arm in einer Schlinge. Mitte September brach er sich bei einer kleinen Velotour mit seiner Mutter das Schlüsselbein. «Unsere Lenkräder kamen zusammen, und ich stürzte zu Boden. Dumm gelaufen», sagt er.

Weil er sich bei einem Velounfall das Schlüsselbein gebrochen hat, liegt der linke Arm von Maarten Hendriks in einer Schlaufe.

Weil er sich bei einem Velounfall das Schlüsselbein gebrochen hat, liegt der linke Arm von Maarten Hendriks in einer Schlaufe.

Ein Exot in der «Müettererundi»

Das bedeutet, dass Hendriks nun bis Ende Jahr zwei Marathons pro Woche bestreiten muss. Wie soll das gehen? Schliesslich betreibt er in Flums SG, eingekesselt von grünen Wiesen und mit Schnee bedeckten Gipfel und mit Blick auf die Churfirsten, ein Bed-and-Breafkast-Hotel mit neun Betten, ist Vater von drei Kindern im Alter von 4, 5 und 10 Jahren und engagiert sich nebenbei auch noch als einziger Mann in der «Müettererundi Flums». Als erster Mann in 40 Jahren, wie er mit Stolz anfügt. Alles eine Frage der Organisation, winkt Hendriks ab. Seine Frau arbeitet zu 80 Prozent als Kinderärztin und hat ihren freien Tag am Mittwoch. Es ist der Tage in der Woche, an dem Hendriks neben den Wochenenden Marathon laufen kann.

Im Dorf kennt man den Tausendsassa, der meist alleine unterwegs ist, weil die Trainingspartner zu langsam seien. Der Mann, der an diesem Tag die Fotos schiesst, ist praktisch sein Nachbar. «Auch er traut sich nicht», flachst Hendriks, der in seinem Bed-and-Breakfast derzeit besonders gefordert ist, weil er beim Bettenmachen mit einem Arm drei Mal so viel Zeit benötigt. «Ausserdem bin ich auch noch Poolboy, Putzfrau und Koch.» Und engagierter Vater. Voll zu arbeiten, sei auch dann nicht in Frage gekommen, als ihm in Davos, wo die Familie früher lebte, der Ausgleich gefehlt habe. Er sagt: «Unsere Kinder verdienen unsere Liebe und Zeit.»

Seine Läufe, die ihn überwiegend durch die Ostschweizer Alpen führen, plant und läuft Hendriks alleine und dokumentiert sie auf seiner Webseite.

Seine Läufe, die ihn überwiegend durch die Ostschweizer Alpen führen, plant und läuft Hendriks alleine und dokumentiert sie auf seiner Webseite.

Letzter Marathon am 42. Geburtstag in Holland

Dass Hendriks ein Laufverrückter ist, verstehen nicht alle in der Familie. «Unsere Jüngste ist noch zu klein, um zu verstehen, was ich mache. Und die Älteste nicht so sportlich unterwegs», sagt Hendriks, der erzählt, dass auch er sich als Jugendlicher eine Auszeit vom Sport gegönnt habe. «Eine Weile lang habe ich vor allem Bier getrunken als Sport», erinnert er sich an seine Studienzeit und lacht. Als er seiner Frau von seiner Bieridee erzählte, habe sie ihm entgegnet, dass das vielleicht ein wenig verrückt sei, aber nicht gross von Hendriks' bisherigem Laufpensum abweiche.

Hendriks plant und läuft seine Strecken durch die Ostschweizer Alpen selber. Sein bisheriges Meisterstück lieferte er Ende Mai ab, als er den «11 Peaks»-Trail in Solothurn lief. Für die 84 Kilometer und 5600 Höhenmeter benötigte der Holländer 12:23 Stunden. Am 8. November steht die nächste Etappe auf dem Plan, es ist eine besonders geschichtsträchtige: Sie führt Hendriks nach Athen, Ausgangspunkt ist Marathon, die Kleinstadt, von der der Botenläufer Pheidippides im Jahr 490 vor Chr. der Legende nach Athen aufgebrochen sein soll, um den Sieg in der Schlacht von Marathon gegen die Perser zu verkünden. Ehe er tot zusammengebrochen sein soll.

Den letzten Lauf möchte Hendriks am 23. Dezember, am Tag seines 42. Geburtstags, in Holland absolvieren - wenn es die Bestimmungen im Land zulassen, das jüngst die Schliessung von Restaurants, Bars und Kaffees verordnet hat, weil sich innerhalb eines Tages über 7000 Menschen mit dem Coronavirus infiziert haben. Ob und wie er den Abschluss seines Unterfangens feiern will, lässt Hendriks in Anbetracht der Situation in der Heimat offen. Eines hätte er sich aber mit Bestimmtheit verdient: ein Bier.

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