Dieses Bild wird im Gedächtnis haften bleiben, sollte Kloten am Mittwoch verlieren und absteigen. Soeben hat Rapperswil-Jona am Montag Spiel 6 mit 2:1 gewonnen. Oben auf der Medientribüne stehen Felix Hollenstein (53) und Roman Wäger (55) auf. Die Helden der grossen Tage. Hoch dekoriert mit vier Meistertiteln de suite (1993, 1994, 1995, 1996). Sie helfen ihrem Trainer André Rötheli in diesen schweren Zeiten als Spielbeobachter.

Roman Wäger (links) und Felix Hollenstein feiern 1994 den Schweizer Meistertitel.

Roman Wäger (links) und Felix Hollenstein feiern 1994 den Schweizer Meistertitel.

Die zwei Legenden machen sich schweigend auf den Weg nach unten in die Kabine. Sie wirken müde. Sie gehen langsam, gemessenen Schrittes. Wen sie kennen, grüssen sie freundlich. Es ist, als schreite Kloten würdevoll von der Bühne des grossen Hockeys in die untergehende Sonne hinein. Obwohl es draussen regnet. Niemand macht Sprüche. Auch die vorwitzigen Chronisten nicht. Tiefer Respekt für zwei Persönlichkeiten, die für Kloten so viel geleistet haben.

Aber für Felix Hollenstein und Roman Wäger und «ihre» Klotener ist noch nicht aller Tage Abend. Es gibt eine allerletzte Chance am Mittwoch. Wir haben am Montagabend in Rapperswil-Jona noch nicht das letzte Defilee der ältesten Truppe der Liga gesehen.

Diese Lakers gehören eigentlich in die National League

Kloten hätte mit einem Sieg am Montag den Ligaerhalt sichern können. Aber die Lakers sind nach drei Niederlagen noch einmal aufgestanden. Sie haben 2:1 gewonnen. Es kommt zum 7. Spiel.

Wie ist es möglich, dass die Klotener diese Partie verlieren konnten? Sie hatten doch alle Vorteile auf ihrer Seite. Hockey-Puritaner monieren, es sein ein miserables Spiel gewesen. Kloten sei nicht bereit gewesen! Und diese Fehler!

Aber diese Beurteilung wird der Sache ganz und gar nicht gerecht. Es war ein grosses, ein dramatisches, ein packendes Spiel.

Kloten-Natistürmer Matthias Bieber spielt den Stellenwert von Spiel 7 herunter

Die Klotener versuchen alles. Aber sie sind ganz einfach der Belastung nicht gewachsen. Deshalb machen sie viele Fehler. Und ihr Leitwolf Denis Hollenstein reibt sich in Zweikämpfen auf. Inzwischen hat er pro Partie 20:48 Minuten gespielt – länger als jeder andere Stürmer in dieser Liga-Qualifikation.

Noch einmal lodert bei den Lakers die Leidenschaft auf. Eishockey als Mannschaftsport im besten Wortsinne. Und Torhüter Melvin Nyffeler ist «heiss»: aggressiv und doch cool und konzentriert. Immer im Spiel. Schliesslich trägt ein grossartiges Publikum, stehend, applaudierend, singend die Lakers durch die letzten Minuten. Auch der neutrale Beobachter bekommt Gänsehaut. Und denkt: diese Lakers gehören eigentlich in die National League.

Das teuflische 7. Spiel

Das Undenkbare ist denkbar geworden. Noch eine Niederlage und die 56-jährige NLA-Geschichte des EHC Kloten ist zu Ende. Die Kommentare und Analysen die am Montagnachmittag schon zur Rettung Klotens geschrieben worden sind, können noch nicht gedruckt oder online geschaltet werden. Vielleicht können sie gar nie gedruckt und online geschaltet werden.

Wie stehen die Chancen? 7. Spiele in der Liga-Qualifikation sind fürs Heimteam eine teuflische Sache. Lausanne verliert 2005 gegen Basel die 7. Partie auf eigenem Eis 0:4 und steigt ab. 1999 gewinnt Langnau in Chur nach einem 0:2-Rückstand 7:2 und bleibt in der NLA. Todd Elik erzielt ein Tor und lässt sich sechs Assists notieren.

Aber heute zählt das alles nicht mehr. Die Statistik hat etwa so viel Aussagekraft wie der hundertjährige Kalender im «hinkenden Boten»: in diesem Bauernkalender, der seit 1707 erscheint, ist Tag für Tag das Wetter vor 100 Jahren aufgeführt. Heute noch schwören viele Landwirte auf diese Wetterprognose.

Oder wiederholt sich der 16. April 2013? An diesem Dienstag geht eines der grossen Dramen unseres Hockeys über die Bühne: der SCB feiert durch ein 5:1 gegen Gottéron in Bern oben den Titel. Gleichzeit verliert Langnau in Lausanne 2:3 und steigt in die NLB ab. Meister und Absteiger im gleichen Kanton. Am gleichen Tag, ja zur gleichen Stunde. Genau das kann den Zürchern blühen. Die ZSC Lions können am Mittwoch Meister werden und Kloten kann absteigen.

Was so einfach und doch so schwer ist

Wie stehen die Chancen? Hockeytechnisch müssten die Klotener dieses 7. Spiel klar für sich entscheiden. Sie haben die besseren Einzelspieler und Torhüter Luca Boltshauser ist ein sicherer Rückhalt. Wenn in einem einzigen Spiel eine ganze verpfuschte Saison und 56 Jahre Geschichte auf eigenem Eis gerettet werden können, dann sind Motivation und Leidenschaft grösser als Nervosität, taktische Mängel und Zweifel. Logisch wäre ein Resultat zwischen 4:0 und 7:0.

Aber Lakers-Legende Sven Lindemann – er ist am Montag 40 geworden – sagt in die Mikrophone: «Druck? Druck gibt es nur, wenn man auf die Toilette sollte und einfach keine Autobahnausfahrt in Sicht ist. Wir haben keinen Druck. Wir haben nichts zu verlieren und freuen uns riesig auf dieses Spiel in Kloten.»

An einem einzigen Abend können 56 Jahre Geschichte verloren gehen. In einem unberechenbaren Spiel auf rutschiger Unterlage. Wenn die Hockey-Götter am Mittwoch würfeln, dann kann ein einziger «verirrter» Puck, ein einziges Missverständnis, ein einziger Fehler 56 Jahre Geschichte löschen und die Lakers in die NLA katapultieren. Alle wissen das. In Klotens Kabine. In Klotens Entourage. Aber niemand sagt es. Es ist die unausgesprochene und doch allgegenwärtige Angst, an einem einzigen Abend 56 Jahre Geschichte zu verspielen.

Am Mittwoch werden nicht, wie sonst üblich, Geschichten geschrieben. Am Mittwoch wird Geschichte geschrieben. Am Mittwoch werden strahlende und tragische Helden geboren.

Klotens Trainer André Rötheli wird gefragt, wie gross nun die Belastung vor einem so schicksalsschweren Spiel sei. Er fasst es kurz und bündig zusammen: «Nur nicht dran denken. Einfach spielen.» Sagt’s und verlässt die Arena zusammen mit Felix Hollenstein und Roman Wäger.

Klotens Rezept: Alles vergessen, was war. Alle Energie für die Gegenwart mobilisieren und einfach spielen. Und siegen. So einfach ist es. Und doch so schwer.