Italien - EM 2016

Die als Auslaufmodell verhöhnte Squadra Azzurra ist plötzlich Turnierfavorit

Sie wurde belächelt, sie wurde verhöhnt – Italiens Nationalmannschaft. Gegen den Geheimfavoriten Belgien rechneten die wenigsten Fussballexperten mit einem Sieg der Squadra Azzurra. Doch die italienischen Fussballer haben es am Montag allen gezeigt und sind nun plötzlich Mitfavorit auf den Titel.

Die Improvisation ist in Italien Kunstform und Überlebensstrategie zugleich. Von Rest-Europa alleingelassen in der Flüchtlingskrise. Von Silvio Berlusconi in die Isolation manövriert. Von der Antike geblendet und von der Wirtschaft verraten. Dazu eine träge, aufgeblähte Bürokratie. Und die Karikatur eines Bildungs- und Gesundheitssystems. Italien steht auf wackligen Beinen. Als würde sich das Land immer noch an seiner schillernden Geschichte berauschen.
Doch es gibt ja noch den Fussball. Des Italieners Lebenselixier.

Aber im Calcio spiegelt sich das gesellschaftliche und politische Italien. Marode Stadien, gewaltbereite Fans, Manipulations- und Wettskandale. Und sportlich ist der Zug abgefahren. Während Italien noch in den 90er-Jahren das gelobte Land war, spielen heute die Stars in England, Spanien, Deutschland oder in Paris. Einzig Juventus Turin driftet nicht ins Mittelmass ab.

Wenn die Serie A hustet, ist auch die Squadra Azzurra krank. Und wenn sich Marchisio (Juventus), Verratti (Paris St-Germain) und Montolivo (AC Milan) für die EM verletzt abmelden, Balotelli und Cassano nicht mehr gut genug sowie Pirlo und Totti zu alt sind, herrscht Endzeitstimmung. Italien reist mit nur einem grossen Spieler an die EM. Und der steht im Tor und heisst Buffon.

Aber Italien hat keine Künstler im Gepäck. Okay, da sind zwar mit Barzagli, Bonucci und Chiellini drei Abwehrhaudegen von gehobener Klasse dabei. Aber einen Mann für die magischen Momente, ein Erbe Roberto Baggios, Spieler also, die im taktisch geprägten Fussball Italiens Heldenstatus geniessen, weil sie aus der Masse ragen, steht Trainer Antonio Conte nicht zur Verfügung.

Conte muss improvisieren. So gleicht sein Kader einer Ansammlung von Desperados, einem Trümmerhaufen mit rostigen Stellen. Entsprechend tief sind die Erwartungen im eigenen Land. Und von ausserhalb wird die Squadra Azzurra mit Mitleid auf die Reise geschickt.

Die ersten Emporkömmlinge

Doch dann diese beeindruckende Vorstellung. Dieses 2:0 gegen Belgien, das zu den Turnierfavoriten zählt. Es ist ein Spiel, das alle Prognosen ad absurdum führt. Hier die hochbegabten jungen Belgier, dort die biederen alten Italiener. Doch es ist das juvenile Belgien, das alt aussieht.

Auf den ersten Blick ein Anachronismus, auf den zweiten ein taktisches Meisterwerk: Obwohl Trainer Conte keine herausragenden Stürmer hat, lässt er zwei davon auflaufen. Der eine, der 29-jährige Eder, stammt aus Brasilien und tingelte bis vor vier Jahren zwischen Erst- und Zweitklassigkeit. Der andere, der 30-jährige Graziano Pelle, war nie gut genug für die Serie A und fand erst nach sechs Jahren in Holland den Weg in die englische Premier League zu Southampton.

Nun sind Eder und Pelle neben dem Franzosen Dimitri Payet die ersten Emporkömmlinge dieser EM. Denn sie stehen stellvertretend für das italienische Team. Sie wissen zwar, dass sie nicht die Explosivität eines Ronaldos oder die Genialität eines Ibrahimovics haben. Aber es ist auch dieses Bewusstsein, das sie so stark macht. Weil sie alles aus ihrem Körper und ihrem Geist herauskitzeln, um die Defizite zu kompensieren. Oder wie es Trainer Antonio Conte nach dem Spiel formulierte: «Die Fans haben gesehen, dass die Spieler Blut, Schweiss und Tränen gegeben haben.»

2014 das Aus in der Gruppenphase

Dieses Italien macht Lust auf mehr. Weil wir Spieler sehen, die wissen, was sie tun. Die auch wissen, was sie können und was nicht. Und die eine ungeheure Lust offenbaren, gemeinsam etwas Grosses zu erreichen.

Bei der Weltmeisterschaft 2014 ist Italien trotz eines Auftaktsieges – gegen England – in der Vorrunde ausgeschieden. Nur: Damals setzte Italien mit Pirlo auf einen einst genialen Regisseur, der den athletischen Anforderungen aber nicht mehr genügte. Und mit Balotelli auf eine Diva, deren Genügsamkeit mindestens so gross ist wie die Selbstüberschätzung.

Wenn Conte sagt, dass die Wunde von Brasilien noch nicht verheilt sei, ist das im Kontext des 2:0-Erfolgs gegen Belgien als Warnung an die Konkurrenz zu verstehen. Denn dieses stabile, abgezockte Italien ist fähig, die Improvisation als Kunstform über Italien hinaus salonfähig zu machen.

Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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