Ein Urschrei – der Verrückte stösst ab. Schon jetzt beträgt das Gefälle fünfzig Prozent. Schon da sind die Hosen voll. Es gebe nur zwei Stellen, wo man stürzen darf, sagt Hannes Reichelt, der Vorjahres-Sieger: «Im Starthaus und nach der Ziellinie.» Dazwischen ist alles grausam.

Ohne uns seinen Namen wirklich merken zu wollen, wissen wir auf ewig, wer Hannes Reichelt ist: Jener Österreicher, der uns gerade den Dreifach-Triumph vermasselt hat am Lauberhorn. «Das Imperium wird zurückschlagen», sagt er jetzt, mit Blick auf die Hahnenkamm-Rennen am Wochenende. «Imperium» nennt Reichelt das Schweizer Speed-Team. In Wahrheit schlug es längst zurück. Und das im Herzen Österreichs. Austrias Herz heisst «Streif». Und der Name des Imperators hallte gleich fünffach vom Berg zurück:

Cuche, Cuche, Cuche, Cuche, Cuche!

STREIF - ONE HELL OF A RIDE - Trailer

STREIF - ONE HELL OF A RIDE - Trailer

Zum Vergleich, zugegeben etwas boshaft: Fünfmal musste jeweils der Österreicher Stephan Eberharter aufs Klo in der Stunde vor dem Start. Eberharter ist indes der Einzige, dem auf der Streif 2004 die perfekte Fahrt gelang ... neben Cuche 2011. Beide siegten mit rund einer Sekunde Vorsprung auf den Zweiten. Cuche sagte uns dazu: «Endlich war ich mal komplett zufrieden ... zu 99 Prozent zufrieden. Ich schlief hinterher wie ein Baby. Das passierte mir nur noch einmal – nach meinem WM-Gold in Val d’Isère.»

Wir sprachen mit dem Champion, als er gerade auf dem Weg nach Kitzbühel war. Da steht Cuche heute auf der Strecke und brettert – ebenso gediegen wie entspannt – etwas herum. Ganz anders als beim ersten Mal auf der Streif: «Am liebsten hätte ich das Starthaus wieder nach hinten verlassen.»

Das sagt Cuche in einem Film, der in den letzten Tagen Premiere hatte: «Streif – One Hell of a Ride». Cuche, der einzige Fünffach-Sieger auf der Streif, gibt darin prominent Auskunft. Auch über die Angst. «Ja», sagt er, «das war mehr als Respekt beim ersten Mal, das war wirklich Angst. Nach dem ersten Training merkte ich: Gut, man überlebt’s. Dann wurde ich 21. Das gab mir Vertrauen für die Jahre danach.»

Zwei Kurven, Mausefalle: 41 Grad Neigungswinkel – nicht mal Raupenfahrzeuge kriechen hier mehr hoch. Aber es geht ja runter. Arme rudern, der Verrückte springt achtzig Meter weit, ins Nichts. Immer noch erst der Anfang des Höllenritts. Cuche redete so oft vom «Kampf».

«Oben und unten», erläutert Cuche, «gibt’s auf der Streif kaum Spielraum zwischen Erfolg oder Misserfolg. Spital oder Gesundheit. Darum ist man am Kämpfen. Mit dem Körper, skifahre-risch, aber auch im Kopf. Man muss sein Limit finden. Um keinen Preis darf man diese Grenze überschreiten.»

Als Resonanz hört man da unweigerlich Aksel Lund Svindal im Film: «Man muss Konzentration aufbauen, um etwas zu gewinnen, wovor man eigentlich Angst hat. Man muss die Streif schneller fahren, als einem lieb ist.»

Was gilt nun: Hasard oder Respekt?

Svindal ist einer der Erfahrensten im Weltcup, einer, der nahezu alles gewonnen hat, was es zu gewinnen gibt – allein die Abfahrt in Kitzbühel gewann er noch nie (anders als den Super-G). Cuche sagt zu Svindal: «Ich war immer der Meinung: Hundert Prozent soll man nehmen, mehr nicht. Hundertundein Prozent bedeuten bereits Sturz. An der Grenze zu fahren – das duldet die Streif nicht. Entweder schnitzert der Athlet grob unterwegs, oder er kommt gar nicht ins Ziel.»

Triumph oder Absturz. Unauslöschliche Namen und «Legenden» – oder ausgelöschtes Bewusstsein. Wie 2009 bei Dani Albrecht, der im Spital aufwachte und nicht mehr wusste, dass er Skirennfahrer war. Wie bei Hans Grugger, Österreicher, dessen Karriere 2011 im Spital endete. Unter unnennbaren Qualen fand er während Monaten ins Leben zurück. Heute fragt er, «ob das Ganze dies wert war». Ist demütig auch «einfach dankbar, dass mich der Berg am Leben gelassen hat.» Cuche seinerseits «dankte dem Berg» nach seinem letzten Sieg, errungen noch als Rekord-Oldie, nachdem er seinen Rücktritt bereits angekündigt hatte.

90 km/h im Karussell. Bis 150 km/h unterwegs. Über drei Kilometer lang, tausend Höhenmeter Fall – das gefährlichste Skirennen der Welt. Dieses Jahr zum 75. Mal, übertragen von knapp fünfzig Fernsehstationen, für Millionen Zuschauer. Will ich das wissen? Nicht im Kampf mit, vielmehr im Kampf gegen die Streif? Zum Beispiel jetzt, an der Hausberg-Kompression – Herr hilf! Fliehkräfte, die das Vierfache des Körpergewichts übersteigen. Als wäre der Abfahrer ein Formel-1-Pilot, ohne Schutzblech drumrum.

Ist das noch Rausch?

Oder immer schon Wahnsinn?

«In der Zone» nehme man die höllische Rasanz mit einem Mal als Zeitlupe wahr, behauptete Franz Klammer neulich im «Spiegel», Vierfachsieger auf der Streif: «Ein guter Läufer ist jederzeit Herr der Lage, er agiert ruhig, wird nie hektisch. Er geniesst.»

Im Ernst, Herr Cuche: Kann man eine Existenz als Rakete geniessen?

«Stimmt», sagt Cuche, «während der zweiten Hälfte meiner Karriere konnte ich es geniessen. Das war manchmal wie ein Traum, schon im Training. Dafür steht man morgens auf als Skirennfahrer.» Und jetzt steht Cuche auf, ohne ein Rennen. Fehlt da was?

«Auch vorher fehlte etwas», sagt Cuche: «Heute kann ich von morgens bis abends skifahren und zwischendurch einen Kafi Schnaps geniessen – früher unmöglich.» Albrecht sagt im Film, ein Skirennfahrer könne eigentlich nie langsam fahren. Wie ergeht es Cuche?

«Ja, man fährt gern zügig. Ich merkte dieses Jahr jedoch: Die Pisten sind manchmal dermassen überfüllt, dass Tempo keinen Sinn macht. Heute bin ich mit kürzeren Ski unterwegs, fahre viel mehr Kurven: Auch da hält sich bei Tempo der Spass in Grenzen. Ich konnte zu einem guten Zeitpunkt aufhören. Das gibt mir heute ein gutes Gefühl, sozusagen eine gesunde Wehmut.»

Dani Albrecht sagte, noch im Spital: «Ich möchte zurück und der Streif zeigen, wer hier der Chef ist.» Die meisten aber schildern die Streif als Ungeheuer. Es zu zähmen, schien einem Mann mit Leichtigkeit zu gelingen: Didier Cuche. Zuletzt wirkte er beinahe unstürzbar. «Es ist zwiespältig», sagt er: Einerseits spürt man, wenn man sich am Limit bewegt. Anderseits gerät man in einen Flow. 2011 schlug es mich in der Traverse dermassen herum, der Ski brach mehrfach aus. In jenem Moment hatte ich das Gefühl: Jetzt schmiert’s mich!»

Zielsprung: Die frühere Bodenwelle wurde nach Dani Albrechts Unfall abgetragen. Nun soll nach dem Willen von FIS-Renndirektor Hannes Trinkl (2001 Abfahrts-Weltmeister) der Schwierigkeitsgrad eben dort wieder erhöht werden.

Was sagt Cuche zur Kontroverse?

«Ich war immer der Meinung gewesen, dass der Zielsprung bestehen soll», antwortet Cuche: «Die letzten fünf Meter vor dem Absprung müssen gut gebaut sein. Gibt es dort eine ‹Lippe› im Gelände, wie wir das nennen, wird der Athlet mit Rücklage abgehoben; dann wird’s grauenhaft. Man wird jedoch nichts Unkontrolliertes bauen, sondern eine Art Schanze von rund dreissig Zentimetern Höhe. Ich glaube, jeder Athlet hätte da gern einen Sprung.»

«Früher waren wir Abfahrer immer die Wahnsinnigen», sagte Trinkl auch und verhehlte nicht seinen Wunsch, dass dieses wilde Renommee wiederkäme. «Ja», sagt Cuche, «Abfahrtsrennen müssen faszinierend bleiben.»