Selbst der Präsident wird zum einfachen Fan. Direkt nach der Auslosung im Fed-Cup zückte Ulrich Klaus sein Smartphone, baute sich vor Angelique Kerber auf und knipste wild drauflos. Der Hype um «Angie», die Siegerin des Australian Open, macht auch vor dem Chef des Deutschen Tennisbundes nicht Halt.

Die 28-Jährige ist die neue Hoffnungsträgerin, sie soll wieder einmal Tenniseuphorie in Deutschland entfachen. Im zweiten Match des Tages trifft Kerber morgen Nachmittag in der ausverkauften Leipziger Messehalle auf Timea Bacsinszky.

Ein Platz namens «Angie»

In Bremen geboren, in Kiel aufgewachsen wohnt Kerber seit einem Jahr inzwischen in Polen, in Puszczykowo, einer Kleinstadt. Steuerliche Gründe haben da auch eine Rolle gespielt. Ihre Grosseltern leben dort, betreiben eine Tennisanlage mit dem Namen «Angie».

Kerber hat zwar ihren Wohnsitz nach Polen verlegt, spielt aber für Deutschland und fühlt sich als Deutsche. Wenn sie allerdings von ihrem Zuhause spricht, dann meint sie Puszczykowo. Mutter Beata ist Deutsche mit polnischen Eltern, Vater Slawek dagegen Pole. Durch ihn, einen Tenniscoach, kam sie zum Sport. In Kiel wohnte die Familie über einer Tennishalle, der Weg auf den Platz war kurz.

Schon früh hatte sie Erfolg, nach der Schule setzte sie auf den Sport. Tennis spielt sie mit links, dabei ist sie eigentlich Rechtshänderin. Doch als Kind imitierte sie die Schlagbewegungen, die ihr auf der anderen Seite des Netzes gezeigt wurden spiegelverkehrt. Heute ist sie natürlich froh um diesen Vorteil auf dem Platz.

Professionalität im Fed-Cup-Team

Dass sie den Vater nicht als Coach wollte, hat der ihr bis heute nicht verziehen. Kontakt haben die beiden so gut wie keinen, der Vater war auch bei ihren ganzen Siegesfeiern nie dabei. Mutter und Grossmutter dagegen werden heute auf der Tribüne mitfiebern.

Kerber hat zwei Pässe, den deutschen und den polnischen. Vor knapp zehn Jahren überlegte sie doch einmal, ob sie nicht für Polen spielen solle. Stress hatte sie damals mit Fed-Cup-Chefin Barbara Rittner. Die bemängelte, Kerbers Einstellung sei nicht profihaft genug. Inzwischen sind diese Probleme ausgeräumt. An Kerbers Einstellung gibt es auch nichts mehr zu mäkeln. Sie ist topfit und seriös.

Dabei wollte sie vor viereinhalb Jahren schon einmal den Bettel hinschmeissen, nach elf Erstrundenniederlagen in Folge. Die Ausbildung zur Physiotherapeutin fasste sie ins Auge. Die Oma redete ihr diese Pläne aus, sagte aber, wenn sie weiter- mache, dann nur mit vollem Einsatz. Andrea Petkovic überredete sie zu einem gemeinsamen Trainingslager auf der Rosenhöhe bei Frankfurt in der Akademie der ehemaligen Profis Alexander Waske und Rainer Schüttler. Die vier Wochen zahlten sich aus. Kerber fühlte sich fit wie noch nie und spielte sich kurz danach als Nummer 92 der Welt bis in den Halbfinal des US Open.

Stetig aufwärts

Seither geht es stetig aufwärts. Sie trennte sich 2014 von ihrem langjährigen Trainer Torben Beltz, arbeitete mit Benjamin Ebrahimzadeh, einem Mann von der Rosenhöhe. Dort lebte sie auch teilweise, bescheiden in einem kleinen Zimmerchen, wie in einer Jugendherberge, als Nummer 20 der Welt. Mit Geld geht sie sehr sorgfältig um, wie die Mutter. Die fliegt noch heute in der Ecoklasse nach Australien.

Der fordernde Trainer war ihr dann zu viel. Sie kehrte vor einem Jahr nach einer Niederlagenserie zu Beltz zurück, der Erfolg kam zurück. Kerber gewann im vergangenen Jahr vier Turniere. Und nun setzte sie ihrer Karriere die Krone auf. «Es soll in dieser Saison bei den grossen Turnieren krachen», haben Beltz und Kerber gemeinsam als Ziel festgelegt. Und schon bei der ersten Gelegenheit hat es Kerber gewaltig krachen lassen.

Der 39-jährige Coach ist eine Frohnatur und kann mit den Emotionen seiner Chefin umgehen. Die kann nämlich ein ziemlicher Sturkopf sein. Dabei ist sie kein Lautsprecher, sucht auch nicht das Rampenlicht.

Ein Blackout am Mikrofon

Doch damit muss sie jetzt umgehen. Noch hat sie ein wenig Mühe damit. «Sorry, ich habe gerade ein Blackout», sagte sie bei der Pressekonferenz, als sie etwas zu ihrer Gegnerin sagen sollte. Dabei freut sie sich auf den Fed-Cup in der Heimat: «Ich möchte diese Atmosphäre geniessen, wieder in Deutschland zu spielen.» Fit sei sie, den Jetlag habe sie überwunden.

«Irgendwo zwischen Wolke sieben und Wolke vier schwebt sie noch», sagte Barbara Rittner, für die immer klar war, Kerber spielt, ausser sie selbst legt ihr Veto ein. «Ich wäre ja wahnsinnig, wenn ich eine Grand-Slam-Siegerin freiwillig draussen lassen würde», sagte Rittner.