Handball

Deutschland ist wieder eine Handball-Nation

Andy Schmid über Deutschland-Trainer Dagur Sigurdsson: «Er ist der Kopf des Aufschwungs.»

Andy Schmid über Deutschland-Trainer Dagur Sigurdsson: «Er ist der Kopf des Aufschwungs.»

Deutschlands Männerteam hat sich mit der EM-Halbfinal-Qualifikation vorübergehend ins Zentrum der TV-Öffentlichkeit gespielt. Der Schweizer Bundesliga-Star Andy Schmid erörtert die Hintergründe des markanten Aufschwungs.

Jogi Löw kultiviert auch nach aussergewöhnlichen Stunden seiner Mannschaft die nüchterne TV-Analyse – meistens bei einem fein säuberlich servierten Espresso. Im Handball ist die Atmosphäre auch vor den Live-Kameras weniger steril. Als Löws Handball-Pendant Dagur Sigurdsson wenige Minuten nach dem Meisterstück gegen die Dänen zum Sieger-Interview im ARD-Studio erschien, wurde der Isländer von Experte Stefan Kretzschmar mit einem Kasten Bier empfangen.

Die Bundesliga ist Basis des Erfolgs

«Die Deutschen verstehen es eben meisterhaft, grosse Momente mit schönen Gesten zu feiern», sagt Andy Schmid zur Bier-Pointe. Die Traumquoten der Fernsehübertragungen – die beiden entscheidenden Partien in der Hauptrunde verfolgten über elf Millionen Sport-Konsumenten live – kommen für Schmid nicht unerwartet: «Die Identifikation mit erfolgreichen Teams ist gross. So hart die Kritik manchmal ausfällt, so laut kann der Applaus sein. Deutsche Fans lassen sich extrem begeistern.»

Handball-EM: Die dramatische Schlussphase der Partie Deutschland - Russland

Handball-EM: Die dramatische Schlussphase der Partie Deutschland - Russland

Der Schweizer Star der Rhein-Neckar Löwen verfolgt den beeindruckenden Parcours der Profis aus seiner Liga mit grossem Interesse. «Was sich zurzeit in Polen abspielt, ist für die Handball-Bewegung in Deutschland Gold wert.» Der Konkurs von Hamburg rücke so vorübergehend etwas in den Hintergrund. «Die positiven Ergebnisse zahlen sich für alle aus, der Handball ist landesweit ein Thema.» Und die Bundesliga die Basis des Erfolgs: 30 Halbfinalisten verdienen ihr Geld in Deutschland.

Aufschwung ohne Ansage

Deutschlands Comeback auf der internationalen Bühne kam nach zwei komplett missratenen Qualifikationsperioden ohne Ansage. Nach einer Flut von medizinisch bedingten Ausfällen hatten die Verantwortlichen im EM-Vorfeld keine allzu hohen Erwartungen aufkommen lassen. Und das Umfeld räumte dem Euro-Projekt wenig Kredit ein, der Tenor war klar: Der B-Vertretung traute niemand ernsthaft zu, der Stagnation zu entfliehen.

Doch seit dem schwierigen Auftakt gegen Spanien (29:32) liess das notgedrungen verjüngte DHB-Team einen Coup nach dem anderen folgen. Ungarn deklassierten die Deutschen regelrecht, im Duell gegen die Russen (30:29) liessen sie sich auch von einer zweifelhaften Spielleitung nicht aus dem Konzept bringen. Und gegen die hoch dotierten Dänen (25:23) verlängerte der inzwischen richtiggehend euphorisierte Aussenseiter seine EM-Festwochen um ein weiteres Krimistück.

«Sigurdsson ist der Kopf des Aufschwungs»

Andy Schmid, als überragender Regisseur des Leaders Rhein-Neckar im Kluballtag Teil der deutschen Leistungskultur, holt bei der Einschätzung der Top-Performance etwas weiter aus: «Generell sind die Unterschiede bei den Top 12 Europas geringer als früher. Es gibt vor allem in der Hauptrunde keine Teams mehr, die von Beginn an chancenlos sind.»

Deutschland profitiere davon, so Schmid, dass auch zum erweiterten Kader ausnahmslos Spieler gehören, «die in ihren Klubs Woche für Woche auf sehr hohem Level forciert werden und unbestrittene Leistungsträger sind». Massgeblichen Einfluss attestiert Schmid zudem dem smarten Trainer Sigurdsson, der seit 2014 an der Linie die Verantwortung trägt. Seine Handschrift sei gut erkennbar. «Er ist der Kopf des Aufschwungs.»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1