Deutsche NationalElf
Löw darf bleiben, muss aber einen Wall des Misstrauens abbauen

Analyse zum Entscheid des Deutschen Fussballbundes, den Bundestrainer (Vertrag bis 2022) trotz der 0:6-Klatsche in Spanien nicht zu entlassen.

Markus Brütsch
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Joachim Löw: Der DFB steht hinter ihm.

Joachim Löw: Der DFB steht hinter ihm.

Keystone

Wer sich in der Schweiz unweit der Landesgrenze zu Deutschland aufgehalten hat, ist am Montagnachmittag durch eine gewaltige Eruption von drüben aufgeschreckt worden. 70 Millionen Deutsche müssen aufgeschrien haben - mindestens.

Sie alle hatten vernommen: Joachim Löw bleibt Bundestrainer. Die Wucht dieser Entscheidung des DFB hat nicht nur eingeschlagen wie eine Bombe, sondern das ganze Land auf dem falschen Fuss erwischt. Angekündigt war der kommende Freitag als D-Day für den Mann aus dem Schwarzwald.

Doch nun ist alles anders gekommen. Eine Nachrichtenagentur schreibt mit resignativem Unterton: «Der ‹ewige› Jogi kann sich nur selber entlassen». Ja, die Entscheidung der Verbandsspitze ist für viele eine saftige Überraschung. Zugunsten eines Trainers, der seit der missglückten WM 2018 ohne Ende in der Kritik stand und dafür verantwortlich gemacht wurde, dass die einst so gehätschelte «Mannschaft» die Liebe ihrer Fans verspielt hat. Der nach dem Debakel in Russland erst acht Monate später mit der Aussortierung von Mats Hummels, Jérôme Boateng und Thomas Müller ein Zeichen setzte, indes das Ziel, mit jungen und schnelleren Spielern den Wandel vom Ballbesitz- in Richtung Umschaltfussball zu schaffen, noch nicht erreicht hat.

93,78 Prozent stimmten in einer Umfrage gegen Löw

Für die Mehrheit der fussballbegeisterten Deutschen hat das 0:6 in Spanien in der Nations League das Fass zum Überlaufen gebracht. Der frühere Nationalspieler Bastian Schweinsteiger sagte: «Entsetzlich.» Eine solche Schande sieben Monate vor der EM konnte doch nicht folgenlos bleiben. Entsprechend stimmen in einer Umfrage des «Kicker» 93,78 Prozent der 179 342 Teilnehmer gegen ein Weitermachen mit Löw, und auch die Medien teilen mehrheitlich diese Meinung. Weil Jürgen Klopp, Thomas Tuchel und Hansi Flick derzeit aber als Nachfolger nicht zur Verfügung stehen, wird Ralf Rangnick gepusht.

In der Bundesliga jedoch bleibt es erstaunlich ruhig. Weder in München und Dortmund noch sonstwo wird Jogis Kopf gefordert. Es haben nicht alle übersehen, dass nur ein einziges von bald 200 Länderspielen ergebnismässig so in die Hose gegangen ist, wie das letzte. Fakt ist auch, dass sein Team von 2008 bis 2016 immer mindestens den Halbfinal eines grossen Turniers erreicht hat und 2014 gar Weltmeister geworden ist. Und obwohl ein 0:6 anderes suggerieren könnte: Die Mannschaft steht offenbar hinter ihm.

Ja, die Verdienste von Löw sind gross und rechtfertigen eine letzte Chance. Vielleicht ist Jogis Glück die grosse Zerstrittenheit beim DFB, die eine Entscheidung gegen ihn verhindert hat und möglicherweise auch, dass die Entlassung des weltweit teuersten Trainers sehr kostspielig geworden wäre.

Klar ist aber: Löw steht ab nun unter Druck wie nie. Er tut gut daran, gut gemeinte Ratschläge anzunehmen. Er sollte hinter den Mentalitätsmonstern Joshua Kimmich und Manuel Neuer für eine klare Hierarchie sorgen, den Spielstil nach aussen deutlicher definieren und aktiver coachen. Sein früherer Captain Philipp Lahm sagt, er müsse seine Ansprache an die jüngere Generation anpassen. Löw sollte sich kommunikativ mehr anstrengen, greifbarer werden und, als Vorschlag der «Süddeutschen Zeitung», vielleicht auch mal in einer TV-Sendung wie «Wer wird Millionär?» mitmachen.

Millionär ist er zwar längst, aber die Millionen deutscher Fussballherzen muss er sich zuerst wieder zurückerobern.

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