Eishockey
Deshalb sind die Eisgenossen so erfolgreich

Die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft reiht an der Weltmeisterschaft in Deutschland Sieg an Sieg. Nun spielt die Mannschaft um die bestmögliche Ausgangslage für die Viertelfinals.

Vasilije Mustur
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Eishockey Schweiz

Eishockey Schweiz

Keystone

Vor einem Monat hätte dieses Traumszenario noch kaum einer für möglich gehalten. Nach der Jahrhundert-Olympiade in Vancouver, verspürten viele Leistungsträger nach einer langen Saison keine Lust auf ein weiteres, kräftezehrendes Turnier und gaben deshalb dem neuen Nationaltrainer Sean Simpson für das Turnier in Deutschland einen Korb (siehe Box).

Diese prominenten Nationalspieler haben Simpson abgesagt

Jonas Hiller (Anaheim/NHL), Philippe Furrer (SC Bern), Severin Blindenbacher (Färjestads/Schweden), Rafael Diaz (Zug), Luca Sbisa (Portland Winterhawks/USA), Yannick Weber (Montreal Canadians/NHL), Mark Streit (New York Islanders/NHL), Sandy Jeannin (Fribourg), Hnat Domenichelli (Lugano), Thierry Paterlini (ZSC), Raffaele Sanitz (Lugano), Julien Sprunger (Fribourg), roman Wick (Kloten), Reto Von Arx (Davos), Patrik Bärtschi (ZSC), Adrian Wichser (ZSC), Beat Forster (Davos).

So fuhr der neue Coach mit einer faktischen B-Auswahl nach Deutschland und die gesamte Eishockey-Schweiz rechnete mit dem Schlimmsten. Deshalb hiess das Motto: Bloss nicht absteigen! Jetzt fegt das Team einen Gegner nach dem anderen vom Eis und belehrt damit alle Experten und Kritiker eines Besseren. Selbst der Eishockeyexperte und frühere Profi von Fribourg-Gottéron Mario Rottaris ist von dieser Equipe beeindruckt. «Während der Ära Krüger waren die Partien gegen Mannschaften wie Lettland, Deutschland, Weissrussland oder Italien jeweils ein Knorz. Davon ist heute nichts mehr zu spüren. Diese Mannschaft ist so gut, dass sie nicht nur ihre Pflicht erfüllt, sondern sogar in der Lage ist, ihre Gegner zu dominieren – auch Olympiasieger Kanada.»

Neues System ist Geheimnis des Erfolgs

Rottaris führt diese Dominanz auf das modifizierte Spielsystem der Schweizer zurück. Zwar hält der Coach weiter am bewährten Defensiv-Konzept fest, nahm jedoch kleinere Optimierungen vor: Das Team wartet nicht mehr an der Mittellinie auf die Angriffe des Gegners, sondern attackiert ihn bereits tief in dessen Zone. So hat der Gegner keine Möglichkeit auf einen gepflegten Spielaufbau.

Die NHL-Stars der Tschechen

Tschechien: Michal Rozsival (New York Rangers/NHL), Tomas Vokoun (Florida/NHL), Ondrej Vokoun (Atlanta/NHL), Jakub Voracek (Columbus/NHL). Jagomir Jagr spielt nicht mehr in der NHL sondern in Tschechien bei Avangard Omsk.

Wie gut das neue System von Sean Simpson funktioniert, belegt auch die Statistik: Die Schweiz verfügt über die beste Tordifferenz aller Teams und liess am wenigsten Tore zu. Darüber hinaus liegt Stürmer Martin Plüss mit 3 Toren und 2 Assists gemeinsam mit dem tschechischen Superstar Jagomir Jagr auf dem zweiten Rang.

Halbfinal - jetzt oder nie!

Nun hat sich die Mannschaft durch ihre attraktive und erfolgreiche Spielweise nicht nur die fast sichere Viertelfinal-Qualifikation, sondern auch eine einmalige Chance erspielt:

Diese NHL-Stars könnten in den Viertelfinals auf die Schweiz warten

Russland: Alexander Owechkin (Washington/NHL), Alexander Frolov (Los Angeles Kings/NHL), Alexander Semin (Washington/NHL), Denis Grebeshkov (Nashville/NHL), Semyon Varlamov (Washington/NHL), Nikolai Kulemin (Toronto/NHL), Artyom Anisimov (New York Rangers/NHL), Dmitri Kulikov (Florida/NHL), Maxim Afinogenov (Atlanta/NHL), Ilya Kovalchuk (New Jersey/NHL).

Dänemark: Peter Regin (Ottawa/NHL), Frans Nielsen (New York Islanders/NHL).

Finnland: Antti Miettinen (Minnesota/NHL), Lauri Korpikoski (Phoenix/NHL), Pekka Rinne (Nashville/NHL), Jussi Jokinen (Carolina/NHL), Oskar Osala (Carolina/NHL).

Deutschland: Christian Ehrhoff (Vancouver/NHL), Marcel Goc (Nashville/NHL).

Slowakei: Peter Budaj (Colorado/NHL), Marek Svatos (Colorado/NHL), Andrej Sekera (Buffalo/NHL)

Schlägt die Equipe Norwegen und holt sogar gegen das derzeit schwache Tschechien Punkte, dann winkt im Viertelfinal ein Gegner in Reichweite wie Dänemark oder Deutschland. Selbst vor der Slovakei oder Finnland in der aktuellen Besetzung, braucht sich die Schweiz nicht zu fürchten. Zwar sind Finnland, Dänemark, Deutschland und die Slowakei mit NHL-Spielern angereist (siehe Box), doch diese verfügen nicht ansatzweise über diejenige Qualität wie am olympischen Turnier in Vancouver. Kurz: Die Möglichkeit in den Halbfinal einzuziehen ist heute grösser denn je. «Wenn nicht jetzt, wann dann?», fragt auch Experte Rottaris.

Simpson will Ball flach halten

Die Truppe um Sean Simpson ist sich dieser Möglichkeit bewusst. «Nach dieser Vorrunde muss unser Ziel sein, mal nicht als Vierter weiterzukommen. Dann würden wir in den Viertelfinals vielleicht mal nicht auf einen WM-Favoriten treffen», sagt Martin Plüss. Zudem dürfte die Mannschaft in Mannheim bleiben und auf eine grosse Schweizer Fan-Kolonie zählen, sollte die Mannschaft die Zwischenrunde als Erster oder Zweiter beenden.

Allerdings warnt Trainer Simpson vor allzu grosser Euphorie. «Schon die ersten drei Spiele waren alles andere als einfach zu gewinnen. Und ich bin überzeugt: die nächsten drei Spiele werden doppelt so schwer. Wenn grosse Nationen überraschend ein Spiel verlieren wie Kanada gegen uns oder Tschechien gegen Norwegen, dann reagieren sie auf diese Niederlage wie verrückt. Die Tschechen werden an diesem Turnier sicher niemanden mehr unterschätzen.» Trotzdem: Wenn die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft endlich die ersehnte Medaille holen will, dann ist jetzt der Zeitpunkt dafür gekommen.