Super League
Desaströse Saison der Grasshoppers: Szenen des Zerfalls

Der Rekordmeister befindet sich im freien Fall – wie aus den Grasshoppers ein Abstiegskandidat wurde.

Etienne Wuillemin
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Die Grasshoppers spielen momentan eine desaströse Saison.

Die Grasshoppers spielen momentan eine desaströse Saison.

Keystone

Beginnen wir hinter den Kulissen. Da, wo es rund um dieses faszinierende, unübersichtliche Konstrukt GC häufig am spannendsten ist. Gerade, wenn es auf dem Rasen wieder einmal nicht läuft.

Der GC-Präsident heisst Stephan Anliker. Er wollte das eigentlich nie sein. Irgendwann, Anfang 2014, war er es trotzdem. Ins Tagesgeschäft möchte er sich am liebsten nicht einmischen. Geld möchte er am liebsten auch keines bezahlen. Es ist beides irgendwie undenkbar als Präsident eines solchen Traditionsvereins.

Es steht schlecht um die Marke GC. Der Zeitpunkt ist also perfekt, um Intrigen und Machtkämpfe gedeihen zu lassen. Und so ist das auch bei GC wieder einmal. Erste Gruppen haben sich formiert, die ausloten, ob Anliker weiter der richtige GC-Präsident ist. Zumal er von Langenthal aus operiert.

Manuel Huber ist CEO bei den Grasshoppers.

Manuel Huber ist CEO bei den Grasshoppers.

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Von Anliker ist vor allem ein Satz in Erinnerung geblieben. Er heisst: «Unterschätzt mir den Huber nicht!» Der Huber, das ist Manuel Huber. 29-jährig erst. Seit Mai 2015 und der Entlassung von Axel Thoma bei GC zuständig für die Zusammenstellung der Mannschaft. Er ist, derzeit zumindest noch, CEO und Sportchef in Personalunion. Wobei die Zürcher einen Sportchef suchen, um Huber zu entlasten.

Huber und GC, das ist eine Geschichte mit vielen Wendungen. Doch derzeit geht es nur in eine Richtung: nach unten. Aus dem stolzen Rekordmeister ist ein Abstiegskandidat geworden. Am Sonntag in Lausanne steht ein erstes «Schicksalsspiel» an. Nicht, weil es schon um alles geht. Aber, weil es aufzeigen wird, ob dieses GC gerüstet ist für den Abstiegskampf.

Ob das Team richtig zusammengestellt ist, das muss heftigst bezweifelt werden. Nicht erst seit der Flucht von Kim Källström. Die Frage geht also an Huber. Ist GC mit dem aktuellen Kader gut aufgestellt im Abstiegskampf? «Ich bin überzeugt davon», sagt er. «Und ich bin sicher, dass die Spieler wissen, um was es geht.»

Anfang März wurde Carlos Bernegger als Trainer bei GC vorgestellt. Er folgte auf Pierluigi Tami.

Anfang März wurde Carlos Bernegger als Trainer bei GC vorgestellt. Er folgte auf Pierluigi Tami.

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Warum es gut kommt mit diesem GC, ist eine weitere Frage. «Weil ich Motivation, Willen und Kampf spüre», sagt der CEO. So, wie man das eben tut im Abstiegskampf. Das ändert nichts daran, dass sich die Zweifel um GC mehren. Um das GC, das Huber konstruiert hat und darum die Verantwortung dafür trägt.

Lavanchy als einziger Lichtblick

Zehn Spieler hat Huber seit dem vergangenen Sommer verpflichtet. Eingeschlagen hat ein einziger – Numa Lavanchy. Alle anderen sind entweder keine Hilfe, Mitläufer oder im schlimmsten Fall gar eine Hypothek. Es gibt Fälle wie Emil Bergström oder Milan Vilotic, die ohne jede Spielpraxis plötzlich das Team stabilisieren sollen.

Es gibt den Fall Ridge Munsy, der vor allem viel kostet (über eine Million) und niemand weiss, warum. Es gibt einen Fall Cédric Zesiger, 18-jährig, heiss begehrt in der ganzen Schweiz, wechselt zu GC, bestreitet im Herbst einige Spiele und ist plötzlich kein Faktor mehr – warum? Rätselhaft.

GC-Hoffnungsträger Dabbur konnte die Erwartungen bis jetzt nicht erfüllen.

GC-Hoffnungsträger Dabbur konnte die Erwartungen bis jetzt nicht erfüllen.

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Es gibt vor allem einen Fall Lucas Andersen. Ein Schönwetterfussballer, der sich selbst für ziemlich unentbehrlich hält, aber sich mit seinem Auftreten in der Garderobe und auf dem Rasen ins Abseits manövriert hat. Nicht gerade ein Beispiel für das Hubersche Mantra von «Kampf» und «Willen».

Es gibt auch einen Fall Charles Pickel. Weil GC plötzlich keinen defensiven Mittelfeldspieler mehr hat, transferiert man ihn von Basel. Pickel will viel. Vielleicht zu viel? Tut man ihm einen Gefallen, wenn rund um den ganzen Verein bereits der Eindruck entsteht, der 19-Jährige sei ein Hoffnungsträger?

Charles Pickel wurde als Källström-Ersatz verpflichtet.

Charles Pickel wurde als Källström-Ersatz verpflichtet.

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Schliesslich gibt es den Fall Munas Dabbur. Zurückgeholt von Salzburg. Sofort Captain geworden. Aber Dabbur ist geknickt. Weil er merken musste, dass der Karrieresprung in Salzburg nicht funktionierte. Ist es zu viel der Verantwortung? Wie er gegen Vaduz einen Penalty verschoss, erzählte so ziemlich alles.

Seit drei Wochen nun liegen die Hoffnungen von GC in den Händen von Carlos Bernegger. Der neue Trainer sagt: «Es geht darum, alle Kräfte zu mobilisieren.» Und auch: «Es ist ein ständiges Hinterfragen. Vielleicht ein unendlicher Prozess.»
Man ahnt: Dieses GC könnte den Abstiegskampf noch lange beleben.

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