Fussball

Derdiyoks Hattrick, Fischers Rückzieher – das sind die legendären Momente der Schweizerisch-Deutschen Länderspielgeschichte

Das Spiel seines Lebens: Eren Derdiyok (Nummer 9) trifft 2012 gegen Deutschland drei Mal.

Das Spiel seines Lebens: Eren Derdiyok (Nummer 9) trifft 2012 gegen Deutschland drei Mal.

Die 112-jährige Länderspielgeschichte zwischen der Schweiz und Deutschland ist voller Anekdoten. Ein Rückblick vor dem 52. Spiel.

Der Zeitzeuge erinnert sich auch nach 43 Jahren noch, als wäre es gestern gewesen. Näher am Ereignis als Charly In-Albon hat sich an jenem Novembertag in Stuttgart kaum einer befunden. «Sie wollen sicher wissen, wie ich das Jahrhunderttor von Klaus Fischer erlebt habe», unterbricht der 63-Jährige am Telefon sogleich die Frage, woran er als erstes denke, wenn es um Schweizer Länderspiele gegen Deutschland geht.

«Ich war zu jener Zeit in der Rekrutenschule, und es war ein Riesenerlebnis, vor 60000 Zuschauern dieses Freundschaftsspiel gegen den Weltmeister zu bestreiten», sagt der damalige Rechtsverteidiger und ruft zum Spass in Erinnerung: «Wäre statt Lucio Bizzini ich bei Fischer gestanden, hätte die Welt dieses Tor nie zu sehen bekommen.» Nach einer Flanke von Rüdiger Abramczik legt sich Fischer horizontal in die Luft und spediert den Ball mit einem akrobatischen Fallrückzieher zum 4:1-Endstand ins Netz. «Das Bild ist danach um die Welt gegangen», berichtet In-Albon. In der Sportschau der ARD wird der Treffer später gar zum «Tor des Jahrhunderts» gewählt.

Klaus Fischer, Deutschlands legendärer Mittelstürmer, erzielt laut ARD-Zuschauern das «Tor des Jahrhunderts».

Klaus Fischer, Deutschlands legendärer Mittelstürmer, erzielt laut ARD-Zuschauern das «Tor des Jahrhunderts».

Peanuts − könnte Eren Derdiyok denken. Vor neun Jahren hat er für Leverkusen in der Bundesliga ein Tor mittels Fallrückzieher erzielt, das technisch sogar noch ein gutes Stück anspruchsvoller ist. Wie er den Ball aus der Luft angenommen, einmal präpariert und dann über Nati-Kollege Diego Benaglio ins Wolfsburger Tor gelupft hat − ganz grosses Kino.

Nur Derdiyok hat gegen Deutschland drei Tore geschossen

Die Gedanken sind allerdings nicht wegen jenes Augenschmauses zu Derdiyok geschweift, der mittlerweile in Usbekistan für Pakhtakor Taschkent spielt. Es geht um die drei Tore, die der heute 32-Jährige am 26. Mai 2012 beim 5:3 gegen Deutschland geschossen hat. Ein Kunststück, das noch keinem anderen Schweizer gelungen und vor der morgigen Partie in der Nations League Anlass genug für eine kleine Würdigung ist. «Das war das Spiel meines Lebens», sagt Derdiyok. Der Passgeber zu allen drei Toren: Tranquillo Barnetta.

Weil dies das bisher letzte Aufeinandertreffen dieser beiden Länder war, lässt sich mit ironischem Unterton behaupten, die Schweiz habe gegen Deutschland eine von A und Z brillante Bilanz: Das erste Spiel gewonnen, das letzte gewonnen. Beide Male in Basel, beide Male 5:3, zuerst im Landhof, 104 Jahre später im St.Jakob-Park. 4000 Zuschauer sehen anno 1908 bei Hagelschauern den ersten Sieg der Eidgenossen überhaupt gegen Gäste, für die es sogar die Länderspielpremiere ist. Kurios: Zuletzt gegen Frankreich noch im Team, agiert Verbandssekretär Hasler nun als Linienrichter.

Der Erfolg bei der WM gegen Hitlers Grossdeutschland

Auch 30 Jahre später behält die Schweiz die Oberhand. Nach dem Anschluss Österreichs im März 1938 tritt Hitlers Deutschland im Juni bei der WM in Frankreich als Grossdeutschland auf. Nach einem 1:1 im Achtelfinal kommt es fünf Tage später im Parc des Princes zum Wiederholungsspiel. Weil die Schweiz zur Pause 1:2 im Rückstand liegt und der hart getroffene Aeby in der Kabine bleibt, scheint alles verloren. Verletzte Spieler dürfen damals nicht ersetzt werden, und zu zehnt... Dann aber kommt Aeby doch noch auf den Platz; die Schweiz fasst Mut und gewinnt dank zweier Tore von André Abegglen III und einem Goal von Bickel 4:2. Ein grosser Schweizer Sieg und bis heute der einzige in einem Pflichtspiel gegen Deutschland.

Drei Jahre später erleidet Hitler-Deutschland gleich noch eine schmerzhafte Niederlage. Im politisch aufgeladensten Spiel der Schweizer Länderspielgeschichte inmitten des Zweiten Weltkrieges. Zwei Wochen nach einem 7:0 gegen Ungarn verliert Deutschland vor 38000 Zuschauern in Bern 1:2. Der Schweizer Sieg gegen die Mannschaft des Dritten Reiches, das zu jener Zeit alles unter Kontrolle hat, ist mehr als ein sportliches Ereignis. Während der deutsche Reichspropagandaminister Joseph Goebbels tobt, werden die im Militär steckenden Schweizer Spieler mit einem achttägigen Sonderurlaub belohnt.

Als drei Spieler in einen Mini mit zwei Frauen einsteigen

Weit weniger Grund zum Jubeln gibt es indes bei der WM 1966 in England. Was sich damals vor dem Spiel gegen Deutschland zuträgt, ist der grösste Skandal in der Schweizer Fussballgeschichte und wird als «Nacht von Sheffield» zur Legende. Die «Schweiz am Wochenende» hat Leo Eichmann vor vier Jahren in der Provence besucht, um zu erfahren, was damals wirklich geschehen ist. «Köbi Kuhn, Werner Leimgruber und ich wollten uns nach dem Nachtessen vor dem Hotel noch ein wenig die Füsse vertreten», so erzählt es der damalige Ersatzgoalie. «Da hielt ein Mini. Zwei Mädchen waren auf dem Weg zu einem Pub. Wir stiegen ein, durften in unseren Trainingsanzügen aber natürlich nicht rein, und nach einer Stunde waren wir wieder zurück. Trainer Alfredo Foni sass in der Lobby und wünschte uns eine gute Nacht.» Eichmann erinnert sich: «Am andern Morgen war der Teufel los. Der ‹Blick› hatte bereits berichtet, drei Schweizer seien mit englischen Girls abgehauen.» Nach endlosen Diskussionen werden die drei Spieler suspendiert, und ohne diese setzt es gegen Franz Beckenbauer und Co. eine 0:5-Niederlage ab. Zur Beruhigung lässt der Verband die Ehefrauen der «Sünder» einfliegen. «Wir wurden zwar begnadigt, aber die WM war kaputt, das Krisenmanagement des SFV ein Debakel. Dass wir drei diesen ‹Seich› gemacht haben, ärgert mich aber bis heute», sagt Eichmann.

Unter dem Strich bleibt: Die Schweizer sind 1908 die ersten, die gegen Deutschland spielen. Sie sind auch die ersten, die 1909 gegen sie verlieren. Sie sind jene, die sich nach den Weltkriegen dafür einsetzen, dass Deutschland wieder in die Fussballgemeinschaft aufgenommen wird. Und sie stellen sich jeweils als erste Gegner zur Verfügung. Gegen keinen haben die Deutschen so oft gewonnen (36) und so viele Tore (138) geschossen. Immer und immer wieder haben sich die kleinen Schweizer bereit gefühlt, es den grossen Deutschen zu zeigen. Um einmal mehr auf die Schnauze zu kriegen.

Von wegen Freundschaftsspiele: In einem solchen hat Ditmar Jakobs 1986 dem Schweizer Aufbauer Philippe Perret im Mittelkreis mit gestrecktem Bein das Schien- und Wadenbein gebrochen.

Autor

Markus Brütsch

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