Nein, ein Fixstern am kanadischen TV-Himmel ist er nicht. Aber als Sternschnuppe, die immer wieder am TV-Firmament über Montréal aufglüht, darf er schon gelten. Stéphane Auger (46) ist beim französischsprachigen Sender «TVA Sports» so etwas wie ein Sascha Ruefer der Regelkunde.

Seine TV-Tätigkeit ist ihm sofort anzumerken. Ein freundlicher Mann, durchdrungen von seiner Wichtigkeit, aber durchaus mit Sinn für Humor und Selbstironie. Kaum einer der TV-Zuschauer, die sich in der Provinz Quebec Sinn und Unsinn von Schiri-Entscheiden aus der NHL und dem Juniorenhockey erklären lassen, ahnen etwas von seinem zweiten Beruf.

Stéphane Auger ist auch «Player Safety Officer» der Nationalliga. Dieser sperrige Ausdruck bedeutet übersetzt: «Sicherheitsbeamter der Spieler.» Das ist natürlich Unsinn. Stéphane Auger ist unser Hockey-Staatsanwalt oder Hockey-Chefankläger. Der Job ist nach dem Rücktritt von Einzelrichter Reto Steinmann im Sommer 2015 neu geschaffen worden.

Der Zuger Rechtsanwalt war jahrelang beides: Ankläger und Richter. Er filterte die Bösewichte selber heraus oder beurteilte Eingaben der Klubs und der Schiedsrichter und sprach sodann die Strafen aus. Eine Doppelbelastung, die der modernen Justiz, der Trennung zwischen Ankläger und Richter, nicht mehr entsprach.

Nun melden die Schiedsrichter und die Inspizienten Stéphane Auger bis etwa zwei Stunden nach einem Spiel alle Vorfälle, die noch einmal überprüft werden sollten. Auch die Klubs können bis zwei Stunden nach dem Ende einer Partie eine Eingabe machen. Der Kanadier sichtet alle kritischen Szenen und leitet sie anschliessend den beiden Einzelrichtern Oliver Krüger in Bern und Victor Stancescu im Züribiet weiter. Sie sprechen die Sperren aus.

«Letzte Saison schlug ich noch das Strafmass vor. Das haben wir geändert. Ich sage nur noch, ob ein Vergehen nach meiner Ansicht keine Sperre, eine Spielsperre oder mehrere Spielsperren verdient. Alles andere entscheiden die Einzelrichter.»

Als Schiedsrichter in der Kritik

Die Kompetenz des langjährigen NHL-Refs als TV-Experte und als Hockey-Chefankläger ist unbestritten. Er war als NHL-Ref zwar oft im Kreuzfeuer der Kritik. Meistens wegen verbaler Auseinandersetzungen mit einem Spieler oder einem Coach. Darüber mag er aber nicht mehr reden und hält fest: «Ich habe meinen Job nach bestem Wissen und Gewissen gemacht und meine Vorgesetzten sind jedes Mal auch zu diesem Schluss gekommen.»

Wir treffen Stéphane Auger in Montréal. Der Mann, der das Nationalliga-Hockey überwacht, ist Kanadier und sitzt in Kanada. Nicht in Zürich, Zug oder Bern. Der ultimative Beweis für die Globalisierung dieser Welt. Die Hockeywelt ein Dorf. Seine Arbeit für unsere Hockeyjustiz ist ungefähr ein Halbtagsjob. Die andere Hälfte füllen seine TV-Auftritte aus.

Ein Leben zwischen TV-Studio und Video-Studium. Hin und wieder hält er Gastreferate vor Managern über schnelle und präzise Entscheidungsfindung unter maximalem Stress. Nach seiner Schiedsrichter-Karriere hat er für verschiedene europäische Verbände gearbeitet, und so ist der Kontakt zu den Schweizer Hockey-Bürogenerälen entstanden.

Schon 200 Situationen analysiert

Eine wesentliche Erleichterung für seine Arbeit ist die Zeitdifferenz von sechs Stunden zwischen der Schweiz und Montréal. Stéphane Auger bezeichnet die sogar als Luxus. Er hat daheim in seinem Büro über Computer auf die TV-Bilder aller NLA-Partien und auf Video-Aufzeichnungen der NLB-Spiele Zugriff. Mit der heutigen Technologie findet er zügig die aus der Schweiz gemeldeten Szenen.

Stéphane Auger war zwölf Jahre lang Profi-Schiedrichter in der NHL.

Stéphane Auger war zwölf Jahre lang Profi-Schiedrichter in der NHL.

«Es ist unser Bestreben, dass wirklich jede fragliche Szene analysiert wird. Auch jene, die keine Strafe oder keine Verletzung zur Folge hatten.» Diese Saison hat er bereits etwas mehr als 200 Situationen analysiert und ausgewertet, und er rechnet damit, dass es am Ende wohl erstmals über 400 werden.

Und wie steht es mit der Beeinflussung? Reto Steinmann hatte es nicht einfach. Jeder Trainer, Sportchef und Chronist hatte seine Handy-Nummer. Es gab durchaus einen Mangel an Respekt bei Trainern, Sportchefs und Chronisten, die gegen seine Urteile polemisierten. Davon bleibt Stéphane Auger in Montréal unberührt. Er sagt, noch nie habe ein Sportchef oder Trainer oder sonst jemand versucht, ihn zu beeinflussen.

Auch in einer globalisierten Welt hilft, weit weg vom Geschütz zu sein. Seit der Chefankläger nicht mehr in Zug, sondern in Montréal sitzt, gibt es um die Hockeyjustiz keine ernstzunehmende Polemik mehr. Was nicht heissen muss, dass heute alles besser ist als früher.