CSI Basel

Der Weltranglistenerste Steve Guerdat im Interview: «Pferde verstehen kein Wort»

Das Aushängeschild der Schweizer Spitzenspringreiter erklärt im exklusiven Interview unter anderem, wie er mit seinen Tieren kommuniziert und warum es momentan besser läuft denn je.

Steve Guerdat, warum sind Sie momentan der beste Reiter der Welt?

Ich habe eine Super-Truppe zusammen und hatte noch nie so viele gute Pferde. So konnte ich die Einsätze gut einteilen. Ich habe meine Tiere schon länger, kenne sie gut und konnte sie entwickeln. Sechs meiner 25 Pferde sind in der Lage einen Grand Prix zu gewinnen. Dadurch hatte ich an jedem Fünfsterne-Turnier eine Chance auf den Sieg und zwar nicht nur am Hauptpreis, sondern auch schon bei den anderen Prüfungen.

Auch die WM gab viele Punkte. Sie gewannen Bronze und wurden mit dem Team denkbar knapp Vierter.

Ja. Bei der Weltmeisterschaft lief es für mich sehr gut. Meine Pferde waren zum richtigen Zeitpunkt in Topform, weil ich ihre Saison gut eingeteilt habe.

Aber Ihre Pferde sind nicht der alleinige Grund für die guten Resultate.

Klar auch ich habe mehr Erfahrung und bin jedes Jahr ein besserer Reiter geworden. Mit den selben Pferden hätte ich vor fünf Jahren nicht so viel gewonnen wie 2018.

Wie erkennen Sie das Potenzial eines Pferdes?

Das ist das Ding. Jedes Pferd hat Potenzial. Man muss aber viel Zeit mit den Tieren verbringen und zusammen arbeiten. Dafür muss ich Lust haben. Die habe ich nur, wenn ich das Tier gerne habe. Für mich ist wichtig, dass das Gefühl gut ist.

Was ist das für ein Gefühl?

Auch wenn das Pferd Fehler macht, muss ich spüren: Mit dem Tier will ich arbeiten, mit dem will ich Zeit verbringen. Für mich kann es nur so gehen. Ich habe lieber ein Pferd, dass weniger spektakulär und gut springt, aber bei dem das Gefühl stimmt. Jedes Pferd kann beim Probetraining über 1,50 Meter springen, doch wenn du dann zu Hause bist, ist alles anders. Dann beginnen die Probleme. Es bockt oder macht Fehler. Wenn ich das Tier gern habe, sage ich: «Ok, das war nicht gut heute, aber morgen geht es weiter.» Bei Tieren, die ich nicht so gerne mag, denke ich: «Oh nein, morgen muss ich das Pferd schon wieder reiten.» Das darf es meiner Meinung nicht geben.

Hatten Sie jemals keine Lust auf eines Ihrer Pferde?

Nein, eben nicht. Weil ich nur mit Pferden arbeite, die ich gerne habe.

Wie muss ein Pferd sein, damit Sie es mögen?

Es muss viel Blut haben.

Blut?

Ja, so nennen wir Reiter das, wenn ein Pferd viel Energie hat.

Hätten Sie eine Sieg-Chance, wenn Sie im Wettkampf ein Pferd eines Kollegen reiten würden?

Die Pferde sind alle gut ausgebildet. Ein gutes Resultat läge drin, aber für den Sieg muss ich die Einzelheiten des Pferdes genau kennen. Ich habe aber keine Freude daran, mit einem nicht von mir ausgebildeten Pferd etwas zu gewinnen.

Warum nicht?

Ich nehme lieber ein Pferd, das niemand kennt. Vielleicht sogar eines, bei dem die Leute sagen, dass es nichts gewinnen kann, und bilde es aus. Dann habe ich viel mehr Freude am Erfolg.

Steve Guerdat ist seit einem Jahr mit der französischen Amateur-Springreiterin Fanny Skalli zusammen:

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Wie kommunizieren Sie mit Ihren Pferden?

Pferde verstehen kein Wort. Mit Sprache geht da nichts. Ich bin mir aber sicher, dass dir durch meinen Umgang mit ihnen spüren, wie es mir geht und was ich will. Es ist schwierig, das zu beschreiben, aber ich kommuniziere mit Gefühlen und der Beziehung, die ich zu den Tieren aufbaue.

Warum reiten in der Kindheit vor allem die Mädchen, während bei den Profis die Männer in der Überzahl sind?

Gute Frage. Ich verstehe, dass Jungs vielleicht lieber Fussball spielen, während Mädchen ihr Pony pflegen. Warum es bei den Profis anders aussieht, weiss ich auch nicht.
Finden Sie es fair, dass bei den Reitern Frauen gegen Männer antreten?
Ja. Ich glaube, das ist eine Super Sache. Das gibt es nicht oft. Im Reiten entscheidet immer das Paar. Da gibt es weiblich und weiblich, männlich und männlich oder beide Geschlechter gemischt. Am Schluss gewinnt das beste Duo.

Wie war das in Ihrer Kindheit? Wurden Sie gemobbt, weil Sie als Junge reiten statt kicken gingen?

Nein. Ich hatte immer viele Freunde. Natürlich gab es auch Neider, doch ich habe mir nie gross einen Kopf gemacht, was die Leute über mich sagen.

Seit zwei Jahren haben Sie in Elgg Ihren eigenen Reitstall. Züchten Sie dort auch?

Ich habe zwar ein paar Fohlen, die von meinen Wettkampfpferden stammen, doch das ist mehr ein Spass. Reiter und Züchter sind zwei komplett unterschiedliche Berufe. Ich habe grössten Respekt vor dem, was die Züchter im Hintergrund machen.

Wie wählen Sie aus, welches Pferd, welchen Wettkampf macht?

Da achte ich auf die Grösse und die Akustik der Halle, auf die Parcoursbauer, auf die Sprünge, ob es Sand oder Grass, Halle oder draussen ist. Ausserdem versuche ich, meine Pferde durch gezielte Vorbereitung und Pausen perfekt auf die Saisonhöhepunkte vorzubereiten.

Wie erkennen Sie Überbelastung?

Wichtig ist, die Pferde nur gesund und nicht zu oft einzusetzen. Die Tiere können sich im Wettkampf zum Beispiel bei einer schlechten Landung oder auch im Stall, bei der Reise oder auf der Weide verletzten.

Mussten Sie je eines Ihrer Pferde einschläfern?

Ja. Jalisca. Sie war meine Lieblingsstute, das liebste Pferd, dass ich je hatte. Ich war auf dem Weg zum CSI Zürich, als das Telefon kam, dass sich Jalisca zu Hause auf der Weide ein Bein gebrochen hat. Da war es vorbei. Pferden kann man keinen Gips verpassen. Ein Beinbruch bedeutet meist den Tod.

Steve Guerdat auf Jalisca

Steve Guerdat auf Jalisca

Den CSI Zürich gibt es nicht mehr. Basel hat den Weltcup-Status übernommen. Wie hat sich das Turnier entwickelt?

Basel war ab Jahr 1 wirklich immer top. Viel zu verbessern gab es nie. Es ist schön, zu sehen, wie die Zuschauer mit dem Turnier mitwachsen. Für mich kommt es leider immer etwas früh im Jahr. Weil meine Spitzen-Pferde im Januar und Februar Pause machen. Trotzdem hatte ich auch hier schon gute Resultate und will am Sonntag im ersten Weltcup angreifen.

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