Kolumne

Der weisse Ritter der Strafräume

Der Captain des FC Zürich Fritz Künzli hält nach dem 1:0-Sieg beim Cup-Final zwischen dem FCZ und dem FC Basel am 22. Mai 1972 im Wankdorfstadion in Bern den Siegerpokal in die Höhe.

Der Captain des FC Zürich Fritz Künzli hält nach dem 1:0-Sieg beim Cup-Final zwischen dem FCZ und dem FC Basel am 22. Mai 1972 im Wankdorfstadion in Bern den Siegerpokal in die Höhe.

Erst Karl Grob, dann Köbi Kuhn und jetzt auch Fritz Künzli. Wie kann das nur sein? Die «weissen Ritter» schienen doch unsterblich.

Klaus Zaugg

Klaus Zaugg

Kindheitserinnerungen geprägt. In den 1960er-Jahren ist jeder Kick um die nationale Meisterschaft ein Ereignis und bei einem Länderspiel wird ein Hochamt des Sportes gefeiert. Der FC Zürich spielt in Weiss. Auf allen Bildchen tragen die Zürcher diesen blütenweissen Dress. Sie sind die Edlen des Sportes. Die weissen Ritter. Immer wieder habe ich ein kleines Büchlein aus dem Jahr 1968 durchgeblättert. Es hiess «FCZ-Story», kostete am Kiosk zwei Franken und darin sind sie alle abgebildet. Jeder mit Berufsbezeichnung: Karl Grob, Maurer. Köbi Kuhn, Tiefdruck-Ätzer.

Am meisten fasziniert mich Fritz Künzli, Kaufmann. Das schwarz-weisse Staatsfernsehen bringt im Sommer 1968 ein Porträt über ihn. Befragt wird er von Jan Hiermeyer, auch er so eine Ikone aus einer Zeit, als der Sport noch rein und gut war. Fritz Künzli sagt über seine Hobbys: «Beat-Musig u Büecher läse». Ich erfahre, dass er bei einer Schlummermutter namens Frau Bolli untergekommen ist. «Beat-Musig!». Für einen Schulbuben vom Land ist er ein Rebell! Ein Popstar. Aber eben auch ein weisser Ritter und kein Hallodri. Er lebt ja bei einer Schlummermutter und liest Bücher. Von Geld ist nie die Rede, und wenn wir das Wort Profi im Sport hören, denken wir an Cassius Clay.

Länderspiele werden von Radio Beromünster direkt übertragen und die Worte des Reporters formen im Kopfkino die Bilder von Heldengestalten. Da ist dieses EM-Qualifikationsdrama im November 1968 im Wankdorf gegen Italien. Gebannt lausche ich der Stimme des Reporters. Fritz Künzli trifft mit einem Hechtköpfler zum 2:1. Am Ende steht es 2:2. Kindheitserinnerungen für die Ewigkeit, und der Held dieser Erinnerungen ist Fritz Künzli, der weisse Ritter der Strafräume, den nicht einmal die weltberühmten italienischen Eisenfüsse um Giacinto Facchetti aufzuhalten vermögen. Nun ist auch Fritz Künzli nicht mehr. Es ist, als sei mit ihm die Zeit des guten, des schönen, des ehrlichen, des reinen Fussballs für immer passé.

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