Tennis
Der Wechsel von Sand auf Rasen: Was macht ihn so herausfordernd?

Der Wechsel von Sand auf Rasen gilt im Tennis als der schwierigste überhaupt. Was macht ihn so herausfordernd?

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Roger Federer gab in Stuttgart auf Rasen sein Comeback nach einer kurzen Auszeit.

Roger Federer gab in Stuttgart auf Rasen sein Comeback nach einer kurzen Auszeit.

Keystone

«Gras ist nur was für Kühe», sagt Ivan Lendl einmal, der achtfache Grand-Slam-Sieger und heutige Trainer von Wimbledon-Sieger Andy Murray. Während fünf Wochen im Juni und Juli wird auf Gras Tennis gespielt. Da sind Worte wie jene von Lendl ein Ärger für die Greenkeeper, welche sich um die besonders pflegeintensive Unterlage kümmern und die Grashalme an jedem Spieltag auf die vorgegebenen acht Millimeter trimmen. Sie sind aber letztlich einzig als beleidigter Kommentar eines Mannes zu werten, dem am Ende der Karriere nur eines gefehlt hat: der Titel in Wimbledon.

Wirkung des Aufschlags

Der grösste Unterschied zwischen schnellem Rasen und langsamem Sand wirkt beim Aufschlag. Zwar unterscheiden sich die Tempi bei der Spieleingabe nicht, weil diese in der Luft gemessen werden. Entscheidend ist vielmehr der Absprung, der auf Rasen deutlich flacher ausfällt. Auf der grünen Unterlage werden die meisten Asse geschlagen (0,61 pro Game bei den Männern). Auf Sand sind es gerade einmal 0,35 Asse pro Game.

Nach den French Open ist vor Wimbledon. Aus Rot wird Grün, aus rutschigem Sand stumpfer Rasen. Der Untergrund, die Bälle, die Geschwindigkeit, sogar die Akustik verändert die Physiognomie des Spiels fundamental.

Ivo Karlovic schiesst 45 Asse in einem Spiel:

Ist das Grün in tadellosem Zustand, dämpft es den Drall, die Bälle springen weniger hoch ab, flache Ballwechsel sind die Folge. Durch die Abnutzung gleichen sich diese Parameter aber im Verlauf eines Turniers wieder an Sand- oder Hartplätze an. Das mag eine Erklärung dafür sein, wie Rafael Nadal das Turnier 2008 und 2010 gewinnen konnte, bei den letzten fünf Teilnahmen aber jeweils früh scheiterte.

Länge der Ballwechsel

Wie sehr sich das Spiel auf den unterschiedlichen Belägen inzwischen angeglichen hat, verdeutlicht die Länge der Ballwechsel. So dauerte in Wimbledon in den 90er-Jahren ein Ballwechsel bei den Männern durchschnittlich nur 2,7 Sekunden. 2008 (aktuellste Messungen) waren es schon 5,5 Sekunden. Auf Sand verringerte sich die durchschnittliche Dauer eines Ballwechsels in der gleichen Periode dagegen von 8,3 auf 7,5 Sekunden.

Das Spiel auf Rasen hat sich anderen Belägen angeglichen

Rasen ist derzeit en vogue. Dass bei den Männern inzwischen acht Turniere auf dieser Unterlage ausgetragen werden, begrüssen längst nicht alle. Toni Nadal sagt: «Ein Fehler. Das Spiel ist zu schnell. Stopps, Lobs, Winkel, lange Ballwechsel – davon gibt es heute viel zu wenig. Wir sehen ja nur noch Kanonenschüsse.»

Die längsten Ballwechsel im Tennis:

Grotesk: Er amtet in seiner Heimat Mallorca als Direktor eines Frauenturniers. Belag? Rasen. Allerdings hat sich das Spiel auf Rasen in den letzten Jahren an jenes auf anderen Belägen angeglichen, weil die Plätze inzwischen so gut sind und das Material derart ausgereift ist, dass selbst Sand- und Grundlinienspezialisten mithalten können.

Andere Bälle, andere Schuhe

Anderer Untergrund, anderes Material. Auf Rasen sorgen drei Millimeter lange
Noppen für Halt. Die meisten Spieler wechseln auch ihre Schläger, oder verändern die Bespannung. Auf dem langsameren Sand ist Kraft gefragt, auf dem schnelleren Rasen hingegen Kontrolle. Der Veranstalter bestimmt den Ball. Während in Roland Garros mit Babolat-Bällen gespielt wird, schlagen die Athleten in Wimbledon mit Modellen der Marke Slazenger auf.

Trotz dem frühen Ausscheiden in Stuttgart ist Roger Federer mit 15 Titeln der erfolgreichste Rasenspieler der Geschichte. Als er am Montag in Stuttgart trainiert, lässt sich Rafael Nadal in Paris vor dem Eiffelturm zum zehnten Mal mit seiner Lieblingssilberware, der Coupe des Mousquetaires, fotografieren.

Auf dem langsameren Sand ist Kraft gefragt, auf dem schnelleren Rasen hingegen Kontrolle.

Auf dem langsameren Sand ist Kraft gefragt, auf dem schnelleren Rasen hingegen Kontrolle.

KEYSTONE/EPA/RONALD WITTEK

Es wirkt wie eine Stabsübergabe der beiden erfolgreichsten Spieler der Geschichte. Der Sandkönig krönt sein Schaulaufen auf Sand mit einem Erfolg historischer Tragweite, während Federer nach zehnwöchiger Pause zurückkehrt. Vor Augen: den achten Erfolg in Wimbledon. Auch das wäre, natürlich, historisch.

Rasen im Aufwind

Entgegen der weitverbreiteten Meinung werden nur 22 der 66 Turniere im ATP-Kalender auf Sand ausgetragen. 1995 waren es noch 33 auf Sand, 29 auf Hartplatz, sechs auf Rasen und 19 auf dem inzwischen verschwundenen Teppich. 2017 werden 37 Turniere auf Hartplätzen ausgetragen, 22 auf Sand und 8 auf Rasen. Neu wird in dieser Saison in der Vorwoche von Wimbledon auch in Antalya, Türkei, ein Rasenturnier ausgetragen.

Mit einem neunten Turniersieg in Halle kann er Nadal (ATP 2), Stan Wawrinka (ATP 3) und Novak Djokovic (ATP 4) nicht in der Weltrangliste, dafür aber in der Setzliste für Wimbledon überholen. Wohl auch deswegen erwägt der Serbe einen Start in Eastbourne, während Nadal pausiert. Er sei emotional und physisch ausgelaugt. Sechs Mal spielte er im Queen’s Club, fünf Mal erreichte er danach in Wimbledon den Final. «Ich vermisse es, auf Rasen gut zu spielen», sagt er noch in Paris, äussert aber auch Bedenken wegen seiner Knie. «Wenn es nicht gehen sollte, dann spiele ich auch in Wimbledon nicht.» Wie ernst er das meint? Fraglich. Roger Federer jedenfalls rechnet auch auf Rasen mit dem Sandkönig.