Lauberhorn
Der Vergleich: Warum uns Norwegen um die Ohren fährt

Der Schweiz fehlen im Männerteam die Stars, während in Norwegen immer neue Talente erscheinen. «Die Nordwestschweiz» hat vor dem Klassiker am Lauberhorn in Wengen mit denen gesprochen, die die Gründe dafür kennen.

Martin Probst, Wengen
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Der Norweger, der die Schweizer in den Schatten stellt: Der vierfache Saisonsieger Kjetil Jansrud startet am Lauberhorn zum Training.

Der Norweger, der die Schweizer in den Schatten stellt: Der vierfache Saisonsieger Kjetil Jansrud startet am Lauberhorn zum Training.

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Trotz der verletzungsbedingten Abwesenheit von Superstar Aksel Lund Svindal dominiert ein Norweger. Kjetil Jansrud ist mit vier Saisonsiegen erfolgreicher als alle Schweizer Athleten zusammen (kein Sieg). In der Nationenwertung liegt das norwegische Männerteam – mit dem nächsten, erst gerade 20-jährigen, Ausnahmekönner Henrik Kristoffersen – vor jenem der Schweizer auf Rang vier. Wie ist es möglich, dass eine kleine Skination die Schweiz überholt hat und immer wieder neue Stars hervorbringt? «Die Nordwestschweiz» hat vor dem Klassiker am Lauberhorn in Wengen mit denen gesprochen, die es wissen müssen: Der Schweizer Chef alpin Rudi Huber und der norwegische Alpindirektor Claus Ryste geben Antworten.

Faktor Know-how

Rudi Huber sagt: «Als einen Hauptgrund für die starken Entwicklungen im Skisport Norwegens sehe ich den Know-how-Transfer. Ihnen gelingt es vorzüglich, Wissen zu bündeln und weiterzugeben.» In der Schweiz sieht Huber Potenzial für Verbesserungen. Seine Ideen will der Österreicher nicht verraten, «um keine Vorteile gegenüber der Konkurrenz preiszugeben». Fakt aber ist: Bereits kurz nach den Rücktritten von Didier Cuche oder Daniel Albrecht stellten sich Ski-Exponenten die Frage, ob Swiss-Ski nicht von deren Erfahrungen profitieren müsste. Huber sagt: «Das nehmen wir ernst.» Daniel Albrecht selbst hat schon signalisiert, grundsätzlich interessiert an einem Job zu sein.

Fakt ist aber auch: Noch nie zuvor arbeiteten mehr ehemalige Athleten für Swiss-Ski als jetzt. Franz Heinzer, Steve Locher oder Didier Plaschy beweisen, dass es in Sachen Know-how-Transfer in die richtige Richtung geht. Doch in Norwegen funktioniert die Weitergabe von Wissen und Erfahrungen noch ein Stück besser. Ryste sagt: «Svindal und Jansrud profitierten von Weltklasse-Athleten wie Kjetil André Aamodt und Lasse Kjus, die Jungen profitieren von Svindal. Zu Beginn der 90-Jahre haben wir eine Leistungskultur aufgebaut, die wir bis heute hochhalten. Alle arbeiten für ein Ziel: Wir wollen die Besten sein und bleiben.»

Diesen Wissenspool gibt es auch in der Schweiz. «Es ist sehr viel Know-how vorhanden», sagt Rudi Huber. «Ich stelle aber oft ein Konkurrenzdenken fest.» Zum Beispiel in den regionalen Skiverbänden. Statt gemeinsam voranzukommen, wählten noch zu viele den individuellen Weg, bemängelt Huber. Der Österreicher ist nicht der erste, der dies kritisiert. Bei Swiss-Ski spricht man schon seit Jahren von einer besseren Vernetzung. Huber hat es sich zur Kernaufgabe gemacht, den Dialog mit allen Instanzen zu suchen. Ein Problem sei «das Gärtchendenken», das teilweise zu ausgeprägt ist. Diese Barrieren will er einreissen.

In Norwegen ist die Nachwuchsarbeit zentraler organisiert. Nach der Erstausbildung trainieren die Talente aus verschiedenen Sportarten gemeinsam im Olympia-Stützpunkt in Oslo. Ryste sagt: «Unser Wissen wird kompakt genutzt und weitergegeben. Dieser Austausch untereinander, aber auch die Challenge, mit den Besten zu fahren, ist ein Grund für unsere Erfolge.» Huber entgegnet: «Mit den nationalen Leistungszentren sind wir in der Schweiz auf gutem Weg. In der Sportschule Magglingen haben wir einen Austausch unter den Sportarten. Trotzdem sind die Strukturen in Norwegen, auch zulasten des Breitensports, schlanker und effizienter.» Huber plant eine einheitlichere und vor allem ganzjährig zentrale Betreuung der Skifahrer.

Faktor Zeit

Ein weiterer Punkt, der laut Huber im Vergleich mit Norwegen eine Rolle spielt, ist die Skiverrücktheit. Wenn am Sonntag die Lauberhornabfahrt stattfindet, schauen in der Schweiz mehr als eine Million Menschen zu. Der Skisport ist ein nationales Heiligtum. Da können die Snowboarder springen, die Skispringer fliegen und die Langläufer laufen: Versagen Beat Feuz und Co., steckt der ganze Skiverband in der Krise.

In Norwegen steht der alpine Skisport klar im Schatten der nordischen Athleten. Die Langläufer um Peter Northug werden als Volkshelden verehrt. Rudi Huber ist überzeugt: «Weil die Erwartungen an Norwegens Skifahrer geringer sind, nimmt das Druck. In der Schweiz wird zu früh, zu viel von den Athleten erwartet. Svindal oder Jansrud konnten sich in Ruhe der Spitze nähern, ohne, dass deren Leistungen je zu einem Thema wurden.» Aksel Lund Svindal, 11-facher Medaillengewinner an Grossanlässen, gab sein Debüt im Weltcup 2001. Der erste Sieg gelang ihm 2005. Noch ausdruckstärker ist die Statistik von Kjetil Jansrud, mit Gold, Silber und Bronze bereits dreifacher Olympiamedaillengewinner. Debüt im Weltcup: 2003. Erster Sieg: 2012.

Ryste sagt: «Wir denken langfristig und planen langfristig. Wir nehmen dafür auch ein schlechteres Jahr in Kauf, ohne in Panik zu verfallen.» Huber ist überzeugt: «Weil der Skiverband von Norwegen nicht jede Enttäuschung erklären muss, können alle gelassener und damit auch erfolgreicher arbeiten.»Ryste entgegnet: «Wir haben Druck. Doch wir haben flache Strukturen und eine flache Hierarchie. Statt Schuldige zu suchen, finden wir gemeinsam eine Lösung.»

Gegen diese These spricht, dass die norwegischen Langläufer in der Heimat ähnlich zur Leistungserbringung verdammt sind, wie in der Schweiz die Skifahrer. Trotzdem erfüllen sie die Erwartungen. Was uns zu einem letzten Faktor bringt.

Faktor Mentalität

Neben dem Faktor Talent, der für Erfolge essenziell ist, sieht Ryste einen Mentalitätsvorteil bei den Norwegern. «Wir Norweger arbeiten härter und länger als andere. Will ein junger Athlet zu den Besten aufschliessen, muss er mehr machen und härter trainieren als die Stars. Denn diese haben das früher auch getan.» Rudi Huber sieht das ähnlich: «In Norwegen wird die Physis der Athleten enorm gefördert. Ich stelle einen unbedingten Willen fest, besser zu werden.» Huber will dies auch in der Schweiz stärker fördern. Er hat dafür einen Posten zur Qualitätskontrolle der Schweizer Kraft- und Konditionsarbeit geschaffen.

Eines ist Huber wichtig zu betonen: «Betrachtet man die Situation bei den Frauen, erhält man ein anderes Bild.» Ryste kündigt aber an: «In wenigen Jahren werden wir auch bei den Frauen dominieren.»