Guillaume Hoarau ist ein grandioser Fussballer. Seine Tore haben dem 35-Jährigen nach 32 Jahren endlich wieder einen Titel eingebracht. Aber wahrscheinlich hätte der Franzose von der Insel La Réunion ebenso ein grosser Sänger werden können.

Die rund 500 Tickets sind in wenigen Stunden ausverkauft. Hoarau tritt in der Mühle zu Hunziken vor den Toren der Stadt Bern auf. Diese «Reitschule der Anständigen» ist definitiv der coolste Musikclub im Land.

«Vor drei Jahren war ich einmal hier, und es war mein Traum, hier auftreten zu können, und ihr lebt nun mit mir diesen Traum», wird Hoarau im Laufe des Donnerstagabends einmal zum Publikum in einem charmanten Mix aus Französisch, Englisch und Berndeutsch sagen. Ja, er lebt an diesem Abend seinen Traum.

Die Skepsis verfliegt nach kürzester Zeit

Aber die Skepsis im Vorfeld ist erheblich. Singende Sportstars gibt es seit Anbeginn der modernen Zeiten. Vom deutschen Boxidol Bubi Scholz bis zu Vreni Schneider. Diesen Versuchen haftete schon immer etwas Tragikomisches an. Und so verwundert es nicht, dass vor dem Konzert die Chronistin eines Lokalblattes einen in Ehren ergrauten Gentleman anspricht und fragt: «Warum haben Sie 40 Franken ausgegeben, um schlechte Musik zu hören?»

Aus Skepsis wird in kürzester Zeit Begeisterung. Das liegt einerseits an der Band und andererseits an Hoarau. Er tritt mit «Fusion Square Garden», der besten Reggae-Formation im Land, auf. Wie ein roter Faden wird sich durch das Programm seine Verehrung für Bob Marley ziehen, und er hält sich weitgehend an Marley-Klassiker.

Der Fussballstar hat nicht die klangvolle Stimme von Mauro Corchia, dem kultigen Sänger der Band, der zwischendurch kurz auftreten wird. Und auch nicht dessen Temperament. Fast entschuldigend erklärt der YB-Kabinen-DJ, man habe halt nur zweimal gemeinsam geübt.

Hoarau überzeugt als charismatischer Sänger 

Aber er fügt sich in die Musik ein, trifft jeden Ton, und es ist, als toure er schon jahrelang durch die Lande. Der ehemalige französische Nationalspieler ist ein charismatischer Sänger und interpretiert den Reggae auf eine besondere Art und Weise: Er ist ja zurzeit blessiert und darf nicht spielen. Deshalb steckt ein Fuss in einem dicken Gipsstiefel. Durch diesen «Skischuh» hat er etwas von einem durchs Schicksal gefesselten, traurigen Reggae-Prinzen. Er «beschleunigt» den Reggae nicht. Hoarau verlangsamt ihn und gibt ihm etwas Verträumtes, ja Bluesiges, Melancholisches.

Er beginnt mit seinem Konzert kurz nach 20 Uhr und steht, nur von einer Pause unterbrochen, bis kurz vor 23 Uhr auf der Bühne. Wenn Hoarau singt, mit einer sanften, erotischen Stimme, geht er so in seiner Musik auf, dass ihm am Schluss beinahe die Stimmbänder versagen.

Und am Schluss verabschiedet sich der Fussballstar, der sich in einen Sänger verwandelt hat, natürlich nach Zugabe, gemeinsam mit einer Band, die jetzt «seine» geworden ist, durch tiefe Verbeugungen. Wer gekommen ist, um einen singenden Fussballstar zu sehen, hat einen hochbegabten, fussballspielenden Musiker erlebt. Aber hat guter, magischer Fussball nicht auch etwas mit Musik zu tun?