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Der Tour de Ski fehlt ein zweites Ausrufezeichen mit «Aha-Erlebnis»

Der Norweger Simen Krueger auf dem Weg zum Tagessieg auf der Alpe Cermis zum Abschluss der Tour de Ski.

Der Norweger Simen Krueger auf dem Weg zum Tagessieg auf der Alpe Cermis zum Abschluss der Tour de Ski.

Die Tour de Ski der Langläufer braucht eine Frischzellenkur. Änderungen sind aber nicht so einfach umzusetzen.

Zum 14. Mal quälten sich die Langläufer am Sonntag den steilen Hang zur Bergstation hinauf, wo sonst Hobby-Skifahrer ins Val di Fiemme runterflitzen. Und mit offiziell 20000 Zuschauern an der Piste war der Publikumserfolg erneut gross. Das kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Tour de Ski an Prestige eingebüsst hat und sich neu erfinden oder zumindest reformieren muss.

Sportlich verlief die diesjährige Ausgabe optimal. Bei den Männern starteten drei Läufer mit der zeitlichen Differenz von 15 Sekunden in die Schlussetappe, bei den Frauen vier Läuferinnen mit dem Unterschied von 23 Sekunden.

Unheilige Dominanz aus Norwegen und Russland

Eines der Probleme: Alle sieben Athleten, die um den Sieg kämpften, kamen aus Norwegen oder Russland. Es ist das zweite Jahr in Folge, dass die ersten zwei beider Geschlechter von den beiden Langlauf-Grossmächten gestellt werden. Das Problem der Tour de Ski ist, dass der Langlauf in den wichtigen Märkten in Mitteleuropa in der Krise steckt.

In den ersten vier Jahren der Tour de Ski gewannen Läuferinnen und Läufer aus sechs Ländern (Schweiz, Deutschland, Tschechien, Schweden, Finnland und Polen). In den vergangenen sieben Jahren kam die Siegerin immer aus Norwegen, der Sieger mit einer Ausnahme aus Russland und Norwegen.

Die Ausnahme war Dario Cologna bei seinem vierten Triumph 2018. Entsprechend nahm das Interesse in wichtigen TV-Märkten wie Deutschland, Polen oder auch Italien rapide ab. Symbol dieses Niedergangs ist die schwierige Suche nach Austragungsorten. Erst zum zweiten Mal nach 2006/07 machte die Tour nicht in Deutschland Station, weil Oberstdorf sich auf die Nordisch-WM vom nächsten Jahr vorbereitet. Dass sie mit Lenzerheide und Südtirol/Trentino nur gerade in zwei Regionen präsent war, gefällt auch Jürg Capol, dem Schweizer Marketingchef der FIS und einem der «Erfinder» der Tour de Ski, nicht.

Er würde gerne Seefeld in Österreich mit im Boot sehen, doch nach dem Dopingskandal vom vergangenen Jahr im österreichischen Langlauf sei dies derzeit chancenlos. Selbst in Lenzerheide, das in zwei Jahren auf jeden Fall nochmals Etappenort ist, tut man sich mit dem Zusammenkratzen des Budgets schwer. Man bangt um eine Zukunft ohne das Aushängeschild Cologna.

Zu teuer und zu anstrengend für Johaug

Capol bedauert auch den Wegfall der 35 Kilometer langen und ebenfalls telegenen «Überführungsetappe» von Cortina d’Ampezzo nach Toblach. Die vielen Massenstartrennen sind zwar für die Zuschauer attraktiver als Einzelstarts, machen es aber einem Athleten wie Colo­gna fast unmöglich, die Bonussekunden wettzumachen, die er in den Sprints unweigerlich verliert. Lange Etappen bergen die Gefahr, dass grosse Abstände entstehen und eine frühe Entscheidung fällt.

Der Tour de Ski fehlt aber ein zweites Ausrufezeichen mit «Aha-Erlebnis» neben der Alpe Cermis. Verschwunden sind zum Beispiel die City-Sprints vor spektakulären Kulissen, wie sie zu Beginn der Tour in München oder Prag stattfanden.

Aufstieg zur Alpe Cermis. Im Fokus: Dario Cologna.

Aufstieg zur Alpe Cermis. Im Fokus: Dario Cologna.

Capol zeigt aber auch auf, dass zusätzliche Etappenorte ­logistische Herausforderungen mit sich bringen. «Für die Läufer würde es im ohnehin gedrängten Programm zusätzlichen Reisestress bedeuten.»

Dass die Tour de Ski selbst bei Topathleten keine uneingeschränkte Priorität mehr geniesst, zeigt Therese Johaug. Die Dominatorin liess im vergangenen Winter die Tour aus, um sich besser auf die WM vorbereiten zu können. Nun gewann sie zum dritten Mal, doch sie drohte auch für nächstes Jahr mit einer möglichen Absenz. «Sie sprechen von einer Verlängerung auf acht Etappen in zehn Tagen und einem Start nach Neujahr», sagt die Norwegerin. «Ich halte das für keine gute Idee, weil dann die Zeit zur WM noch kürzer wird. Ich hoffe, sie gehen vor der Programmgestaltung im Frühling nochmals über die Bücher.»

Die grosse Konkurrenz aus Skandinavien

Das Spannungsfeld für die Tour bleibt also gross. Die Musik spielt derzeit in Skandinavien, wo vom 16. bis 23. Februar erstmals eine zweite Tour stattfin- det – unter anderem mit einem Rennen über 38 Kilometer über die Grenze von Schweden nach Norwegen. Dennoch glaubt Capol an die Tour de Ski. Sie macht aktuell über einen Drittel der TV-Präsenz im Langlauf-Weltcup aus. Und es gibt auch gute Entwicklungen. In Russland übertrug in diesem Jahr mit Channel One ein frei empfangbarer Sender die Tour de Ski, was Millionen zusätzliche Zuschauer brachte.

In Deutschland war die Präsenz grösser als in den vergangenen Jahren. Dass mit Katharina Hennig eine Deutsche in der fünften Etappe aufs Podest lief, half natürlich ebenfalls.

Es ändert aber nichts daran, dass die Tour de Ski Wege finden muss, um wieder attraktiver zu werden. Es braucht einen grossen Wurf – wie Capols verrückte Idee mit der Alpe Cermis.

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