Eishockey
Der Teufelskerl und die Reife: Nico Hischier ist die grösste Schweizer Hoffnung auf Eis

Er wurde als erster Schweizer an einem NHL-Draft an erster Stelle gezogen. Nico Hischier (18) ist ein Phänomen – Begegnung mit der grössten Schweizer Hoffnung auf Eis.

Etienne Wuillemin
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Gab in Bern den Medien Auskunft: Nico Hischier.

Gab in Bern den Medien Auskunft: Nico Hischier.

KEYSTONE/THOMAS DELLEY

Vielleicht lässt sich die Wahrheit an seinen Füssen ablesen. Nico Hischier betritt den Berner Eishockeytempel. Er wird erklären, wie sich die Welt für ihn verändert hat, seit er vor 12 Tagen als erster Schweizer überhaupt als Nummer 1 im NHL-Draft gezogen wurde. Hischier trägt Havaianas. Und verbreitet damit ein wenig brasilianisches Strandfeeling. Und genauso locker und entspannt erklärt er sich.

Der 18-Jährige ist dazu auserkoren, ein NHL-Star zu werden. Er soll die New Jersey Devils wieder an die Spitze führen. Es ist eine teuflische Mission. Denn die Fallhöhe ist beträchtlich. Der Hype um Hischier hat Erwartungen geschürt, die eigentlich kaum zu erfüllen sind. Reisen im Privatjet. Hier ein Essen. Da ein Baseballspiel. Dort eine Medienpräsentation. Hischier hat nach dem Draft Tage erlebt, in denen er überall vorgezeigt wurde, als wäre er eine Trophäe. Sogar ein Sandwich ist nach ihm benannt worden. «Es schmeckt gut», sagt er und lacht.

Die Aussicht auf den Stanley-Cup

Und doch ist die Hoffnung da, dass dieser junge Mann gut mit den Erwartungen umgehen kann. Gestern in Bern jedenfalls trifft die versammelte Schweizer Presse einen entspannten und ziemlich souveränen Nico Hischier. Er wirkt viel reifer als manch Erwachsener. Er erzählt nüchtern, aber gehaltvoll.

Die brachliegenden Fettnäpfchen umgeht er mit Bravour. Schnell merken die Anwesenden: Die Chance, ihn zu einer pfiffigen, vielleicht etwas unüberlegten Aussage zu bewegen, sind gering. Hischier pariert die Fragen so meisterhaft wie einst der legendäre Martin Brodeur die Pucks im Tor der New Jersey Devils. Einige Auszüge?

Nummer-1-NHL-Draftpicks seit 1984:

1984: Mario Lemieux, Stürmer, Pittsburgh Penguins
34 Bilder
1985: Wendel Clark, Stürmer, Toronto Maple Leafs
1986: Joe Murphy, Stürmer, Detroit Red Wings
1987: Pierre Turgeon, Stürmer, Buffalo Sabres
1988: Mike Modano, Stürmer, Minnesota North Stars
1989: Mats Sundin, Stürmer, Québec Nordiques
1990: Owen Nolan, Stürmer, Québec Nordiques
1991: Eric Lindros, Stürmer, Québec Nordiques
1992: Roman Hamrlík, Verteidiger, Tampa Bay Lightning
1993: Alexandre Daigle, Stürmer, Ottawa Senators
1994: Ed Jovanovski, Verteidiger, Florida Panthers
1995: Bryan Berard, Verteidiger, Ottawa Senators
1996: Chris Phillips, Verteidiger, Ottawa Senators
1997: Joe Thornton, Stürmer, Boston Bruins
1998: Vincent Lecavallier, Stürmer, Tampa Bay Lightning
1999: Patrik Stefan, Stürmer, Atlanta Trashers
2000: Rick DiPietro, Goalie, New York Islanders
2001: Ilja Kowaltschuck, Stürmer, Atlanta Trashers
2002: Rick Nash, Stürmer, Columbus Blue Jackets
2003: Marc-André Fleury, Goalie, Pittsburgh Penguins
2004: Alexander Owetschkin, Stürmer, Washington Capitals
2005: Sidney Crosby, Stürmer, Pittsburgh Penguins
2006: Erik Johnson, Verteidiger, St. Louis Blues
2007: Patrick Kane, Stürmer, Chicago Blackhawks
2008: Steven Stamkos, Stürmer, Tampa Bay Lightning
2009: John Tavares, Stürmer, New York Islanders
2010: Taylor Hall, Stürmer, Edmonton Oilers
2011: Ryan Nugent-Hopkins, Stürmer, Edmonton Oilers
2012: Nail Jakupow, Stümer, Edmonton Oilers
2013: Nathan MacKinnon, Stürmer, Colorado Avalanche
2014: Aaron Ekblad, Verteidiger, Florida Panthers
2015: Connor McDavid, Stürmer, Edmonton Oilers
2016: Auston Matthews, Stürmer, Toronto Maple Leafs
2017: Nico Hischier, Stürmer, New Jersey Devils

1984: Mario Lemieux, Stürmer, Pittsburgh Penguins

Keystone

Auston Matthews schiesst in seinem ersten NHL-Spiel vier Tore – und Nico Hischier? «Wohl kaum vier. Aber ich mache nicht den Fehler und vergleiche mich mit meinen Vorgängern – ich bin ich.» Oder: Vor dem Draft durften Sie ein Spiel des Stanley-Cup-Finals besuchen, trauen Sie sich auch zu, einmal dort auf dem Eis zu stehen? «Ja, das traue ich mir zu. Aber ich weiss, dass ich noch lange nicht so weit bin und vieles nicht vorhersehbar ist.» Oder, ganz heikel, wenn ein Walliser Journalist den Walliser Hischier fragt, ob ihm Naters oder New York, die Heimat oder die grosse Welt, mehr bedeutet. «Ich fühle mich überall wohl.»

Ja, auf Hischier wartet die grosse Welt. Um dafür gerüstet zu sein, bestreitet er derzeit in Bern ein individuelles Sommertraining. Von 9.00 Uhr bis 11.30 jeden Morgen. Dazu dreimal pro Woche noch 90 Minuten am Nachmittag. Vor allem ein Ziel hat er sich dabei vorgenommen. «Ich möchte zwischen drei und fünf Kilo zunehmen.» Muskeln, wohlgemerkt. Um die Wege kurz zu halten, wohnt er in Bern bei seinem grösseren Bruder Luca, der im Frühling mit dem SCB Meister wurde.

Nächste Woche wird Hischier nach Amerika reisen und das Rookie-Camp der Devils bestreiten. Im September folgt das Hauptcamp. Ob er danach tatsächlich bereits ein «Teufelskerl» wird und in der NHL spielt, ist noch nicht klar. «New Jersey hat einen Platz im Team für mich freigehalten. Aber sie sagen auch klar: Ich muss mir den Platz verdienen.» Einen Plan B gibt es vorderhand nicht. Möglich wäre eine Saison in der Schweiz beim SC Bern. Doch davon ist kaum auszugehen.

Botschafter für die Schweiz

Hischier hat aufregende Tage hinter sich. «Aber ich konnte sie geniessen. Und manchmal ist mir die Zeit in Übersee wie ein Traum vorgekommen.» Um diesen Traum weiterleben zu können, investiert Hischier viel. Er ist dabei gewissermassen auch als Botschafter für das Schweizer Eishockey tätig. Nie zuvor wurde ein helvetischer Spieler derart mit Lobeshymnen überschüttet vor seiner eigentlichen Karriere. Auch deshalb gibt es noch immer die eine oder andere Unklarheit bezüglich Hischiers Herkunft. «Es kommt schon noch vor, dass manch einer denkt, ich sei von Schweden.»

Hischier macht sich auf, das zu ändern. Eines ist dabei jetzt schon klar: Seine Freundin, eine Gymnasiastin aus Freiburg, wird ihn vorerst nicht nach Newark begleiten. Sie muss zuerst die Schule abschliessen. «Auch sie geht ihren Weg – und das ist richtig so», sagt Hischier.