Am 18. Juli 2018 fällt  einen Entscheid, der aufhorchen lässt. Der Präsident der Toronto Raptors transferiert DeMar DeRozan und Jakob Pöltl zu den San Antonio Spurs, Kawhi Leonard und Danny Green wechseln im Gegenzug nach Kanada. Er müsse etwas riskieren, sagt Ujiri wenige Tage später. So, wie es in den letzten Jahren gelaufen sei, könne es nicht weitergehen. Wenige Wochen zuvor waren die Raptors als bestes Team der Eastern Conference in der zweiten Runde der Playoffs an den Cleveland Cavaliers gescheitert.

Es war also wie immer in den letzten fünf Jahren: Auf eine starke Qualifikation folgt irgendwann in den Playoffs der Einbruch. Damit müsse nun Schluss sein, meint Ujiri, und dieser unbändige Wille nach Veränderung treibt ihn an, selbst DeRozan auf den Verhandlungstisch zu legen. Den unbestrittenen Star des Teams, den Publikumsliebling, der neun Jahre in Toronto verbracht hat und dem früher offenbar versichert worden war, er wäre nicht Teil eines Tauschgeschäfts, sollte es so weit kommen.

Freilich stösst Ujiri mit seiner Aktion nicht nur auf Gegenliebe. Die Skepsis in der bevölkerungsreichsten Stadt Kanadas ist gross, ob Leonard in die Fussstapfen des loyalen, treffsicheren DeRozan würde treten können, zumal er in der Saison 2017/18 in San Antonio gerade einmal neun Spiele bestreiten konnte, ehe ihn eine Oberschenkelverletzung ausser Gefecht setzte.

Raptors-Präsident Masai Ujiri feiert zusammen mit der Mannschaft.

Raptors-Präsident Masai Ujiri feiert zusammen mit der Mannschaft.

Die Zuversicht wird zudem getrübt, nachdem Dwane Casey, der amtierende Trainer des Jahres, durch seinen Assistenten Nick Nurse ersetzt wird, der zwar elf Jahre in England war und zweimal Meister wurde, aber noch über keine Erfahrung als Cheftrainer in der NBA verfügt. Das Verpassen der Playoffs scheint vor der Saison für viele Fans der Raptors ein weit realistischeres Szenario zu sein, als um den Titel spielen zu können, wie es sich auch die Klubverantwortlichen wünschen würden.

Leonard, überragender Akteur

330 Tage nach Ujiris riskantem Trade sind die Toronto Raptors NBA-Champions. Zum ersten Mal in der 24-jährigen Klubgeschichte, und zum ersten Mal überhaupt holt sich ein Team ausserhalb der USA diesen Titel. Mit 4:2-Siegen entthronen die Raptors den amtierenden Meister und Dominator der letzten Jahre, die Golden State Warriors. Kawhi Leonard, der für kommende Saison noch ohne Vertrag dasteht, spielt in der Finalserie eine prägende Rolle und wird verdientermassen zum wertvollsten Spieler gewählt.

Es ist die zweite derartige Auszeichnung für den 27-Jährigen nach 2014, als er mit San Antonio den Titel holte. Doch Leonard ist während dieser ganzen Playoffs der überragende Akteur im Team Torontos. In der 2. Runde gegen Philadelphia schreibt er Geschichte, als er als erster Spieler überhaupt eine siebte Partie mit einem Korb in letzter Sekunde entscheidet. Gegen Milwaukee führt er sein Team nach zwei Niederlagen zu vier Siegen in Folge, und gegen die offensivstarken Warriors besticht er nicht nur mit starker Verteidigungsarbeit, sondern skort auch in drei Partien über 30 Punkte.

140 000 Dollar für zwei Tickets

Mit jedem Sieg der Raptors, die vor allem auch als Kollektiv zu überzeugen wissen, wuchs in Kanada die Euphorie. Im ganzen Land wurden diverse Public-Viewing-Zonen eingerichtet, viele Fans campierten tagelang beim Stadion, damit sie sich einen der 5000 Plätze im «Jurassic Park» ergattern konnten.

Wer das Geschehen in der Halle verfolgen wollte, musste sowohl in Toronto als auch in Oakland tief in die Tasche greifen. Das billigste Ticket für Spiel 6 in Oakland, das letzte in der Oracle Arena nach 47 Jahren, wurde bei Ticketmaster für 500 Dollar angeboten. Ein unbekannter Käufer bezahlte für zwei Tickets am Spielfeldrand gar sagenhafte 140 000 Dollar – ein neuer Rekord in der Geschichte der NBA-Finals.

Raptors-Präsident Masai Ujiri erhält am Donnerstagabend in einer Loge der Arena die Gewissheit, dass sich das Risiko gelohnt hat, das er am 18. Juli 2018 eingegangen ist; dass sein Team in Toronto eine Titellosigkeit beendet hat, die im Baseball seit 1993 und im Eishockey gar seit 1967 andauert. Er lächelt. Dass es die Raptors sein würden, die diese Serie beenden, hätte ihnen niemand zugetraut.