Eishockey-WM
Der Strand kann warten: Die Schweiz will in den Halbfinal - und Kanada zittert vor dem Angstgegner

Die Schweiz steht vor ihrem bisher wichtigsten WM-Spiel: dem Viertelfinal gegen Kanada. Gegen die Nummer eins der Weltrangliste machte man zuletzt an den Titelturnieren mehrheitlich positive Erfahrungen. Auch am Donnerstag-Nachmittag?

Marcel Kuchta
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Die Schweizer während des Abschlusstrainings in der eindrucksvollen Steel-Arena in Kosice.

Die Schweizer während des Abschlusstrainings in der eindrucksvollen Steel-Arena in Kosice.

Keystone

Es spricht für die Mentalität in der Schweizer Delegation, dass man sich hohe Ziele setzt. Nationaltrainer Patrick Fischer wurde im Verlauf der bisherigen zwei WM-Wochen nie müde zu betonen, dass das Erreichen des Viertelfinals zwar schön ist und gleichbedeutend mit der Erfüllung der selbst auferlegten Pflicht.

Aber die Erwartungshaltung ist inzwischen eine andere. Und der nächste, anvisierte Meilenstein klar: Am Freitag soll die Rückreise nach Bratislava erfolgen, um sich für den Halbfinal vom Samstag vorzubereiten. Und nicht, um den Transfer direkt zum Wiener Flughafen und damit die Heimreise anzutreten.

Der Gegner, der sich den Schweizer Ambitionen heute Nachmittag (16.15 Uhr) in den Weg stellt, heisst Kanada. Ein harter Brocken. Aber eigentlich ist es egal, welches Team in diesem Viertelfinal in Kosice auf der anderen Seite steht.

Einfach und konsequent

Die Mannschaft ist inzwischen selbstbewusst genug, um sich mehr auf die eigenen Stärken zu besinnen, als in Ehrfurcht vor dem Kontrahenten zu erstarren. Auch wenn die letzten drei WM-Spiele gegen die «grossen» Teams aus Schweden (3:4), Russland (0:3) und Tschechien (4:5) verloren gingen, dürfen die Schweizer mit einem gesunden Selbstvertrauen in das Duell gegen die Kanadier gehen.

Die offene Rechnung der Kanadier

Man kann nicht sagen, dass man in Kanada in Euphorie ausgebrochen ist, als bekannt wurde, dass man im Viertelfinal gegen die Schweiz antreten muss. Ein Blick auf die letzten fünf WM-Vergleiche zwischen den beiden Mannschaften zeigt, dass die Bilanz der Schweizer gegen die Nummer 1 der Weltrangliste positiv ist. Dreimal ging man als Sieger vom Eis. Zuletzt im Vorjahr im Halbfinal. Auch deshalb haben die Kanadier eine offene Rechnung mit ihrem Angstgegner. Man darf also davon ausgehen, dass die Canucks diese Aufgabe mit der gebotenen Ernsthaftigkeit angehen werden. Trotzdem sind die Chancen der Schweizer, einen weiteren Coup zu landen, besser als noch im Vorjahr. Ein Blick auf die Kaderliste der Kanadier zeigt, dass man die ganz grossen NHL-Stars heuer vergeblich sucht. Nach der verletzungsbedingten Abreise von Toronto-Superstar John Tavares erst recht. Mark Stone und Jonathan Marchessault von den Vegas Golden Knights gehörten in der Vorrunde zu den offensiven Triebfedern. Sowieso liegt die Stärke der Ahornblätter eher in der Abteilung Attacke. Auf der Goalieposition und in der Verteidigung sucht man vergeblich nach Prominenz. Aber das muss ja nichts heissen.

Die Erfahrung der letzten zwei Wochen hat gezeigt, dass die Mannschaft an einem guten Tag mit jedem Gegner auf Augenhöhe agieren kann. Gegen die in der Weltrangliste hinter den Schweizern klassierten Teams tat sich bisweilen ein deutlicher Klassenunterschied auf.

Und sogar gegen die übermächtigen Russen gab es Phasen, in welchen die Schweiz die «Sbornaja» in Verlegenheit brachte. «Fakt ist: Spielen wir einfach und konsequent, sind wir megagefährlich. Spielen wir kompliziert und nehmen zu viel Risiko, laufen wir der Scheibe hinterher», umschreibt Patrick Fischer die Faktoren, die über Erfolg und Misserfolg entscheiden.

Unfähig, Überzahl-Situationen auszunutzen

Klar ist, dass die Schweizer ihre Probleme im Powerplay endlich in den Griff bekommen müssen. Man redet jetzt schon fast zwei Wochen über die Unfähigkeit des Teams, die Überzahl-Situationen auszunutzen.

Die Erfolgsquote ist mit 11,4 Prozent jämmerlich. Umso mehr, als die Schweiz das Team war, das mit Abstand am meisten Überzahl spielen durfte. Spätestens jetzt müssen die Pucks rein. Zumal die Kanadier mit einer sagenhaften Erfolgsquote von über 50 Prozent (!) diesbezüglich bisher das Mass aller Dinge waren an diesem WM-Turnier.

Im Abschlusstraining der Schweizer, die am Mittag die gut fünfstündige Zugfahrt von Bratislava nach Kosice absolviert hatten, war nicht genau ersichtlich, mit welchen Sturmformationen die Mannschaft heute auflaufen wird.

Übermotivation abstreifen

Man darf aber davon ausgehen, dass Fischer nicht schon wieder alles auf den Kopf stellen wird. Im Tor dürfte mit grösster Wahrscheinlichkeit Leonardo Genoni stehen, der zuletzt zweimal herausragende Leistungen gezeigt hat gegen die Kanadier.

Die letzten 5 WM-Duelle zwischen der Schweiz und Kanada

WM-Vorrunde 2012

2:3 – Der Anfang vom Ende einer enttäuschenden WM
Die Schweizer waren in Helsinki mit zwei Siegen gut in die WM gestartet. Doch dann ging es nur noch abwärts. Gegen Kanada gab es die zweite von letztlich fünf Niederlagen in Serie. Dabei hatte die Mannschaft von Nationaltrainer Sean Simpson gegen die Ahornblätter lange gut mitgehalten. Damien Brunner brachte die Schweiz in Führung, Goran Bezina gelang im Schlussdrittel der zwischenzeitliche Ausgleich. Auf Getzlafs 2:3 hatte man dann keine Antwort mehr.

WM-Vorrunde 2013

3:2 n. P. – Suris Penaltys auf dem Weg Richtung Silber
Die Schweizer und Penaltyschiessen – das war und ist keine Liebesbeziehung. Deshalb war es umso erstaunlicher, dass die Eisgenossen 2013 in Stockholm gegen die Kanadier die Kurzentscheidung gewannen. Es war der zweite von neun Siegen in Serie auf dem Weg zur sensationellen Silbermedaille. Nach der Verlängerung stand es 2:2 (Schweizer Torschützen Hollenstein und Niederreiter). Im Penaltyschiessen traf schliesslich Reto Suri gleich doppelt.

WM-Vorrunde 2015

2:7 – Eine Schlappe unter dem ratlosen Glenn Hanlon
Zugegeben: Die Kanadier stellten in Prag eine Übermannschaft, die mit zehn Siegen schnurstracks zum WM-Titel durchmarschierte. Die Schweizer qualifizierten sich zwar mit Ach und Krach für die Viertelfinals, gaben unter dem ratlosen Nationaltrainer Glenn Hanlon aber keine gute Figur ab. Auch gegen die Kanadier.
Bis auf Morris Trachslers Ausgleich zum zwischenzeitlichen 1:1 gab es nichts zu bestellen. Den zweiten Schweizer Treffer erzielte Damien Brunner (zum 2:5).

WM-Vorrunde 2017

3:2 n. V. – Der grosse Auftritt des Fabrice Herzog
Die Dinge schienen im Paris ihren gewohnten Lauf zu nehmen, als die Kanadier nach sechs Minuten durch Marner und O’Reilly bereits mit 2:0 führten. Doch die Schweizer zeigten sich von ihrer zähen Seite. Der für Jonas Hiller eingewechselte Leonardo Genoni hielt alles. Und dann kam der grosse Auftritt von Stürmer Fabrice Herzog. Erst verkürzte er im letzten Drittel auf 1:2. Nach Praplans Ausgleich (49.) war schliesslich wieder der ZSC-Stürmer der Held in der Verlängerung.

WM-Halbfinal 2018

3:2 – Der Exploit gegen McDavid und Co.
Nach dem sensationellen 3:2 im Viertelfinal gegen die Finnen schalteten die Schweizer im Halbfinal in Kopenhagen auch die klar favorisierten Kanadier (u. a. mit Superstar Connor McDavid) aus. Scherwey brachte die Schweiz in der 19. Minute in Führung. Nach Horvats Ausgleich (28.) kam die Reaktion. Hofmann erzielte das 2:1 für die Schweiz, Haas baute den Vorsprung in der 45. Minute aus. Kanada gelang nur noch der Anschlusstreffer durch Parayko (55.). (ku)

In der Verteidigung ist der Einsatz von NHL-Verteidiger Yannick Weber fraglich. Der 30-Jährige hatte im Spiel gegen Tschechien einen hässlichen Crosscheck an den Hals einstecken müssen und spürte am Mittwoch die unerfreulichen Folgen.

Patrick Fischer unterstrich am Abend vor dem Viertelfinal noch einmal, dass seine Mannschaft die Übermotivation des letzten Spiels abstreifen muss. «Das darf uns nicht mehr passieren.» Energiespielern wie Tristan Scherwey kommt in so einem entscheidenden Spiel trotzdem eine Schlüsselrolle zu.

Der SCB-Stürmer sagt: «Jetzt zählt nur noch eins: Wir wollen für die Halbfinals um jeden Preis nochmals nach Bratislava zurückkehren. Jetzt heisst es: Halbfinal oder Strand! Und der Strand kann warten.»