«Wir schaffen das.» Ein Satz, verzahnt mit Angela Merkel. Wohl auf Lebzeiten. Auch Walter De Gregorio hängt ein Satz am Revers, der auch bei 90 Grad nicht reingewaschen wird. «Dies ist ein guter Tag für die Fifa.» Es ist der 27. Mai 2015. Der Tag, als im Morgengrauen sieben hochrangige Fifa-Funktionäre festgenommen werden. Es ist De Gregorios grosser Tag. Oben, auf dem Zürichberg, im Home of Fifa. Und die ganze Welt hört zu.

Ein guter Tag für Walter De Gregorio: Der ehemalige Blatter-Gefährte schaut sich entspannt ein Fussballspiel im Letzigrund-Stadion an.

Ein guter Tag für Walter De Gregorio: Der ehemalige Blatter-Gefährte schaut sich entspannt ein Fussballspiel im Letzigrund-Stadion an.

Sepp Blatter, der Fussballkönig, mag nicht erklären, was an diesem Morgen im Hotel Baur au Lac vorgefallen ist. Also muss De Gregorio ran. «Blatters Bodyguard», wie ihn «Die Zeit» mal bezeichnete. «Dies ist ein guter Tag für die Fifa.» Für viele in der ach so harmonischen Fifa-Familie eine eigenartige Sicht der Dinge. Die Frauen der Verhafteten sind entrüstet. Capo Blatter im Reduit wird mit Beschwerden eingedeckt. Gut möglich, dass er danach kippt.

Eigentlich gründet das dissonante Ende zwischen Blatter und De Gregorio auf einem Missverständnis. «Ich bin kein Mediensprecher im klassischen Sinn», sagt De Gregorio. «Mein Leben war Journalismus. Von Schönwetter zu reden, wenn es draussen schifft, das ist nicht mein Ding.» Sein berühmter Satz wurde übrigens im Vorfeld mit dem Management abgesprochen. Auch Blatter soll auf Grün geschaltet haben.

Es ist nicht nur dieser Satz. De Gregorio muss in den letzten fünf Jahren ziemlich viel einstecken. Hochverrat wirft ihm die Journaille vor, als er 2011 die Seiten wechselt. Hatte er nach der Vergabe der Weltmeisterschaften an Russland und Katar nicht eben noch in der «Weltwoche» geschrieben: «Natürlich ist die Fifa korrupt. So wie wir alle korrupt und korrumpierbar sind.» Es war ein Pamphlet gegen die Heuchelei, kein Plädoyer für die Korruption, sagt De Gregorio heute. Doch der Artikel, der als Polemik gedacht war, wurde ihm vor allem in deutschen Medien bei jeder Gelegenheit um die Ohren gehauen.

Am Tische vereint: Ex-Präsident Sepp Blatter (Mitte) spricht an der Seite von Jerome Valcke (l.) und Walter De Gregorio (r.).

Am Tische vereint: Ex-Präsident Sepp Blatter (Mitte) spricht an der Seite von Jerome Valcke (l.) und Walter De Gregorio (r.).

Wie auch ein Interview in der «Weltwoche», das er zusammen mit Chefredaktor Roger Köppel geführt hat. Metaphorisch: Blatter setzt sich in die Badewanne, Roger Köppel und Walter De Gregorio schruppen so lange, bis der Sonnenkönig in Hochglanz erstrahlt. Der Vorwurf an De Gregorio, Sohn italienischer Einwanderer: Er habe sich damit für den Job als Fifa-Kommunikationsdirektor beworben, den er ein halbes Jahr später bekam. «Blödsinn», sagt De Gregorio. «Einen solchen Top-Job bekommt man nicht mit einem Zeitungsartikel.»

Tatsächlich war nicht das Interview, sondern Mohamed bin Hammam De Gregorios Badge ins Home of Fifa. Lange deutet nichts auf eine Kampfwahl im Jahr 2011 hin. Doch dann meldet der Mann aus Katar plötzlich seine Ambitionen an. Blatter braucht externe Berater. In De Gregorio sieht er den smarten, schnelldenkenden und sprachgewandten Problemlöser.

De Gregorio bleibt nach Blatters Wahl an Bord, steigt zum Direktor Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit auf. In der Fifa ist er der «Seckel, der als Journi die Fifa durch den Kakao gezogen hat». Auf der anderen Seite wird er von jenen als «geldgeiler Verräter» gegeisselt, die ihn ein Jahr zuvor noch zum Sportjournalisten des Jahres gewählt haben.

Grau, die Farbe für Weisheit

Brust raus, stolzer Walter. Der Horizont ist definiert: Vier Jahre durchs Fegefeuer, danach in Blatters Schatten abtreten. So wars besprochen. Blatters Forderung an De Gregorio lautet: «Schau, dass ich in vier Jahren durch die Vordertür rausgehen kann.» De Gregorio sagt: «Wird schwierig, aber kriegen wir vielleicht hin. Voraussetzung: Es ist und bleibt dein letztes Mandat.»

Etwa auf halber Strecke schwenkt Blatter um. Warum? «Keine Ahnung», sagt De Gregorio. Allein, dass Blatter in seiner vermeintlich letzten Amtszeit eine Ethikkommission eingesetzt hat, deutete auf seinen Rücktritt 2015 hin. Doch die Anzeichen verdichten sich, dass Blatter nicht abtreten will. Und für De Gregorio beginnt der Deutungskampf gegen der Rest der Welt. Wo er auf der Welt auch hinkommt, wollen sie ihm respektive der Fifa und Blatter an den Kragen.

«Ich mag ihn. Er ist wie der Papi, den man am liebsten knuddeln würde», sagt De Gregorio, selbst Vater von drei Kindern. «Man kann es mit ihm sehr lustig haben. Aber Blatter hat auch eine andere Seite. Jene des Präsidenten.» Als jener wird er fortlaufend desperater und für De Gregorio schwer handlebar.

De Gregorio rechtfertigt sich vor der hungrigen Presseschar.

De Gregorio rechtfertigt sich vor der hungrigen Presseschar.

«Fifa-Chef Sepp Blatter, sein Kommunikationschef und der Generalsekretär sitzen im Auto. Wer fährt? Die Polizei.» De Gregorios Witz bei «Schawinski» brachte das Fass nicht zum Überlaufen. Sagt er selbst. Wenngleich er wenig später seinen Rücktritt gab.

Was bleibt nach vier Jahren Fifa? «Hätte ich einen schlechten Job gemacht, hätte ich keine Abgangsentschädigung kassiert. Hätte ich etwas Illegales gemacht, würde ich jetzt nicht hier sitzen. Die Fifa hat mir viele Türen geöffnet. Auch jene zum Papst. Allein für den gesegneten Rosenkranz, den ich meiner Mutter aus dem Vatikan mit nach Hause brachte, hat sich die Zeit bei der Fifa gelohnt – zumindest für meine Mutter.»

De Gregorio wäre auch heute noch ein begnadeter, geistreicher Geschichtenerzähler. Doch sein einst unerschütterlicher Glaube an die Zukunft des Journalismus ist brüchig geworden. Und zurück ins Rampenlicht zieht es den studierten Historiker auch nicht. De Gregorio will aus dem Hintergrund operieren. Er hat eben erst eine international ausgerichtete Beratungsfirma gegründet. Greg and Grey.

Greg, weil der Mann aus Frick an der Uni so gerufen wurde. Grey, weil er findet, Grau stehe für Seriosität, Weisheit und Erfahrung. «Ich habe dank meiner Arbeit bei der Fifa viele gute Kontakte im arabischen und asiatischen Raum. Mit meiner Firma helfe ich unter anderem Unternehmern, in China oder im Nahen Osten Fuss zu fassen. Auch mithilfe des Fussballs, der ein hervorragender Türöffner ist.» Er schafft das. Wahrscheinlich. Ziemlich sicher.