Michelle Heimberg

Der Sprung in die Traumwelt: «Eine olympische Medaille ist das Ziel von jedem Sportler»

Michelle Heimberg setzt auf dem 3-Meter-Brett an der Wasserspring-EM in Kiew zum Höhenflug an.

Michelle Heimberg setzt auf dem 3-Meter-Brett an der Wasserspring-EM in Kiew zum Höhenflug an.

Einst war Michelle Heimberg Kunstturnerin – nun holt die 17-Jährige EM-Silber im Wasserspringen.

Es ist ein Sprung in eine Traumwelt. Michelle Heimberg, eben erst 17 Jahre jung geworden, gewinnt an der Wasserspring-EM in Kiew die Silber-Medaille vom 3-Meter-Brett. Es ist ein Erfolg, den es so für die Schweiz noch nie gegeben hat. Das erste Edelmetall, seit es 1926 Titelkämpfe gibt. «So langsam realisiere ich, was mir gelungen ist», sagt die Aargauerin am Tag nach ihrem Erfolg.

Der Sprung von Michelle Heimberg im Video:

Die Geschichte von Heimberg ist aussergewöhnlich. Als sie vier Jahre alt ist, findet sie zum Kunstturnen. Beim TV Lenzburg beginnt ihre Reise. Ziemlich rasant. Bald ist sie im Nachwuchs Nationalkader. Aber bald kommen Hindernisse. «Das Kunstturnen war meine grosse Leidenschaft», sagt sie, «aber der Körper hat nicht mitgemacht.»

Bis zu 25 Stunden Training pro Woche sind zu viel. Erst bricht die linke Kniescheibe. Ein Jahr später die rechte Kniescheibe. Nicht wegen Stürzen. Es sind Ermüdungsbrüche. «Der Arzt sagte mir: Kunstturnen ist nicht mehr die richtige Sportart für dich», blickt Heimberg zurück. Doch die Leidenschaft Sport bleibt. «Meine Eltern sagten jeweils: Ich muss Sport machen – sonst bin ich unaushaltbar›.» Also muss eine neue Leidenschaft her. Klar sind nur zwei Dinge: «Erstens, es muss knieschonend sein. Und zweitens eine olympische Disziplin. Der Traum einer Olympiamedaille hege ich schon seit klein.»

Michelle Heimberg gewinnt sensationell die Silbermedaille:

Die Suche nach der neuen Leidenschaft geht los. Heimberg probiert das Rudern. Langweilig. Heimberg probiert das Schwimmen. Langweilig. Dann der Versuch im Wasserspringtraining. Es folgt gleich der erste Kadertest. Bestanden. Und das Feuer ist neu geweckt. Das war mit 12 Jahren. Seither folgt der kontinuierliche Weg an die Spitze. 2015 an der Nachwuchs-EM in Moskau gewinnt Heimberg eine erste Medaille (Bronze). Bald wird klar: Sie will voll auf den Sport setzen.

Schule? Nicht kompatibel!

Der Trainingsaufwand ist auch heute etwa gleich gross wie damals beim Kunstturnen, rund 25 Stunden pro Woche. Doch die Bedingungen in ihrer Heimat sind nicht optimal. In Aarau hat sie nur ein 1-Meter-Brett zur Verfügung (diese Disziplin ist nicht olympisch). Also muss eine Lösung her. Im August 2016 zieht Michelle Heimberg nach Genf zu einer Gast-Familie. Sie gibt auch die Schule auf. Nach einem Jahr an der Kantonsschule Aarau wechselt sie auf ein Fernstudium. «Ein Trainingspensum wie meines ist nicht kompatibel mit einer normalen Schule», sagt sie.

In Genf sind die Bedingungen optimal. Sie kann im Wasser trainieren. In der Nähe befindet sich zudem eine Turnhalle für die Einheiten am Trampolin. Zudem besucht Heimberg mit einem Trainingspartner in Lausanne Ballett-Stunden bei einer Privatlehrerin. «Dabei kann ich viel lernen für meine Körperbewegungen auf dem Brett.»

Und nun also der erste Gross-Erfolg. «Ehrlich gesagt bin ich ein bisschen von mir selbst überrascht», sagt Heimberg ins Telefon in Kiew. In der Qualifikation wurde sie «nur» Elfte. «Ich war etwas nervös. Zum Beispiel wegen der Kameras, die einen ständig begleiten.» Danach sagt sie sich: «Einfach geniessen!» Und plötzlich gewinnt sie Silber. An ihren ersten Elite-Meisterschaften überhaupt.

Das weckt – natürlich – Erwartungen. Olympia 2020 in Tokio ist das grosse Ziel. «Zuerst einmal qualifizieren, aber logisch, eine olympische Medaille ist das Ziel von jedem Sportler», sagt Heimberg. Bis dahin bleibt noch einige Zeit. Erst einmal, um die Traumwelt zu geniessen.

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