Nordische Ski-WM
Der Sprint des Lebens: Nathalie von Siebenthal läuft in Lahti im Skiathlon auf den famosen 4. Rang

Noch vor wenigen Monaten kannte man sie kaum - jetzt hat sich Jahrzehnt-Talent Nathalie von Siebenthal endgültig ins Scheinwerferlicht katapultiert. Im Skiathlon läuft sie dank einem unglaublichen Schlussspurt auf den vierten Rang, das beste Resultat ihrer Karriere. Nun träumt die Bäuerin von Medaillen.

Rainer Sommerhalder
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Nathalie von Siebenthal realisiert mit dem vierten Rang im Skiathlon das beste Resultat ihrer Karriere.
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30 Jahre ist es her, dass ein Schweizer Langläufer ein besseres Resultat erzielt hat.
Nordisch WM, Lathi,Langlauf, Skiathlon: Nathalie von Siebenthal wird 4.
Bei der Stadioneinfahrt nimmt sie den vordersten Platz der Verfolgungsgruppe ein.
In der Zielgeraden lässt sich von Siebenthal (r.) nicht mehr von der Spitze verdrängen.
Die Bäuerin hat im Schlusspurt gefährlich viel Vorlage.
Nach dem Zieleinlauf ist sie völlig ausgepowert.
Annerkennung von der Konkurrenz: Die Österreicherin Teresa Stadlober umarmt von Siebenthal.
«Dieser Spurt war der Hammer», freut sich die Schweizerin nach dem Rennen.

Nathalie von Siebenthal realisiert mit dem vierten Rang im Skiathlon das beste Resultat ihrer Karriere.

Keystone

Es sind 150 Meter, die das Wesen von Nathalie von Siebenthal perfekt widerspiegeln. Der sensationelle Zieleinlauf zu Rang 4 beim WM-Skiathlon in Lahti. Das beste Resultat ihrer Karriere lässt die Jungbäuerin aus dem Berner Oberland in sportlich neue Dimensionen vorpreschen. Der nächste Schritt heisst WM-Podest. Dies hat zuletzt und bisher einzigartig Evi Kratzer vor genau 30 Jahren geschafft. Seither war keine Schweizer Langläuferin besser als von Siebenthal.

Zurück zu diesem Endspurt einer Athletin, die berüchtigt ist für ihre Schwäche auf den letzten Metern. Nathalie von Siebenthal kann vieles, sprinten gehört im Grunde nicht dazu. Dafür fehlt es dem Fliegengewicht schlicht an Kraft. Die Oberarme der norwegischen Weltmeisterin Marit Björgen etwa konkurrenzieren punkto Umfang mit von Siebenthals Oberschenkeln.

Dennoch sieht die 23-Jährige für ihre sportliche Zukunft keine Grenzen, spricht über Medaillen als realistisches Ziel in den nächsten Jahren. Wieso also nicht auch bei der Stadioneinfahrt forsch den vordersten Platz in dieser Verfolgergruppe hinter den früh enteilten Björgen, Krista Pärmäkoski und Charlotte Kalla einnehmen? Erst recht nach einer rasanten Abfahrt. Schliesslich gilt runterfahren als weitere Schwäche der gelernten Landwirtin aus Saanen bei Gstaad. Kein Wunder bei einer Körpergrösse von 1.58 m und einem Gewicht von nur...

Fliegengewicht nimmt Fahrt auf

Ja wie viel wiegt die zierliche Athletin denn nun genau? Gemäss Steckbrief von Swiss Ski sind es exakt 50 Kilogramm. Oder noch weniger? Von Siebenthal beantwortet die Frage nach dem Gewicht elegant: «Es ist genau richtig für meine Grösse». In Lahti ist es auch genau richtig, um als Erste der Vierergruppe in die Schlusskurve einzubiegen. Nicht zuletzt dank hervorragendem Material. «Die schnellsten Skis von allen», wie es die Berner Oberländerin in ihrer euphorischen Stimmung im Ziel auf den Punkt bringt.

Offenherzig und spontan: Die Natürlichkeit der Berner Oberländerin kommt gut an.

Offenherzig und spontan: Die Natürlichkeit der Berner Oberländerin kommt gut an.

Keystone

Der Kampf um Platz 4 sagt auch einiges über den Ehrgeiz des Schweizer Jahrzehnt-Talents aus. Nathalie von Siebenthal lässt sich auf der endlos langen Zielgeraden nicht mehr von der Spitze verdrängen, wirft alles in die Waagschale. Notabene im direkten Duell mit Heidi Weng, der bisherigen Saisondominatorin und Siegerin der Tour de Ski. Nathalies Sprint ist unkonventionell, zweimal stolpert sie.

Ja, die Technik -eine weitere Schwachstelle. Wie auch die Klassikrennen. Überhaupt erinnert von Siebenthal, obwohl längst in der erweiterten Weltspitze angekommen, noch immer an einen ungeschliffenen Juwel. Sie trainiert auch deutlich weniger als ihre Konkurrentinnen. Wobei sie selber die Arbeit auf dem elterlichen Hof in Lauenen und während des Sommers auf der Alp Marnex als Teil des Trainings ansieht. Zumindest steht ihr persönlicher Kraftraum zu Hause im Stall.

Auf den letzten Metern gibt Nathalie von Siebenthal gefährlich viel Vorlage, als wolle sie Simon Ammann beim Skispringen kopieren. Doch auch das passt zu ihr. Noch vor wenigen Monaten galt sie als schüchternes Landei, das im Umgang mit den Medien höchstens langweilige Floskeln von sich gibt.

Inzwischen erfreut sich die Öffentlichkeit über die natürliche Spontanität der 23-Jährigen. So auch im Herbst, als sie sich im Gespräch mit dieser Zeitung aus dem Fenster lehnt und offenherzig erklärt, sie glaube Dopingsünderin Therese Johaug die Story mit der Sonnencréme nicht. Als Reaktion gibt es einen Shitstorm der norwegischen Boulevardpresse. Seither nimmt sie sich beim Thema Doping wieder etwas zurück.

Gespannt auf die Aufzeichnung

Nicht so im Zielsprint an der WM in Lahti. Die Mixtur aus finnischer Kälte und eigener Aufregung über das beste Karriereergebnis ist im Anschluss derart gross, dass Nathalie von Siebenthal schlotternd in der Mixed-Zone zum Interview erscheint. Herzerwärmend dafür ihre Kommentare. «Dieser Spurt war der Hammer», sagt sie, «den muss ich mir im Fernsehen sicher noch oft anschauen.»

Nathalie von Siebenthal äusserte sich öffentlich zu den Dopingfällen im Langlauf.

Nathalie von Siebenthal äusserte sich öffentlich zu den Dopingfällen im Langlauf.

Keystone

Anerkennung gibt es auch von der geschlagenen Konkurrenz. Medaillenfavoritin Heidi Weng tätschelt der Bernerin anerkennend auf den Kopf. «Sie hat mir gratuliert, das ist natürlich cool. Von den Norwegerinnen ist ja nur Marit Björgen vor mir», freut sich von Siebenthal. Im Hintergrund tänzelt Langlauf-Chef Hippolyt Kempf an der Athletin vorbei, ballt kurz die Faust und grinst wie ein Olympiasieger.

Auch Teammanager Christian Flury ist die Freude vom Gesicht zu lesen. «Das gibt ihr wahnsinnig viel Selbstvertrauen für das Rennen über 30 km», sagt er, der seine Athletin in den letzten Tagen oft angespannt und nervös erlebt hat.

Und Nathalie von Siebenthal? Die hat während der Dopingprobe genügend Zeit, um emotional herunterzufahren. Denn hier ist sie nicht die Schnellste. Im Gegenteil: nach über zwei Stunden gibt sie als Letzte ihre Probe ab. Aber auch das sei typisch für sie.